Deutschland - deine Werte!

15.11.2007 | Andreas Fingas

Werte und Wertewandel sind seit den 70er Jahren ein nicht versiegender Quell an Themen der öffentlichen Diskussion. Vor allem auch im Hinblick auf Folgen der Wiedervereinigung Deutschlands und ein kürzlich erfolgtes Konjunkturtief der deutschen Wirtschaft ist die Debatte um „deutsche Werte“ wieder aufgeflammt.

Werte werden in diesem Zusammenhang mit einem moralisch erhobenen Zeigefinger als Schlagwort durch den öffentlichen Raum geworfen. Es handelt sich dabei aber nicht etwa um selbstständige Institutionen unserer Kultur, sondern Wert misst man etwas bei. Würden die Menschen den kleinen bunten Zettelchen und Metallenen Scheiben nicht den entsprechenden Wert zuweisen, so gäbe es keine Grundlage für das weltweite Wirtschafts- und Finanzwesen wie wir es kennen.
Werte entstehen also nicht von sich aus, sondern werden von den Mitgliedern einer Gemeinschaft bestimmten Sachverhalten, Handlungen oder sozialen Situationen in einem gewissen Maße zugeordnet. So kann man etwa von einem Wert der Familie, Partnerschaft und Ehe sprechen, aber auch von materialistischeren Werten wie Leistung und Pflichtbewusstsein, bis hin zu hedonistischen Werten wie Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung.

Werte im Wandel – ein ganz natürlicher Prozess

Wie sich unsere Gesellschaft verändert, so sind auch Werte Wandlungen unterworfen! Die einzigen stabilen Werte, die die Menschheit seit Jahrhunderten mit sich führt, sind jene, die unmittelbar mit der Selbst- und Existenzerhaltung zusammenhängen. Aber selbst hierbei wurde die einstige Blutfehde durch eine im historischen Kontext gerechtere Strafmilderung ersetzt: Die alttestamentarische Maxime „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ gewährleistete erstmals eine Strafe, die es nicht zuließ, dass Familien sich über Generationen hinweg bekämpften. Ebenso sind die zehn Gebote Orientierungspunkte, die das Zusammenleben sichern und ein soziales Chaos verhindern sollen. Sie sind uns großteils bis in den modernen Rechtsstaat hinein erhalten geblieben und finden sich auch in Wertesystemen innerhalb individueller Familien wieder.

Andere Werte hingegen sind einem ständigen, rascheren Wandel unterzogen. So beschreibt der Soziologe Ronald Inglehart unter dem Begriff der „silent revolution“ eine Theorie zum aktuellen Wertewandel: Danach durchläuft die westliche Welt seit den 70er Jahren eine kontinuierliche Veränderung weg von materialistischen Werten (wie z.B. wirtschaftliche Stabilität, Wirtschaftswachstum, Ordnung in Staat und Gesellschaft, leistungsstarke Streitkräfte etc.) hin zu eher postmaterialistischen Wertvorstellungen. Dazu zählen laut Inglehart Werte wie geistige, schöpferische, ästhetische und kontemplative Bedürfnisse aber auch Zugehörigkeitsgefühl, Bedürfnisse nach Mitsprache in Staat und Gesellschaft, Meinungsfreiheit sowie Naturschutz. Die aktuellen Debatten um Klimawandel und Nachhaltigkeit können als direkte Folgen dieser „Umwertung“ gesehen werden.

Deutschland aus internationalem Blickwinkel - ohne Identität, unflexibel und ohne Optimismus?

Dass Deutschland in einem solchen Werte-Wandel begriffen ist und welche Werte der Stärkung bedürfen, war auch Thema der zweiten Bayreuther Dialoge im Oktober 2005. Dort behauptete der Vorstandsvorsitzende der Tchibo Holding AG, Dieter Ammer, dass international die Marke „Made in Germany“ noch immer einem Qualitätssigel gleich komme, dass Deutschland gleichzeitig aber auch als „dumpf, streng, unflexibel oder risikoscheu“ wahrgenommen werde. Daraus ergebe sich ein unscharfes Bild Deutschlands, das wiederum zu einer identitätsschwachen Marke führe. Einen Mangel an Identität sah auch der ehemalige US-amerikanische Botschafter für Deutschland John Kornblum. Deutschland leide noch immer unter den Wirren, entstanden aus Wiedervereinigung, Globalisierung, technischer Revolution und sozialen Problemen. Aus diesem Grund habe Deutschland seine Orientierung und seinen Optimismus verloren. Als Lösung bietet Kornblum an, dass Deutschland sich mehr auf Werte wie Patriotismus, Kirche und Familie besinnen sollte. Dass es sich hier um typische amerikanische Idealvorstellungen handelt, sei dahin gestellt.

Aber welchen Stellenwert hat die Familie in Deutschland, welchen hat die Partnerschaft und die Ehe?

Statistiken wie die, dass jede dritte deutsche Ehe geschieden werde, Berichte von häuslicher Gewalt und Kindesmissbrauch in den Medien und vor allem in den Boulevardmedien zeichnen ein Bild von einer wertlosen Institution Ehe. Weshalb aber war der Aufschrei dann so laut, als Frau Gabriele Pauli sich an der Ehe vergreifen wollte? Handelt es sich dabei nur um politische Heuchelei einer ihrem Parteiprogramm verpflichteten CSU oder ist den Deutschen die Ehe doch wertvoller als man meinen möchte? Ein neuer Umgang mit der Institution Ehe und der Partnerschaft im Sinne einer liberalisierten Gesellschaft steht vor der Tür. Denn im Gegensatz zu früher, muss sich die Ehe heute anderen Werten unterordnen, dazu zählen beispielsweise Eigenverantwortung, gleichberechtigte Partnerschaft und Toleranz. Auf eine neue Einordnung der Ehe im Wertesystem unserer Gesellschaft dürfen wir also gespannt sein.

Vertrauen in die Zukunft und in die Jugend

Werteverfall – das klingt nach Verrohung, nach dem Verlorengehen der Zivilisation, nach Apokalypse. Die Folgen sind nach Ansicht vieler Gesellschaftskritiker Bedeutungsverluste von Kirche und Religion, Autoritätsverluste, die Erosion zahlreicher vermeintlicher Tugenden, abnehmender Gemeinsinn und ein sinkendes politisches Engagement. Dass der Fokus sich bei diesen düsteren Ausführungen in erster Linie auf die nachfolgende Generation bezieht, ist problematisch! Immerhin schürt dies einen nicht zu unterschätzenden Generationenkonflikt, der sich in einer anklagenden älteren und einer angeklagten jüngeren Generation widerspiegelt. Oder haben die Anklagenden den vermeintlichen Werteverfall vielleicht doch mit einer Werteneuerung verwechselt? (Wobei „Neu“ mit „schlecht“ gleichgesetzt wird.)

Nein, es gibt auch positive, zukunftsorientierte Stimmen! So attestiert der Soziologe Helmut Klages der deutschen Jugend die Fähigkeit der Wertesynthese, bei der alte und neue Wertesysteme nicht in Opposition zueinander stehen, sondern zu einem realistischen Wertegeflecht verbunden werden. Klages schließt aus empirischen Studien, dass Werte wie Gehorsam und Unterordnung deutlich zurückgehen, hingegen Selbstständigkeit und freier Wille normativ ansteigen.

Bildung - das Schlüsselwort für ein gesellschaftsfähiges Wertesystem von morgen

Die Gründe für diese Entwicklung vermutet Klages im Bildungs- und Beschäftigungswesen. Schließlich seien gebildete Jugendliche eher fähig, mit einiger Distanz das eigene sozioökonomische Umfeld zu betrachten. Vor allem Kinder aus unteren sozialen Schichten grenzten sich mit zunehmendem Wissen von den Wertevorstellungen ihrer Eltern ab, zumal nicht mehr das Elternhaus, sondern Vorbilder in der eigenen Lebenswelt – so genannte peers – den Jugendlichen bleibende Werte vermitteln. Darüber hinaus fordere das moderne deutsche Bildungssystem mehr Selbstständigkeit von den Jugendlichen als jemals zuvor. Daran gebunden ist die Forderung nach einem normenkritischen Umgang mit der eigenen Umwelt und der Fähigkeit zur Reflexion.

Solche Gedankengänge zeigen, wie wichtig Bildung für ein gut funktionierendes Wertesystem der kommenden Generationen ist und macht es umso dringender, die deutschen Bildungseinrichtungen grundlegend zu reformieren und den Kindern Möglichkeiten zu bieten, sich auf die Anforderungen der Gesellschaft von morgen einzustellen.

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