Die Joghurt-Lüge

22.01.2007 | Katja Wüllner

Ein lauwarmer Wintertag auf dem Sofa, ein gutes Buch ist auch schon zur Hand, die Gummibärchen und der Cappuccino warten darauf, den Lesenachmittag zu versüßen.

Zu Beginn des Buches "Die Joghurt-Lüge - Die unappetitlichen Geschäfte der Lebensmittelindustrie" von Martia Vollborn und Vlad Georgescu greife ich noch recht häufig nach den Gummibären und auch der Cappuccino mit extra viel Schaum, wie die Packung verspricht, wird noch mit Genuss geschlürft, aber im Laufe des Nachmittags wird dies immer seltener.

Der Einführungstext auf dem Buch, der zwei Wirtschafts- und Medizinjournalisten, deutet mit folgenden Sätzen: " Haben sie heute schon eingekauft? Appetitlich, was sich so alles in unseren Supermarktregalen findet! Dubiose Inhaltsstoffe, nicht deklariertes Gen-Food, bestrahlte - gut versteckt von der Lebensmittelbranche, die ihr gigantisches Geschäft am Leben hält." schon an, dass mir wahrscheinlich nach dem Lesen einige Dinge nicht mehr so gut wie vorher schmecken werden, aber dies wird wohl eher Dioxin in Hühnereier oder das "Gammelfleisch" betreffen und nicht meine heiß geliebte Gummibärchen und meine allmorgendlichen Frühstücksflocken.

Aber das Buch betrifft gerade jene, uns lieb gewonnenen, Lebensmittel und macht deutlich, wie sehr wir von den Giganten der Lebensmittelbranche beeinflusst werden, ohne das es uns bewusst wird.

Die Autoren stellen in ihrem Buch die Strategien der Nahrungsmittelindustrie vor und so kann man sich über die Zahl wundern, dass in Deutschland auf eine Millionen Einwohner fast 250 Lebensmittelläden kommen, obwohl manchmal der Weg zum Supermarkt, um die Ecke so weit scheint.

Auch das Geschäft mit dem Zucker, das Milliardenumsätze garantiert, wird dargestellt. Und so häufen sich die Tüte Gummibären beim Hausarbeit schreiben oder der Schokoriegel, der noch schnell in der Cafeteria vor der Vorlesung gekauft wird zu 31,8kg Süßwaren, die jeder Deutsche im Durchschnitt im Jahr isst, wobei Schokolade mit 8,7kg den größten Teil ausmacht. Jedoch ist nicht der Verzehr von Süßwaren allein für einen hohen Zuckerverbrauch verantwortlich, sondern auch der Konsum von Fertigprodukten, wie der Tiefkühlpizza, die doch immer wieder gut schmeckt, wenn man nach der Uni nach Hause kommt. Die nicht allein zu gesteigertem Zuckerkonsum führt, sondern auch den Absatz des süßen Milliardenrohstoffes Zucker steigert.

Gesteigert werden soll auch der Absatz der Konzerne durch so genanntes "Functional Food", wie die Autoren des Buches darstellen. Zu dem Functional Food gehören etwa mit Vitaminen angereicherte Lebensmittel, wie Säfte oder Probiotische Lebensmittel, wie die Trinkjoghurte, die "ihre Abwehrkräfte stärken sollen." Mit Functional Food wird dem Verbraucher versprochen etwas für sein Wohlbefinden und seine Gesundheit zu tun. Aber wie lässt es sich erklären, dass Stiftung Warentest bei Cornflakes eine Überdosierung mit Vitamin B1 um bis zu 50% feststellte und Norwegen Anfang 2000 die Einfuhr von Kellogg's Cornflakes mit der Begründung, es sei nicht auszuschließen, dass gewisse Bevölkerungsgruppen infolge der unkontrollierten zusätzlichen Einnahme von Vitaminen und Eisen gesundheitlich gefhrdet würde, verbot. Diese Darstellung der Autoren regt zum Nachdenken an und dies sollte nicht das einzige Beispiel für den fragwürdigen Nutzen vo Functional Food bleiben. Ein Fragezeichen bleibt auch nach dem Lesen des Kapitels über Zusatzstoffe in Lebensmittel zurück. Und können wir nicht täglich auf dem Mensa-Essensplan eine Anhäufung von E's lesen?

Das Buch schlüsselt nach und nach die einzelnen Zusatzstoffe auf und erklärt sie. So verwirren zwar an manchen Stellen des Buches die vielen chemischen Bezeichnungen, aber das tun sie ja auch, wenn man sich die Zutatenliste der Lebensmittel selbst einmal genauer anguckt. Zusammengefasst bleibt bei dem Leser die Aussage haften, dass es für uns heute in manchen Fällen unvermeidbar ist Lebensmittel mit Zusatzstoffen zu konsumieren, den wie sollte sich das heutige Angebot an Lebensmitteln ohne Konservierungsstoffe in den Supermärkten halten, aber ebenso wären eine Vielzahl von Geschmacksverstärkern, Konservierungsstoffen u.ä. überflüssig. Dies müssten die Nahrungsmittelkonzerne nur wollten, denn es lässt sich nur schwer erklären, warum u.a. Farbstoffe verwendet werden müssen, um z.B. die tiefgekühlte Frikadelle mit ihrem saftigen, braunen Hackleib wie frisch vom Grill aussehen zu lassen ohne dass diese jemals einen Grill berührt hat? Es gibt nur eine Antwort darauf, "weil sie sich so besser verkaufen lässt".

Neben der Verantwortung der Lebensmittelindustrie für die Nahrungsmittelverarbeitung widmen sich die beiden Autoren den Rohstofen aus denen diese Lebensmittel hergestellt werden. Für viele scheint heute der BSE-Skandal nur noch eine ferne Erinnerung zu seien und man vertraut der Kontrolle durch die staatlichen Stellen. Aber gerade mit dieser Annahme will das Buch brechen. Es wird versucht den Leser dazu anhalten nicht gedankenlos das Verschwinden des Themas aus den Medien auch als Verschwinden de Problems selbst zu deuten. Dies gilt ebenso für das Thema des Gen-Foods. Der Gen-Reis der vor einigen Monaten noch ein Thema in den Medien war ist heute schon wieder fast vergessen und noch weniger wissen dieVerbraucher darüber bescheid, inwieweit gentechnisch veränderte Pflanzensorten schon in ihren Lebensmitteln enthalten sind. So sind EU-weit insgesamt 10 gentechnisch veränderte Soja-, Raps- und Maissorten zugelassen, die vor allem als Futtermittel für Tiere auch in unseren Nahrungsmittelkreislauf gelangen ohne, dass eine umfassende Informationspflicht besteht, denn die Verordnung zur Kennzeichnungspflicht gentechnisch veränderter Lebensmittel schließt e Fleisch, Milch oder Eier von Tieren, die gentechnisch veränderte Futtermittel erhalten haben nicht ein, ebenso wenig wie die daraus verarbeiteten Nahrungsgüter.

Damit zurück von den Lebensmittelproduzenten zu den Verbrauchern. Ein weiteres Kapitel des Buches beschäftigt sich mit den gesellschaftlichen Folgen des Lebensmittelgeschäfts. Das die Deutschen immer dicker werden und ihre Kinder immer unsportlicher ist vielen bekannt, aber die Ausmaße sind vielen nicht bewusst. So sind heute fast 36,9% der Deutschen übergewichtig während weitere 14,4% sogar krankhaft übergewichtig sind. Aber an dieser Stelle setzt die Lebensmittelindustrie an, indem sie Light-Produkte auf den Markt bringt, die wesentlich teurer sind, als die von Natur aus energiearmen Lebensmittel, wie Obst oder Gemüse, jedoch ein Schlemmen ohne Verzicht versprechen.

An dieser Stelle lasse ich rasch die letzten Gummibären die ich noch essen wollte fallen und sage mir, dass ich keine ab sofort keine Süßigkeiten mehr Essen werde. Was das Buch angeht fehlt schließen die Autoren mit folgendem Appell an den Leser: "Was wir jeden Tag essen, bestimmen wir letzten Ende selbst. Darin liegt die große Macht die wir als Verbraucher haben - allen Anstrengungen der Lebensmittelhersteller zum Trotz. Nicht umsonst fürchten sie den langen Arm des Konsumenten. Wer die Mechanismen und Tricks im Milliardengeschäft um unsere Nahrung kennt, kann offenen Auges die Waren scannen, die ihm offeriert werden und eine Entscheidung treffen, die eine Wende einläuten könnte: in der Landwirtschaft, im Umweltbereich, in der Verbraucherpolitik."

Die guten Vorsätze hin oder her auch nach dem Lesen des Buches "Die Joghurt Lüge - Die unappetitlichen Geschäfte der Lebensmittelindustrie" werde ich noch weiterhin meine Gummibärchen essen und mir meine Frühstücksflocken schmecken lassen, aber ich werde mit anderen Augen einkaufen gehen. Es muss ja nicht viel mehr Geld sein, dass ich für Bio-Produkte ausgeben, aber vielleicht lohnt es sich doch ab und an Obst und Gemüse vom Bauernhof zu kaufen und einmal auf die Tiefkühlpizza mit all hren Zusatzstoffen zu verzichten und mir mit Freunden die Pizza selbst zu machen. Dafür braucht man wahrscheinlich mehr Zeit, aber man gewinnt auch. Man gewinnt mehr Geschmack in seinem Essen und vielleicht sichert man durch seinen Einkauf einem kleinen Bauernhof der Region as Überleben denn eins ist klar, den Giganten der Nahrungsmittelindustrie kommt es nicht darauf an, dass wir gut und lecker Essen, sondern, dass wir ihnen durch unseren Einkauf größere Gewinne bescheren. Also sollten wir durch kleine Änderungen unserer Essgewohnheiten, warum nicht im Sommer in Joghurt frische Erdbeeren schneiden, anstatt Erdbeerjoghurt mit künstlichem Aroma zu kaufen, anfangen uns selbst und nicht den großen Konzernen Gewinne zu bescheren, nämlich den Gewinn am Geschmack, frischer, gesunder und fair gehandelter Nahrungsmittel.

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