Deutschland ist nicht überaltert, sondern unterjüngt.

27.12.2004 | Hermann Kroll-Schlüter

1973 war die Bundesrepublik Deutschland das erste Land der Welt, in dem die Zahl der Sterbefälle die Geburtenzahl überschritt. Vom Höhepunkt der Geburtenzahl 1964 mit fast 1,2 Millionen Geburten, hat sich die Rate beständig bis heute reduziert. Wenn es so weiter geht, dann werden im Jahre 2050 nur noch halb so viele Menschen in Deutschland geboren wie jährlich sterben.

Ohne die Zuwanderung der letzten Jahrzehnte, die im Saldo jährlich bei mehr als 165.000 Menschen lag, wäre die Gesamtbevölkerung in Deutschland längst geschrumpft. Zwischen 1950 und 2000 hatte die Bundesrepublik Deutschland die weltweit höchste Zuwanderungsrate. Laut einer UN-Studie benötigt Deutschland eine jährliche Nettozuwanderung von rund 300.000 Menschen, um die Bevölkerung bis 2050 konstant zu halten. Das würde aber die Integrationsfähigkeit der Bevölkerung, die bereits heute auf eine harte Belastungsprobe gestellt ist, überfordern. Zuwanderung erfolgt nämlich nicht nur aus dem europäischen Kulturkreis, sondern auch aus anderen Kulturkreisen.

Das Problem der Alterung der deutschen Gesellschaft ist aber durch Zuwanderung nicht zu lösen. Es ist auch ein Irrglaube, mit steigender Zuwanderung oder/und mit steigender Produktivität, den Mangel an Erwerbspersonen ausgleichen zu können.

Die Abwanderung von hochqualifizierten Arbeitnehmern ist ein Alarmsignal. Kinderarmut und fehlender qualifizierter Nachwuchs führen zu Abwanderung von Betrieben in die Ballungsräume. Sie bleiben attraktiv, andere Regionen fallen zurück. Die Regionen driften auseinander.

Überalterung bedeutet weniger Dynamik, weniger Innovation, Bevölkerungsrückgang bedeutet rückläufige Bedarfsentwicklung mit Konsequenzen für die Finanzen, für die Infrastruktur im Bereich von Kindergarten, Schule, Nahverkehr, Ver- und Entsorgung, Einzelhandel, private Dienstleistung und Wohnungswesen.

Nach Berechnungen der Kultusministerkonferenz wird es im Jahre 2015 nur noch rund 700.000 Erstklässler geben. Zu Beginn des Schuljahres 2003/2004 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes noch 838.700 Schulanfänger gezählt.

Der Anteil der Frauen, die kinderlos bleiben, ist seit den 50ger Jahren von 7% auf 30% gestiegen. 40% der Akademikerinnen bleibt ihr Leben lang kinderlos.

Das können wir immer wieder lesen: Rückgang der Eheschließungen, Zusammenleben ohne Trauschein, sinkende Geburtenraten, ansteigende Scheidungsziffern, zunehmende Anzahl von Singlehaushalten. Dazu einige erfreuliche Tatsachen: Heute sind anteilig an der Gesamtbevölkerung mehr Menschen verheiratet als im 19. Jahrhundert, dass Ehen 30 und mehr Jahre dauern, das Ehen noch nie in der Geschichte der Menschheit solange gehalten haben wie heute. In Deutschland leben noch immer annähernd 90% der unter 18jährigen mit ihren leiblichen Eltern in einem gemeinsamen Haushalt.

Wir erleben den Anstieg der Einzelpersonalhaushalte seit den 50ger Jahren. Das hängt aber nicht mit der vielzitierten Individualisierung zusammen. Auch nicht mit der immer wieder genannten Bindungsschwäche vieler Menschen. In diesem Zusammenhang ist viel wichtiger, darauf hinzuweisen, dass vor allem Personen ab 70 beitragen zum hohen Anteil an Einzelpersonenhaushalten. Es gibt, in Absolutzahlen, mehr als doppelt soviel Einpersonenhaushalte, in denen über 70jährige leben, als solche, in denen unter 30jährige leben. Der Anstieg an Einzelpersonenhaushalten geht vor allem auf ältere Personen zurück. Wir müssen uns verabschieden von dem Vorwurf, wir lebten in einer egoistischen Singlegesellschaft junger Menschen.

Es sollte uns auch zu denken geben, dass in den europäischen Ländern, in denen die Erwerbstätigkeit der Frauen und Mütter erleichtert worden ist, zum Beispiel durch Teilzeitbeschäftigung, und in denen es ein familien- und kindergerechtes Betreuungsangebot gibt, die Kinderzahl höher ist als in den Ländern, wie zum Beispiel Deutschland, Spanien und Italien, wo diese Vorraussetzungen immer noch fehlen.

Auf Grund des Geburtenrückgangs verlieren wir in jeder Generation, ohne Zuwanderung, ein Drittel der Bevölkerung. Bis 2050 wird sich die Zahl der 20 Jährigen annähernd halbieren, die Zahl der Menschen im aktiven Alter zwischen 20 und 60 Jahren wird sich auf etwa 40% vermindern.

Der demographische Wandel betrifft die europäische, die bundes- und landespolitische Ebene, hinunter bis in die einzelnen Kommunen, Unternehmen und Familien. In vielen Betrieben gibt es heute keine Mitarbeiter mehr, die älter als 50 Jahre alt sind. Im Jahre 2020 sind die 50- bis 65-jährigen mit knapp 20 Millionen die stärkste Gruppe in der arbeitsfähigen Bevölkerung, während die 35- bis 50-jährigen dann nur noch etwas mehr als 15 Millionen Menschen umfassen. Innerhalb der nächsten 4 Jahrzehnte reduziert sich die Erwerbspersonenzahl um rund 10 Millionen Menschen.

Zukunftszuversicht und mehr Vertrauen auf unser eigenes Engagement als auf die staatliche Vollversorgung und eine Gesellschaft, in der mehr soziale Solidarität gelebt wird als heute, dies alles könnte die Lage verbessern.

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