Die Macht der Worte

20.03.2007 | Wolf Schneider

Neulich las ich in der New York Times, die als die beste Zeitung der Welt gilt (zu Recht, meine ich), einen Bericht über NATO-Truppen in Afghanistan. Die Militärs rückten in eine Gegend vor, die sie von Taliban frei machen sollten: "(to) clear it of Taliban insurgents".

So ähnlich wie das deutsche Wort "klären/befreien von" wird auch im Englischen das "clearing" verwendet, in Fällen, wo etwas verstopft ist, zugemüllt oder vernebelt und das Hindernis weggeräumt werden muss. Ein "clearing" ist auch eine Lichtung im Wald, wo Bäume abgeholzt wurden. So ähnlich werden sich die Militärs fühlen, wenn sie die Gegend von Aufständischen "klar machen". Das noch härtere Wort wäre "säubern", doch das gilt ja inzwischen als politisch inkorrekt. "Befreit" und "geklärt" wird allerdings noch immer – vom jeweils verhassten Gegner. Die Taliban würden sicherlich sagen, dass sie das Land von den NATO-Truppen "klar machen", befreien oder säubern würden und deshalb alle diese Mühen auf sich nehmen. Wenn der Gegner weg ist, ist das Land "frei". So geben sich die Kämpfenden bei ihrer Aktion das Gefühl, damit etwas Gutes zu tun.

Das sind alles nur Worte, ich weiß, aber Worte sind mächtig. Sie prägen die Art, wie wir die Dinge betrachten. Wenn ich jemanden sagen höre, dass er etwas säubert, dann weiß ich sofort, dass er die entfernten Objekte als Schmutz betrachtet, sie also negativ bewertet. Wer solche Worte mit wachem Bewusstsein liest, registriert die Bewertung und bleibt frei, sich selbst ein Urteil zu bilden. Wer aber liest schon so bewusst? Meist bekommen wir mit diesen Worten vielmehr vermittelt, dass die beschriebenen Objekte "so sind" und nicht, dass sie vom Autor so bewertet werden.

Die Sprache der Verwaltung

Immerhin kann man bei solcher uneingestanden bewertenden Sprache sich durch erhöhte Aufmerksamkeit vor Manipulation hüten. Schwieriger ist schon der Umgang mit der Verwaltungssprache, die wir von Behörden bekommen oder bei Kaufverträgen oder Nutzungsvereinbarungen zu unterschreiben haben. Die wird meist von Juristen formuliert, die sich damit "für alle Fälle" absichern wollen. Für den Anwender hingegen, der nicht vom Fach ist, sind sie eine Zumutung, schon von der Länge und Lesbarkeit her; von der abwesenden Eleganz mal ganz zu schweigen. Ich kenne kaum jemand, der solche Texte tatsächlich durchliest und bei den unverständlichen Stellen so lange nachfragt, bis er verstanden hat, dazu haben wir ja gar nicht die Zeit. Also unterschreiben wir mehr oder weniger blind und meist mit einem mulmigen Gefühl.

"Nach Ausheben einer Vertiefung liegt auch für den Urheber dieser Geländeveränderung ein Hineinstürzen im Bereich des Zutreffens". Nicht falsch, aber extrem knochig formuliert; ein Satz voller Substantive, eine Karikatur der Beamtensprache. Man hätte es einfacher sagen können: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Und auch die Formulierungskünstler unter den Beamten fallen in diese Gruben. Ihre Fantasie fällt dort hinein, die sprachliche Schönheit wird dorthin entsorgt und vor allem die Verständlichkeit stirbt dort, noch leise röchelnd oder seufzend – mit Verben sagte es sich doch viel schöner!?

Kurze Worte sind mächtiger

Wirkungsvolle Sprache verwendet alte Worte und kurze, oft sogar einsilbige – das war einer der Ratschläge von Winston Churchill, einem der mächtigsten Redner des 20. Jahrhunderts. In der berühmten Ansprache ans Parlament, in der er als frisch gewählter Premier die Engländer zum Widerstand gegen Hitler aufrief, sagte er: "I have nothing to offer but blood, toil, tears, and sweat". Das waren ehrliche Worte, kraftvoll und tief – für einen Politiker sehr ungewöhnlich. So sehr, dass später eine Musikgruppe daraus ihren Namen bezog: Blood, Sweat and Tears. Blut, Schweiß und Tränen, das sind keine komplizierten Worte. Jeder versteht sie. Schlicht und wuchtig drangen sie in die Seelen seiner Zuhörer und halfen ihnen, die Entbehrungen der Kriegsjahre zu ertragen und durchzuhalten.

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