Die apokalyptischen Reiter auf ihren müden Gäulen

01.06.2004 | Kay Berg

Ein Blick auf eine aktuelle Debatte in der Hauptstadt

Man sagt dem so genannten "politischen" Berlin ja gerne nach, dass dort alle Tage eine andere Sau durchs Dorf getrieben werde. Ein Aufreger hier, ein Skandälchen dort, eine weitere hochmögend klingende Initiative für, gegen oder mit was auch immer. Meistens stimmt diese Beschreibung auch, denn rund um den Reichstag (und natürlich in ihm drin) wird selten mehr als Tagespolitik betrieben.

Es gibt aber ein Thema, das sich beharrlich zwischen Podiumsdiskussionen, Kanapees, Expertenhearings und Abendempfängen hält: Dabei handelt es sich um DIE DEMOGRAPHISCHE KATASTROPHE. Das Drama ist eigentlich zu gewaltig, um es anders als in Großbuchstaben darzustellen.

Die sattsam bekannten Fakten: Deutschland wird älter und weniger.

Das Ziel: Deutschland muss wieder jünger und mehr werden

Die Mittel: Selber machen oder importieren.

Importieren will man irgendwie dann doch nicht so richtig, weil Deutschland dann zwar jünger und mehr, aber eben auch fremder wird.

Also selber machen. So weit die Theorie. Auch über die Praxis wissen die meisten Anfang-zwanzig- bis Ende-dreißig-Jährigen auch in Berlin ja ganz gut Bescheid.

Dann kommen jedoch die im Titel erwähnten apokalyptischen Reiter. Dabei handelt es sich oft um in Ehren ergraute, nicht selten um selbst kinderlose, fast immer um männliche Was-von-der-Sache-Versteher.

Sie zeichnen ein gar fürchterliches Bild von gerontokratischen Strukturen, kollabierten Sozialsystemen, menschenleeren Städten und einigen wenigen jungen, von DEN Alten drangsalierten Menschen.

Beliebte Orte für die Auftritte dieser natürlich immer höchst selbstlosen Mahner sind nicht etwa Schulen, Uni-Hörsäle oder Altenheime, sondern in der Regel die klimatisierten Säle von Banken, Konzernrepräsentanzen oder Landesvertretungen in Berlin.

Diese Herrschaften bringen es fertig, die Lage so düster zu schildern, dass man meinen könnte, auch das Anwerfen der kollektiven Geburtsmaschine könnte den Untergang Deutschlands nicht mehr abwenden. Auf die ihresgleichen gerne gestellte Frage, was es denn brächte, wenn die Geburtenraten schnell wieder anstiegen, pflegen sie ihr Resthaar zu raufen und kummervoll zu antworten: "Wenig, denn bis diese Generation zu Beitragszahlern herangewachsen wäre ...".

Im gleichen Atemzug pflegen sie, gerne live übertragen durch Deutschlandfunk oder Phönix, DIE Jungen dafür zu schelten, dass diese, hedonistisch und selbstverliebt, wie sie nun mal seien, vor lauter Jagd nach dem nächsten Kick und vor lauter Egoismus kollektiv in den Zeugungs- bzw. Gebärstreik getreten seien.

Das Publikum, in dem sich, schaut man die vielen weißen Haare und die schwarzen Anzüge an, die demografische Katastrophe schon verwirklicht hat, klatscht begeistert. Nachher beim Büffet wird man sich, ein Häppchen in der einen, ein Glas Rotwein in der anderen Hand, noch vortrefflich darüber unterhalten, wie fürchterlich das alles doch sei.

Werden aus dem einen Glas zwei, wird man sich, von männlichem Weißhaupt zu männlichen Weißhaupt, auch schnell darüber über eines einig werden: Ein Modell wie in Frankreich, wo die berufstätige Mutter die Regel und nicht die Ausnahme ist, kann nicht so ohne weiteres auf Deutschland übertragen werden. Schließlich brauchen Kinder ja auch ihre Mutter, und überhaupt, ich habe meiner Frau immer gesagt, sie soll froh sein, dass sie das ganze Karriererennen nicht mitmachen muss.

Hier müsste für die Jungen eigentlich der Punkt erreicht sein, an dem sie nach Hause fahren und anfangen sollten, Kinder zu machen, denn wenn die Debatte in Berlin schon jetzt von der Ü-55-Fraktion beherrscht wird, wie soll das erst werden, wenn besagte Katastrophe eingetreten ist.

Bitte entschuldigen Sie mich, ich muss leider gehen ...

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Rentenpolitik | Kay Berg | weiterempfehlen →