Die deutsche Elite ist zu weinerlich

28.08.2004 | Dr. Anselm Görres

Die Geschichte kennt vielerlei Eliten: Hartherzige und verweichlichte, korrupte und raffgierige, weise und aufgeklärte. Letzteres meist nur nach nationalen Schocks und für kurze Zeit. In Deutschland tritt neuerdings ein historisch völlig neuer Typus auf: Eine Elite voller Wehleidigkeit und Larmoyanz.

Die Wehleidigkeit beginnt schon beim Thema Elite selbst: Dies sei negativ belegt, keiner wolle mehr zur Elite gehören, Eliten würden nicht genügend gefördert, seien hierzulande nicht geachtet, heißt es. Unsere Eliten verdienten mehr Respekt: Haben sie nicht ein hartes Leben, vollbringen sie nicht Großes für unser Gemeinwesen?

Mitunter hat man den Eindruck, bei Deutschlands Elite - wer immer sich dazu zählen mag - müsse man sich echte Sorgen um die gesellschaftliche Anerkennung machen, fast schon wie bei benachteiligten Randgruppen. Sind unsere Eliten vielleicht Opfer eines Elite-Mobbings geworden, sollten wir sie unter den Schutz eines Elite-Beauftragten stellen?

Besonders wehleidig gibt sich momentan die wirtschaftliche und unternehmerische Elite des Landes - gerade ihr versage die Gesellschaft die gebührende Verehrung. Bei anderen gesellschaftlichen Eliten - etwa in Wissenschaft, Sport, Kultur - sind solche Klagen seltener. Die fehlende Anerkennung der unternehmerischen Eliten sei nicht nur ungerecht, sondern eine Ursache der wirtschaftlichen Schwäche des Landes, so die Devise. Denn ungerechtes Image erschwere den ohnehin harten Kampf gegen überbordende Bürokratie, wirtschaftsfeindliche Justiz und erdrückende Steuerlast und verkenne den großen Beitrag zum Gemeinwohl.

Beispiel Unternehmerbild:

In Schulbüchern und Unterricht werde der Unternehmer als kapitalistischer Ausbeuter diffamiert, seine tragende Rolle im Wirtschaftsleben nicht hinreichend gewürdigt. Mangelndes Prestige des Unternehmerberufs halte viele vom Gang in die Selbständigkeit ab, so die Klagen. Dabei waren diese vor 30 Jahren berechtigter: Damals erschien der Unternehmer - etwa in Martin Walsers Stück Überlebensgroß Herr Krott (1963), aber auch in vielen anderen Texten - als Inbegriff einer moralisch zwielichtigen Gestalt. Aber heute? In der Allensbacher "Berufsprestige-Skala" von 2003 steht der Unternehmerberuf an vierter Stelle, gleich nach Arzt, Geistlicher und Professor, damit noch einen Rang höher als 2001.

Beispiel Bürokratie:

Ein FDP-Wahlspot zeigt deutsche Beamte als sadistische Allesblockierer. Hatten nicht FDP-Minister Jahrzehnte lang die Ressorts Justiz, Innen und Wirtschaft inne? Der Eintrag ins Handelsregister soll hierzulande 46 Tage dauern, woanders nur 30. Schrecklicher Gedanke! 1948 dauerte es sicher noch länger, weil das Registergericht zerbombt war. Hat das unser Wirtschaftswunder verhindert?

Beispiel Wirtschaftsjustiz:

Strafverfahren wie das gegen die Mannesmann-Manager gelten manchen als Beleg, dass deutsche Unternehmer in Furcht vor dem Kadi leben müssten. Aber hatten die Beteiligten nicht durch ihr Verhalten klar gemacht, dass sie sich wissentlich in einer Grauzone bewegten? Hatten die Prüfer sie nicht gewarnt? In den USA wurden Dutzende von Managern in Handschellen vor Gericht gezerrt und in einigen Fällen auch verurteilt. In Italien wären rechtschaffene Demokraten dankbar, wenn die Justiz noch die Unabhängigkeit besäße, Günstlingswirtschaft und Korruption der herrschenden Clique juristisch zu ahnden. Nur ein weinerliche Elite kann es beklagen, wenn die Gesetze des Landes auch auf sie selbst Anwendung finden. Wer die Erzeuger von Börsenblasen zum alleinigen Wertschöpfer erklärt, darf sich über ausbleibenden Beifall der Bevölkerung nicht wundern.

Beispiel Steuerlast:

Noch immer addieren sich alle Unternehmenssteuern zu einer nominell hohen Spitzenlast - von einem Euro ausgeschütteten Vorsteuer-Gewinn bleiben als privates Netto für Inhaber von Kapitalgesellschaften nur 45 Cents übrig, für Einzelunternehmer etwa 50. Das gilt für Orte mit hohen Gewerbesteuern und wird nächstes Jahr etwas mehr. Aber Unternehmensbesteuerung in Deutschland gleicht Michael Endes Scheinriesen Tur Tur: Je näher man kommt, desto kleiner wird er. Im Vergleich der OECD-Länder liegt schon die Gesamtsteuerquote mit 22 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) eher niedrig. Besonders gering aber ist in Deutschland der Anteil der von Unternehmen gezahlten Steuern: Er macht nur neun Prozent aller in Deutschland gezahlten Abgaben aus und liegt mit 3,3 Prozent vom BIP höchstens halb so hoch wie bei den meisten westeuropäischen Nachbarn! Wir sind Weltmeister der steuerlichen Hintertüren. Für private Anleger bleiben, anders als in den meisten Marktwirtschaften, Wertsteigerungen ihrer Investitionen völlig steuerfrei. Ein Münchner Unternehmer gab mir gegenüber unumwunden zu: "In Wahrheit zahlt meine Sekretärin mehr Steuern als ich".

Beispiel Gemeinwohl:

Manchem Unternehmer und Manager dünkt schon die schiere Tatsache seines wirtschaftlichen Erfolgs als gemeinwohlstiftende Leistung und als Anrecht, zur Elite zu zählen. Doch verdient wirklich jeder, der mehr Kohle macht als der Durchschnitt, allein deswegen den Ehrentitel Elite? Hier rächt sich ein von den Neoliberalen pervertierter Adam Smith. Richtig ist, dass Smith das historische Verdienst gebührt, die traditionell christliche, aber falsche Antinomie Eigennutz - Gemeinwohl überwunden und wiederlegt zu haben. In der Marktwirtschaft kann egoistisches Handeln durchaus allgemeinen Nutzen stiften, somit altruistisch wirken. Aber ist deswegen derjenige der größte Altruist, der am egoistischsten handelt? Bei manchen der marktradikalen Liberalen hört es sich oft so an. Schlimmer kann man Adam Smith nicht missverstehen. Anders als die Pseudo-Smithianer von heute wusste er zwischen den gemeinnützigen Effekten effizienten Wettbewerbs und den egoistischen Motiven der Akteure zu unterscheiden:

"Das Interesse der Kaufleute aller Branchen in Handel und Gewerbe weicht ... stets vom öffentlichen ab, gelegentlich steht es ihm auch entgegen. Kaufleute sind immer daran interessiert, den Markt zu erweitern und den Wettbewerb einzuschränken. ... Jedem Vorschlag zu einem neuen Gesetz oder einer neuen Regelung über den Handel, der von ihnen kommt, sollte man immer mit großer Vorsicht begegnen. Man sollte ihn auch niemals übernehmen, ohne ihn vorher gründlich und sorgfältig, ja sogar misstrauisch und argwöhnisch geprüft zu haben, denn er stammt von einer Gruppe von Menschen, deren Interesse niemals dem öffentlichen Wohl genau entspricht und die in der Regel viel mehr daran interessiert sind, die Allgemeinheit zu täuschen, ja sogar zu missbrauchen."

Niemand behauptet, wir hätten keine echten Probleme. Doch was wir am wenigsten brauchen, ist Jammern über aufgebauschte Phantomschmerzen. Lerne zu klagen, ohne zu leiden - dies gilt als Leitspruch Hamburger Kaufleute. Halten sich Deutschlands Unternehmer vielleicht allzu eifrig an dieses Motto? Die heutige Lage ist für Unternehmer kein Zuckerschlecken. Doch ist sie das für Arbeitnehmer, oder für Langzeitarbeitslose und Sozialhilfeempfänger? Vor diesem Hintergrund erscheinen viele Klagen der Unternehmerschaft, insbesondere natürlich ihrer Verbände, oft übertrieben und deplatziert.

Über die mangelnde Anerkennung deutscher Eliten wird viel geklagt, aber selten nach Gründen gefragt. Dabei hat Geringschätzung der Oberschicht nicht gerade Tradition bei uns - andere Völker sind mit ihren Eliten ungnädiger umgesprungen. Ein Blick in unsere Geschichte der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts kann einiges von der Geringschätzung erklären, die spätestens die 68er-Generation den Eliten entgegenbrachte. Zwischen 1900 und 1950 hat sich von Deutschlands Eliten so gut wie keine mit Ruhm bekleckert: Nicht Adel und höheres Beamtentum, weder Klerus noch Professorenstand, schon gar nicht die politische Klasse. Selbst die deutsche Unternehmerschaft ist in diesen Jahren nicht durch höhere Einsicht hervorgetreten. Mit wenigen Ausnahmen kamen von ihr kaum Beiträge zur Lösung der sozialen Frage, wenig Kritik am Flottenpatriotismus von Wilhelm II, wenig konstruktive Beiträge zum Aufbau der Weimarer Politik und schon gar keine Einwände gegen die Naziherrschaft - im Gegenteil. Vielleicht hat ja die begrenzte gesellschaftliche Anerkennung deutscher Eliten etwas zu tun mit diesem kollektiven Versagen? Auch angesichts der großen Herausforderungen unseres Jahrhunderts - menschengerechte Globalisierung, verantwortliche Lösung der Umweltprobleme, soziale Gerechtigkeit innerhalb und zwischen Staaten - sind von unseren Eliten wenig Beiträge zu konstatieren. Was bewirken Unternehmer, die plakative Öko-Almosen spenden, aber mit Ökosteuern und Zertifikaten die wirksamsten Umweltinstrumente blockieren?

Respekt klagt man nicht ein, man muss ihn verdienen: durch überdurchschnittliche Leistung, durch Beiträge für die Gemeinschaft, durch Verantwortung für die Zukunft. Ich kenne kaum jemanden in Deutschland, der einer derart geadelten Elite den Respekt verweigern würde.

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Katharina Tempel

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