Die ganz große Tragödie

07.01.2010 | Wolf Schneider

Ist Identitätsverlust schlimmer als physische Sklaverei?

Es gibt heute circa 27 Millionen Sklaven, in absoluten Zahlen mehr als je in der Geschichte der Menschheit, sagt der US-amerikanische Journalist Benjamin Skinner, der vermutlich beste Kenner dieses Themas und der einzige, der je so lange darüber forschte: fünf Jahre lang. Im Interview aber sagte er etwas, das mich stutzig machte: Noch schlimmer als selbst die brutalste physische und psychische Sklaverei sei "die Zerstörung der Identität".

Ist die Zerstörung der Identität wirklich so schlimm? Ich meine hier liegt ein Grundirrtum vor, dem in massenhypnotischer Weise die ganze Weltgesellschaft zum Opfer gefallen ist. Stutzig macht mich nicht nur Skinners Aussage hierzu, sondern auch, dass sie anscheinend sonst niemand stutzig macht.

Skinners großer Schock

Nun etwas genauer, um sicherzustellen, dass ich diesen Journalisten, der mit seinem Buch "Menschenhandel" (im Original "A Crime so monstrous") wirklich Großartiges geleistet hat, hier nicht aus dem Kontext reiße. Auf die Frage "Nach Ihrer Darstellung stehen zwei Hauptformen der Sklaverei im Vordergrund: Sex- und Arbeitssklaven. Welche relevanten Formen von Sklaverei gibt es darüber hinaus?" antwortete Benjamin Skinner im Interview: "In Indien gibt es Kinder, die gewaltsam als Soldaten eingesetzt wurden. Ich konnte mit einigen der Überlebenden sprechen. Ihre Geschichten sind absolut schockierend. Die Regierung im Sudan bewaffnete arabische Milizen und schickte sie in den Süden, damit sie in den Dörfern der Dinka, der größten Volksgruppe im Südsudan, die Männer töteten und die Frauen und Kinder als Sklaven gefangen nahmen und in den Norden schafften. Dort wurden sie zur Arbeit in der Landwirtschaft und in Haushalten gezwungen. Die ganz große Tragödie aber war, dass als Waffe gegen die Rebellion des Südens bewusst ihre Identität zerstört wurde. Sie durften ihre Sprache nicht sprechen, wurden gewaltsam arabisiert, zum Islam bekehrt und beschnitten."

Was ist schlimmer als Sklaverei?

Das Beschneiden finde ich hierbei noch das Schlimmste, vor allem, wenn damit die weibliche Genitalverstümmelung gemeint ist. Aber dass sie ihre Sprache nicht sprechen durften? Na sowas. In der Türkei dürfen die Kurden überwiegend ihre eigene Sprache nicht sprechen – immerhin ein Viertel der ganzen türkischen Bevölkerung. Im Kindergarten sprach ich krasses Schwäbisch (das ist eine eigene Sprache), zuhause musste ich Hochdeutsch sprechen. Na und? (Nein, anders: Wer bitte heilt mich von dieser Vergewaltigung? Da wurde eine frühkindliche Psyche traumatisiert!)

Dann wurden diese Menschen aus dem südlichen Sudan "gewaltsam arabisiert", schreibt Skinner. Gewalt ist nie (fast nie) etwas Schönes, aber arabisiert werden? Jede Kultur hat ihre Schönheit, auch die arabische. "Zum Islam bekehrt", auch solche Bekehrungen mag ich nicht, aber letztlich ist es doch fast egal in welchem religiösen Kontext man lebt. Der christliche oder animistische ist auch nicht per se besser als der islamische.

Für eine Schuld von 62 Cent drei Generationen in Sklaverei

Vor allem aber die physische Sklaverei finde ich schlimm: Wenn Kinder oder Erwachsene 14 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche in einem Steinbruch arbeiten müssen und das über Jahre und Jahrzehnte, oder in einer Mine, wenn sie dabei Gifte einatmen und sich körperlich, geistig und seelisch ruinieren, um dann mit dreißig oder vierzig Jahren zu sterben, nach einem Leben in Sklaverei. Oft tun sie es, um eine Schuld abzuarbeiten, manchmal sogar eine über Generationen ererbte. Skinner spricht in einem Beispiel von einer Schuld von 62 Cent für eine Mitgift, die noch von den Kindern und Enkeln abgearbeitet werden musste. Oder Sexsklaverei, Vergewaltigung in Gefangenschaft, Gefügigkeit, die durch Androhung von Folter oder Vernichtung erzielt wird. Das ist eine ganz andere ethische Kategorie als die "Zerstörung der Identität", die ein Sprach-, Kultur- oder Religionswechsel ausmacht.

Auch das bist du!

Ich persönlich finde Identitätswechsel spannend, und sie sind immer eine Zerstörung des Alten, damit das Neue geborgen werden kann (analog Goethes "Stirb und werde"). Ich bin diese Wandlungen freiwillig eingegangen, das ist ein Unterschied, ein großer. Trotzdem: Manche Identitätswechsel sind mir doch eher widerfahren, als dass ich sie selbst initiiert hätte – so einen Identitätswechsel kann man ja nicht ohne weiteres so ganz do-it-yourself-mäßig zuwege bringen, ich bin dabei also "zerstört worden" als der Alte, der ich vor diesen tiefen Erfahrungen war.

Als ich mit 16 Jahren zu reisen begann, wollte ich "ein anderer werden", ich wollte Identitätswechsel, so viel wie möglich, so tief wie möglich. Auch heute noch ist die Identitätsreise für mich das Spannendste im Leben. Ich beobachte wer ich sein kann, womit ich mich alles identifizieren kann und stelle dann fest: Auch das bin ich! Tat tvam asi hieß das in den Upanishaden – Auch das bist du – seitdem eine Kurzformel für die mystische Identifikation mit allem, die Essenz tiefster Religiosität, nicht nur im Hinduismus, dem diese Formel entstammt.

Pantha rei

Nun werden die politisch Korrekten mir vorwerfen, ich würde die erzwungenen Identitätswechsel verharmlosen. Tue ich aber nicht, ich weise ihnen nur einen anderen, angemesseneren Platz zu in einer anderen ethischen Rangfolge. Physische und psychische Sklaverei ist viel, viel schlimmer als selbst ein unfreiwilliger, erzwungener Identitätswechsel. Wir sollten den Identitätswechseln, die jede Biografie verlangt und unsere moderne, globalisierte Welt geradezu fordert (allerdings oft unter dem zynischen Motto der "Flexibilität") gelassener gegenüberstehen. Jede neue Lebensphase beginnt mit einem Identitätswechsel, jede religiöse Initiation ist ein solcher. Für den Meditierenden ist die Identität sogar noch mehr als nur ein Stufenweg durch die Lebensphasen, etwas tendenziell eher Fließendes, eine Erfahrung des pantha rei, alles fließt – Heraklits berühmter Spruch muss sich auf die Identität eines meditierenden Beobachters bezogen haben.

Sob-Stories über Identitätssuchende

Auch wenn Kinder nicht wissen, wer ihr Vater ist (das kommt ja oft vor), oder wenn sie nicht wissen, wer ihre Eltern sind (das ist etwas seltener), ist das wirklich ein so riesengroßes Drama? Es ist keine schöne Sache; gut, wenn man es vermeiden kann. Es ist besser, man kennt seine eigene Familie und weiß um die eigene Verwurzelung darin. Aber doch bitte nicht diese triefenden Sob-Stories von Kindern, die ihre Identität suchen, weil sie ihren Vater nie getroffen haben, wie das Fernsehen sie bringt, auch das sogenannte seriöse Fernsehen und die Mainstreampresse. Was ist das schon im Vergleich zu einem Aufwachsen mit Hunger, Mangelernährung und unsauberem Trinkwasser in tiefster Armut, wie es zur Zeit etwa eine Milliarde Menschen erleben, ohne Aussicht auf Besserung.

Es fehlt das religiöse Grundwissen

Den Identitätssuchenden, die ihren Vater nie getroffen haben, sollte man besser ein Minimum an religiöser (oder soll ich sagen "spiritueller"?) Erziehung angedeihen lassen. Mal einen 7-Tages-Workshop "Enlightenment Intensive" oder ein bisschen Sufi-Praxis oder etwas aus dem Advaita Vedanta, oder auch was von Ramana Maharshi. Aber solange die Pädagogen der Welt und selbst solche herausragenden Journalisten wie Benjamin Skinner die "Zerstörung der Identität" für das allerallerschlimmste halten, wird das wohl nichts mit einer solchen Erziehung. Dafür wird es weiter Kriege geben (die meisten sind Identitätskriege), Sklaverei und die Sehnsucht, durch eine Karriere in unserer umweltvernichtenden Konsumgesellschaft "ein anderer" zu werden.

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Gesellschaftspolitik | Wolf Schneider | weiterempfehlen →