Die Kraft des Egoismus. Subversion - ohne Krawall

26.07.2005 | Peter Oertle

Systemfehler lassen sich weder mit Gewalt noch mit mehr Gesetzen beheben. Politik, die im besten Sinn des Wortes "subversiv" ist, entsteht da, wo Egoismus bewusst wird. Ein Plädoyer für eine Revolution der kleinen Schritte.

Auf unserer herbstlichen Reise durch das Hochland von Sardinien kamen wir mit einer gestandenen Frau ins Gespräch und plauderten unter anderem über das italienischen Staatsoberhaupt Berlusconi und dessen Haus an der Costa Smeralda (Ostküste im Norden Sardiniens). Daraufhin fragte uns die Frau, ob wir denn wüssten, warum er sich noch nie in dieser Region aufgehalten habe. Ich vermutete, dass es ihm vielleicht zu gefährlich sei, er mit einem Attentat rechnen müsse oder so. Weit gefehlt, meinte ernsthaft die Seniora: "Der kommt nicht, weil der gar nicht weiss, dass es uns gibt."

Meine Augen wurden wässrig und ich spürte, wie recht diese Frau hatte. Menschen die sich ihr Brot in dieser kargen Gegend erarbeiten müssen, sind für ihn gar nicht existent. Wieviel sinngemässe Aussagen habe ich auf meinen jahrelangen Globetrotter-Streifzügen erlebt. Überall auf der Welt könnten Menschen Ähnliches über ihre Machthaber sagen. Mich überfällt dabei immer wieder das heulende Elend, dann hadere ich mit "Gott" über die Ungerechtigkeit - mit wem soll ich denn sonst hadern? Ich weiss auch nicht, wo ich anfangen könnte, dem Unrecht zu wehren. In solchen Momenten schwöre ich mir innerlich: Wenn ich mit etwas auf dieser Welt mein Geld verdienen will, dann muss es "subversiv" (umstürzlerisch) sein. Ich will mein Herzblut einsetzen, Systeme stürzen zu helfen, die Ungerechtigkeit und menschliche Ignoranz produzieren. Ich will gegen den Strom schwimmen. Ich will hin zur Quelle, um mit der "Kraft des Ursprungs" die festgefahrenen Glaubenssätze zu sprengen. Subversion ist vielleicht für viele ein "vergilbter" Ausdruck. Ich möchte ihn für diese Zeilen wieder aus der Schublade ziehen und versuchen, ihn neu zu interpretieren, ihm einen neuen Anstrich zu geben.

Lehrjahre

Mit dem Jahrgang 1950 gehöre ich zur 68er-Generation. Mit 18 war ich aber noch jung, um viel eigenes Denken in die umstürzlerischen Jahre einfliessen zu lassen. Ich war beeindruckt von den gewaltigen Erschütterungen, die das für mich damals unerschütterliche Establishment erlebte, wie vermeintliche Autoritäten an Glaubwürdigkeit verloren und unscheinbare Menschen sich von heute auf morgen als "Führungskräfte" entpuppten. Das Miterleben, wie die "Mächtigen" ohnmächtig waren, wenn ihre Glaubenssätze in Frage gestellt wurden, hat mich tief geprägt. Ich erlebte, wie für ein starres (autoritäres) System alles Aussergewöhnliche bedrohlich war, was allein eine "Beatles-Frisur" bei unseren Vorgesetzten auslösen konnte. Das war faszinierend. Ich lernte schnell, die Spreu vom Weizen zu trennen - diejenigen, die sich mit autoritärem Verhalten eine Machtposition sicherten, von den echten Autoritäten zu unterscheiden.

Nach drei Jahren Aufenthalt in Südamerika bin ich in den 80er-Jahren subito nach Zürich zurückgekehrt. Meine drei Brüder schrieben mir von der neuen Welle gegen das "Packeis". Die 80er-Revolte der Jugend brachte Leben in die Städte, und ich bin fast an jeder Demo lautstark, mit irgendeinem Pflasterstein in der Hand, herum gerannt.

Erst als die Repression stärker und der Widerstand schwächer wurde, hat mein Stein dann endlich auch (s)ein "lohnendes Ziel" gefunden. Der Knall, darauf das Rieseln des berstenden Glases und der bleierne Schreck, der sich rasend schnell und überall in den Gliedern ausbreitete, werde ich nie mehr vergessen. Nächtelang habe ich nicht mehr entspannt schlafen können. Mein Vater war zu dieser Zeit Jugendanwalt und -richter und musste oft an den Demo-Wochenenden Piketdienst schieben. Die Diskussionen mit ihm, bei meinen spärlichen Besuchen im Elternhaus, waren dementsprechend ausfallend und heftig. Er hat stand gehalten und ist (meistens) da geblieben. Heute bewundere ich ihn und bin ihm dankbar dafür. Ich habe daraus gelernt, dass auch ein "Berufsrebell", wie ein Lehrer mich einmal nannte, sich weiter entwickeln und differenzierter zu politisieren lernen kann.

Die moderne Welt hat sich auch weiter entwickelt - auf ihre Weise. Ihre Politiker tauschen nun vermehrt ihre grobschlächtigen Waffen gegen computergesteuerte ein und führen "saubere" Kriege. Angesichts dieser Entwicklung wächst in mir immer mal wieder die Überzeugung, dass nur etwas ganz Schreckliches die Dinge wieder ins Lot bringen kann. Manchmal ist es sogar schon fast eine Hoffnung, dass sich die Natur am Menschen rächt - dass sie sich wehrt und für Recht und Chaos sorgt. Und neben diesen gewaltigen Fantasien, die vielleicht gar nicht so weit entfernt von den Vorstellungen religiöser Fundamentalisten sind, wächst in mir das Bewusstsein, dass Subversion nichts mit herkömmlicher Gewalt zu tun haben muss. Der Selbstfindungsprozess ist ein gewaltiger Akt und hat bei uns, in einer zivilisierten Welt, viel mit Subversion zu tun.

Den "Kraftakt" sehe ich in erster Linie in einer "harten" Arbeit an und für sich selbst. Werde, was du bist - und weniger, was die Andern von dir erwarten. Sich selbst zu entdecken und die Wahrnehmung auf sich selbst zu richten, ist für viele (Männer) gar nicht so einfach. In einem nächsten Schritt den Mut aufzubringen, das Wahrgenommene zu akzeptieren und es dann im alltäglichen Leben - auch gegen Widerstand oder schräge Blicke - umzusetzen, ist wiederum kein Honigschlecken. Dieser ganze Prozess der Selbstfindung braucht aber noch einen weiteren Schritt, um wirklich subversive Wirkung zu haben: die Überwindung der Ich-Bezogenheit. Es kann nicht nur darum gehen, selber "ganz" zu werden, sondern sich auch als Teil des Ganzen zu verstehen. Deshalb gilt das persönliche Engagement ebenso den Mitmenschen und seinem ganzen Umfeld. Mann beachte die Reihenfolge: Es lohnt sich, die Arbeit an und für sich (selbst) eine gute Zeit lang in den Mittelpunkt zu stellen. Das Interesse an zwischenmenschlichen Beziehungen kann so vermehrt aus dem Bedürfnis nach Verbindlichkeit und weniger aus einem Manko (Nicht-allein-sein-können) heraus wachsen. Lukas Michael Moeller hat das kurz und treffend formuliert: "Wer nicht allein sein kann, sollte nicht heiraten."

Das System

Unser politisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches System baut darauf auf, dem Einzelnen die Verantwortung für sein Dasein abzunehmen. Gegen alles und jedes sind wir versichert. Die Weisheit, dass Leben lebensgefährlich sein kann, wird ignoriert. Dafür drohen wir, in der Illusion der Sicherheit gewogen, zu ersticken. Das sind gute Gründe, warum überall ein engherziger Materialismus die Szene beherrscht. Einzig und allein die finanziellen Erwägungen zählen, ob in Abstimmungen etwas abgelehnt oder angenommen wird. Eine Welt, die blindlings auf einen einseitigen (materiellen) Fortschritt hin taumelt, baut auf Ausbeutung. Diese betrifft den Menschen selbst und sein gesamtes Umfeld - mithin den ganzen Planeten. Ich glaube, das ist unterdessen vielen Menschen bewusst geworden. Diese Fehler des Systems können leider nicht wirklich behoben werden, indem das System durch noch mehr Gesetze verbessert wird. Das würde den Verwaltungsapparat und dessen horrende Kosten noch vergrössern und schlussendlich rechtfertigen. Die GesetzesbrecherInnen bekämen noch mehr Aufmerksamkeit, die GesetzeshüterInnen noch mehr Macht - und wir würden auf ein gesellschaftliches Alle-gegen-alle zu steuern, das noch mehr von der Angst diktiert wäre. Das kann es nicht sein.

Ich gehe des Öftern in der Vorstellung in ein "denkendes Wesen", das uns von "ausserhalb" beobachtet - so wie forschende Menschen Tierarten und ihre Lebensweise beobachten und ergründen. Was würde so ein Wesen über uns "zu Protokoll geben"? Ich vermute, dass es sich sehr wundern und über die Beweggründe rätseln würde, warum da eine Spezie lebt, die ihren eigenen Lebensraum zerstört und uneinsichtig ausbeutet, so dass auf kurz oder lang die eigene Lebensgrundlage vernichtet wird. Vermutlich würde es sich (auch) wundern, dass es die "Natur dieser Spezie" mit wenigen Ausnahmen bis heute versteht, sich an diese unnatürlichen Umstände zu gewöhnen.

Ausbeutung im erlebten Ausmass kann nur mit Beziehungslosigkeit einher gehen. Beziehungslosigkeit zu sich selbst, zu den Mitmenschen und zum ganzen Organismus Erde. Psychologisch ausgedrückt sehe ich den Narzissmus (übersteigerte Selbstliebe, Selbstbezogenheit) als "Weltneurose".

Ausweg

Der Ausweg liegt in einem paradoxen Ansatz. Ich bezeichne die "Weltneurose" als Narzissmus und plädiere für Selbst- oder Eigenverantwortung. Doch dies ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Eine konsequente Stärkung der Selbstverantwortung würde die Augen für das Wesentliche öffnen und uns erfahren lassen, dass wir auf Leben und Tod von einander abhängig sind. Dass eine unendliche Verkettung der Dinge uns aneinander "schmiedet", dass sogar das eigene Glück vom Glück des "Andern" abhängig ist. Das Übernehmen echter Selbstverantwortung würde uns erkennen lassen, wie die Gesetzmässigkeiten, die unser Innenleben regeln und uns physisch und psychisch "gesund" halten, dieselben sind, die unsere mitmenschlichen Beziehungen und die Beziehung zum Planeten Erde regeln. Ich gehe davon aus, dass die zehn Gebote (der Bibel) mit grösster Wahrscheinlichkeit eine Art Grundstock oder Orientierungshilfe sind. Viel mehr an "Ethik" bräuchte es vermutlich nicht, um miteinander in eine Auseinandersetzung zu gehen - ohne dass Angst und Anpassung regieren.

In der "Lösung" der Selbst- oder Eigenverantwortung liegt jedoch eine grosse Gefahr. Unter dem Etikett der "Eigenverantwortung" kann reiner Egoismus zelebriert werden - der neoliberale Narzissmus lässt grüssen! Je unbewusster diese menschlichste aller Neigungen ist, desto fataler ist ihre Wirkung. Gleichzeitig ist der Egoismus für mich eine wichtige Voraussetzung, um wirklich Selbst- oder Eigenverantwortung übernehmen zu können, ohne gröberen Schaden anzurichten. Ich zitiere nochmals die Bibel und formuliere die Aussage so um, dass aus "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" der Satz "Liebe dich selbst, wie deinen Nächsten" entsteht. (Ich meine, diese Aussage auch schon so herum gelesen zu haben.) Denn ich kann Andere nur wirklich "lieben", wenn ich mich selber gerne habe. Alles andere führt auf kurz oder lang in einen Machtkampf. Wenn es um Leben oder Tod geht, rettet jeder (hoffentlich) seine eigene Haut zuerst, denn nur lebend kann mann andere "Häute" retten. Mann braucht sich selbst - und das am besten in ausgewogenem, zufriedenen Zustand - um anderen eine wirkliche "Hilfe" zu sein. Ansonsten kann das gute Gefühl, gebraucht zu werden, zum Machtmissbrauch verleiten und Abhängigkeiten schaffen.

Bei Mutter oder Vater "Staat" sieht es im Moment so aus, als würde er (der Staat) die Menschen vermehrt zur Selbst- oder Eigenverantwortung anführen. Das täuscht aber über die Tatsache hinweg, dass alle Überlegungen nur ein Ziel verfolgen: Leistungsabau um zu sparen. Erzwungene Selbst- oder Eigenverantwortung ist aber kein Fortschritt, weil die Einsicht und das Bewusstsein fehlen. Die Menschen fühlen sich hintergangen: Sie haben ein Leben lang gearbeitet und darauf vertraut, dass alles für sie geregelt wird. Und jetzt sollen sie diese schützende Gewissheit plötzlich abgeben? Das muss Widerstand auf die Bühne des gesellschaftlichen Lebens rufen. Vielleicht aber öffnet die "Armut" unsere Herzen für einander, vielleicht auch für die Menschen über unsere Landesgrenzen hinaus?

Wünsche

Ich wünsche mir Männer und Frauen als MachtinhaberInnen in Politik und Wirtschaft, die sich ihrer egoistischen und narzisstischen Motive bewusst sind, um mit "gesundem" Egoismus ihre Eigenständigkeit zu markieren. Denn sie würden mit eigenen Konturen dem Wohl der Gemeinschaft dienen und sich selber weniger ins Rampenlicht setzen.

Ich wünsche mir Männer und Frauen als MachtinhaberInnen in Politik und Wirtschaft, die sich weder vor sich selbst noch vor ihrer Andersartigkeit einer Mehrheit gegenüber schämen. Denn für sie wäre das "Fremde" weniger bedrohlich, sie bräuchten es nicht auszugrenzen und könnten es damit intergrieren.

Ich wünsche mir Männer und Frauen als MachtinhaberInnen in Politik und Wirtschaft, die weniger "selbstsicher" auftreten. Denn im Angesicht von Führungskräften, die nicht alles im Griff haben und nicht von politischen "Fast-Food-Rezepten" zehren, hätte auch das Volk vermehrt mit zu denken.

Ich wünsche mir Männer und Frauen als Mitmenschen, die dem "Aussergewöhnlichen" mehr Glauben schenken als den populären Produkten der Werbung. Denn ein Paradigmenwechsel braucht Mut und Vertrauen in das "Ungewöhnliche", vielleicht sogar in das "Paradoxe".

Wo finde ich Menschen, die eine in diesem Sinne subversive, politische Stossrichtung verfolgen und die sich für das "Unkonventionelle" stark machen? Auf meiner Suche habe ich vor bald zwei Jahren mit sieben anderen Männern zusammen, "männer.ch", ein Forum für männergerechte Politik, initiiert. Zusammen schauen wir in eine Zukunft, wo "unmöglich" eine Meinung sein darf, aber keine Tatsache ist.

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