Die Fachkräftelücke gefährdet Deutschlands Wohlstand

07.08.2012 | Rainer Nahrendorf

Deutschland soll den immer tiefer sinkenden Karren aus dem Schuldensumpf der Eurokrise ziehen. Die Bürgschaften, die das Land unter dem Druck seiner schwerkranken Partner in der Eurozone übernimmt, haben astronomische Ausmaße genommen. Sie könnten, wenn sie fällig werden, das Land selbst in die Krise stürzen. Denn Deutschlands Wirtschaft leidet an einer kaum heilbaren Krankheit: der Auszehrung seines Fachkräftepotenzials durch die demografische Schwindsucht.

Nicht nur die Wohnbevölkerung wird bis 2050 rapide abnehmen, auch das Arbeitskräftepotenzial sinkt schon bis 2025 bedrohlich. Selbst unter den günstigen Annahmen einer steigenden Frauenerwerbstätigkeit und zunehmenden tatsächlichen Lebensarbeitszeit könnte das Arbeitskräfteangebot bis 2025 um mindestens drei Millionen abnehmen. Das aber bedroht Deutschlands Wirtschaftswachstum und seinen Wohlstand. Denn fehlen Arbeitskräfte, investieren die Unternehmen weniger hierzulande in Produktionsanlagen, gehen ins Ausland oder verzichten auf Wachstum. Sinkt die heimische Wohnbevölkerung und damit die Nachfrage und finden die Unternehmen keinen Ausgleich im Export, fahren sie ebenfalls ihre Produktion und ihre Investitionen zurück. Die demografische Zeitbombe wirklich entschärfen können auch eine steigende Alters- und Frauenerwerbstätigkeit, das Senken der Abbrecherquoten der Auszubildenden und Hochschüler, die nachholende Qualifikation von Arbeitslosen nicht. Das Ticken würde nur leiser, der Zündpunkt hinausgeschoben.

Die Zuwanderung von Fachkräften müsste so große Ausmaße annehmen, dass sie Deutschland in eine multikulturelle, bunte Republik verwandeln würde. Expertenschätzungen halten bis zu 500 000 Zuwanderer jährlich für notwendig, wenn sich der Status-Quo nicht ändern soll. Wesentlich mehr als 200 000 Zuwanderer netto sind jedoch kaum realistisch. Diese sollten zudem gut qualifiziert und leicht zu integrieren sein. Eine Willkommenskultur sollte nicht nur in Sonntagsreden gepredigt, sondern im Alltag – wie heute schon in manchen international tätigen deutschen Großunternehmen - gelebt werden.

Wo sollen die Zuwanderer her kommen? Einen Massenansturm von Bewerbern aus den südeuropäischen Krisenländern Ländern gibt es nicht. Dem großen Interesse steht eine kleine Zahl von ernsthaften Bewerbern mit guter Qualifikation und Deutschkenntnissen gegenüber. Das berichten deutsche Großunternehmen und Wirtschaftsverbände. Die Unternehmen, für die die südeuropäischen Länder wichtige Absatzmärkte sind und die dort häufig mit Tochtergesellschaften präsent sind, wollen auch den Anschein vermeiden, sie nutzen die krisenhafte Lage aus und würben gezielt Fachkräfte ab, die diese Länder eigentlich selbst benötigten. Solche Skrupel sind jedoch unnötig. Einerseits gilt es, den jungen Arbeitslosen durch ein Stellenangebot zu helfen, andererseits muss die europaweite Mobilität der Arbeitskräfte steigen, wenn die Wechselkurse als Ausgleichmechanismus weggefallen und Lohnkosten und Preise auch wenig flexibel sind. Schließlich hat es sich der Europäische Sozialfonds gerade zum Ziel gesetzt, die Mobilität durch zahlreiche Programme zu fördern. Diese ist immer noch niedriger als in des USA, wo die Sprachklippen fehlen.

Zunächst sollten sich die Anwerbeanstrengungen auf die EU-Länder Mittel- und Osteuropas (MOE) konzentrieren. Zwar sind aus den MOE-Ländern wie Polen und Ungarn auch deutlich weniger Arbeitsmigranten gekommen als erhofft, aber das Potenzial ist bei weitem nicht ausgeschöpft, die Deutschkenntnisse meistens besser als bei den Südländern. Ab 2014 werden auch noch mehr Rumänen und Bulgaren kommen, da dann die letzten Barrieren der EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit gefallen sind. Die Hoffungen richten sich aber auch auf die Länder des ehemaligen Jugoslawiens, der Ukraine und Russland.

All das wird nicht reichen. Insofern ist es gut, dass die Mindestverdienstgrenzen für ausländische Hochschulabsolventen aus Nicht-EU-Ländern auf 44 000 Euro und für hoch qualifizierte Bewerber in Mangelberufen auf 33000 Euro gesenkt worden sind. Besser wäre eine Verringerung bis auf Tariflohnniveau gewesen.

Die Furcht vor einer Einwanderung in das deutsche Sozialsystem ist kaum begründet. Abgesehen von spektakulären Einzelfällen nehmen Zuwanderer unser Sozialsystem weniger in Anspruch als die Deutschen selbst. Eines ist gewiss: ohne massive Zuwanderung von Fachkräften wird Deutschland sein Wachstum und seinen Wohlstand nicht bewahren können. Einstellen müssen sich die zahlenmäßig kleineren kommenden Generationen auch darauf, dass sie länger arbeiten müssen. Mindestens bis zum 67. Lebensjahr und bald wieder - wie in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf 45 Wochenstunden. Dies mahnt die älteren Generationen zur Bescheidenheit in ihren Ansprüchen.

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