Der letzte Handkuss

19.02.2009 | Joseph von Radowitz

Kein Volk kommt ohne Adel aus. Deutschland glaubt, es zu können. Gefragt, ob Politiker Vorbilder sein sollten, antwortet ein Kolumnist einer großen deutschen Tageszeitung: „Nein, wir leben schließlich nicht in einer Aristokratie, sondern in einer Demokratie.“

Die Demokratie verlangt nach der Herrschaft des Volkes. In modernen Massengesellschaften delegiert das Volk die Machtausübung aus vernünftigen Gründen an die von ihm gewählten Repräsentanten. Moralische Vorbilder brauchen die Abgeordneten nicht zu sein.

Ein aristokratischer Staat erwartet von seiner Macht ausübenden Schicht hingegen einen hohen Grad an Sittlichkeit. Aristoteles beschreibt die Staatsform der Aristokratie als die Herrschaft derer, die am meisten Anteil an der Tugend besitzen.

Man mag darüber streiten, ob tugendhaftes Verhalten angeboren, Produkt der Erziehung oder eigener Anstrengung ist. Auch ist der Hinweis erlaubt, dass Herkunftsadel nicht immer zugleich Geistesadel bedeutet. Doch auch eine demokratische Gesellschaft wird auf Dauer nicht ganz auf Adel verzichten können, welcher Herkunft auch immer.

Entmachteter Adel

Der historische Adel hat seine Macht und Privilegien schon lange verloren. Im öffentlichen Leben ist er unsichtbar geworden. In keinem Berufszweig sind Adelige herausragend vertreten. Schon gar nicht in der Politik, obwohl Aristokraten jahrhundertelang die abendländische Politik verantworteten und sich in ihren Reihen bestimmt auch heutzutage zahlreiche politische Begabungen finden ließen, da sich Talent nun einmal vererbt.

Sie existieren noch, die Löwen, stolz in ihren Käfigen. Adelige, die weitgehend zurückgezogen in ihren privaten Refugien nach eigener Fasson leben. Sie besitzen Land, Forst und Güter und laden zur Jagd und zu Familienanlässen wie Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen. Auf Bällen und Festen trifft sich die junge Generation und tanzt anders als ihre Altersgenossen. Statt auf Kreuzzüge schicken noble katholische Familien ihre Kinder zur Wallfahrt nach Lourdes.

Der Adel im Spiegel der Öffentlichkeit

Ein anderes, karikaturistischeres Bild des Adels zeichnen naturgemäß die Society-Blätter, wenn Sie über Adelige berichten. Die Bühne füllen lustige Vögel, peinliche Tröpfe und böse Erblasser, die, reaktionär, wie sie nun einmal sind, das Familienerbe von einer standesgemäßen Heirat abhängig machen. Hauptrollen spielen die lebenslustige Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, der cholerische Prinz Ernst August von Hannover und die koksenden Mitglieder der Familien Fürstenberg und Bismarck.

Die seriöse Presse behandelt das Thema mit Herablassung. Ein Feuilletonredakteur offenbart seine grollende Sicht auf aristokratische Epochen mit der Bemerkung über „Zeiten, da die meisten Menschen glaubten, erbliche Bevorrechtigung launischer Inzuchtprodukte sei eine tolle Verfahrensweise, den gesellschaftlichen Umgang der Menschen miteinander zu ordnen.“

Die Herabwürdigung des Adels unterschätzt die Bedeutung von Erziehung, Familiensinn und Traditionsliebe. In generationenlanger Einübung bestimmter Werte bringt der Adel bis heute Menschen hervor, die zumindest Goethes Forderungen an die Nobilität gerecht werden: gute Manieren und eine vornehme Gesinnung zu besitzen.

Die Diffamierung kann ohnehin nicht die Bewunderung auslöschen, die dem Adel natürlicherweise entgegengebracht wird. Tief in ihrem Inneren spüren die Menschen, dass sie sich nach Edlem sehnen, danach, sich um einen König zu scharen, dessen Banner im Wind weht, um mit ihm für das Gute und Rechte zu kämpfen. Es sind besondere Tugenden, die Achtung hervorrufen: Ritterlichkeit, Mäßigung, Tapferkeit, Großzügigkeit, Beständigkeit, Treue, Aufrichtigkeit, Demut.

Kein deutscher Fürst hat freiwillig abgedankt. Und auch die meisten Aristokraten haben sich nur widerwillig zurückgezogen. Sie beugten sich dem Zwang der Zeit. Einige verharren bis heute in trotziger Ablehnung. Von außen erscheinen sie als Don Quijotes, die einer rückwärtsgewandten Utopie gegen die bürgerliche Gesellschaft frönen. In Wirklichkeit warten sie auf bessere Zeiten.

Der Handkuss stirbt aus

Gehen die Aristokraten, verschwindet das Formvollendete und Elegante aus dem öffentlichen Leben und damit die Umgangsformen, die der abendländischen Kultur ihre Prägung gegeben haben. „Was waren das für Zeiten, als Tausend Degen aus ihren Scheiden schnellten, um einen Blick zu bestrafen, der eine Dame zu beschimpfen drohte“, bemerkt Edmund Burke. Der Adel, niemand sonst, schafft die für eine Kultur gültigen Regeln des schicklichen Umgangs.

Der Handkuss ist die ehrerbietige Form, mit der ein Herr eine Dame begrüßt und verabschiedet. Er wurde vom Spanischen Hof am Wiener Hof übernommen. Seine Ursprünge gehen wohl auf den Brauch zurück, Königen und Bischöfen den Siegelring zu küssen. Seine ungezwungene Eleganz ergibt sich idealerweise aus jahrelanger Übung seit Kindheitstagen. Korrekterweise nimmt der Herr die Hand der Dame, führt sie ein wenig zu sich empor und gibt, während er sich leicht vorbeugt, einen angedeuteten Kuss auf den Handrücken der Dame, ohne ihn freilich zu berühren.

Man muss kein Prophet sein, um vorauszusehen, dass der Handkuss bald aussterben wird. Es stirbt allerdings weit mehr, als nur eine graziöse Art, eine Dame galant zu begrüßen. Im Verschwinden vollendeter Umgangsformen kann ein sicheres Indiz für die Endphase einer Kultur gesehen werden. Sitten, wie der Handkuss, sind Ausdruck bestimmter Werte, auf denen eine Hochkultur wie das Abendland fußt. Was noch nicht ausreichend wahrgenommen wird, ist der sich rasant beschleunigende Untergang der abendländischen Kultur.

Das Ende einer ganzen Kultur

Mit Kulturpessimismus und dem vermeintlichen Aufwärmen der Thesen Oswald Spenglers erntet man automatisch Widerspruch. Das lässt sich nicht verhindern. Um was der Verfasser den Leser bittet, ist, sich die Zeit zu nehmen, die Argumente der Untergangsthese zunächst zu rezipieren und dann sein Urteil zu fällen. Schließlich haben so unterschiedliche Denker wie Theodor Adorno und Henry Kissinger Spengler gegenüber seinen Kritikern verteidigt.

Für Spengler gelangt die abendländische Entwicklung im Absolutismus auf ihren Höhepunkt. Ihn interessiert dabei nicht die soziale und politische Ungleichheit, Leibeigenschaft, Ignoranz und Steuerungerechtigkeit. Spengler sieht im Absolutismus schlicht den Hochsommer der abendländischen Kultur. Geistig ist die abendländische Seele aus traumschwerer Weltangst zu philosophisch klarer Bewusstheit gelangt. Künstlerisch bedeutet es die Ausbildung des reifen Künstlertums im Barock und die äußerste Vollendung einer durchgeistigten Formensprache im Rokoko. Politisch schließlich sieht Spengler im Absolutismus die höchste Ausprägung der abendländischen Staatsidee im nationalen Zentralstaat.

Es ist die Zeit von Ludwig XIV., Friedrich dem Großen, den Medici und Katharina der Großen. Die Epoche von Rubens, Velázquez, Rembrandt, Vermeer, Gainsborough und Watteau. Von Descartes, Leibniz und Voltaire. Von Vivaldi, Bach, Händel, Haydn und Mozart.

Alles wird zur Form und fügt sich in ein kulturelles Ordnungssystem. Eine Phase der höchsten Gemeinsamkeit in der abendländischen Kultur, ein letzter einheitlicher Stil. Fast alle Nationen des Abendlandes fanden damals ihre Gestalt, die sich aus den dynastischen Ursprüngen ihrer Herrschergeschlechter ergab.

Das Schicksal jeder Kultur ist es, ihre zentrale Idee mit aller Kraft zu verwirklichen, bevor sie in eine Verfallsphase einmündet, an deren Ende die Kultur untergeht, was nichts anderes heißt, als entweder von anderen Kulturen erobert zu werden oder in eine vorläufige Phase der Anarchie zu fallen, bevor sich eine neue Kultur bildet. Die Siechtumsphase vor dem Untergang einer jeweiligen Kultur nennt Spengler Zivilisation. In dieser befinden wir uns.

Zivilisatorische Krankheitssymptome

Die Zivilisation ist gekennzeichnet durch die Herrschaft der Weltstädte, durch Materialismus, Atheismus, Sinnlichkeit und den Zusammenbruch der traditionellen Moral.

Für die sittliche Erosion, die im Zeitalter der Zivilisation einsetzt, gibt es viele Gründe. Vier davon sind von zentraler Bedeutung: Irreligiosität, Relativismus, Dekadenz und Geldherrschaft.

Das Wesen jeder Kultur ist Religion. Die ersten Baumeister, die Grundsteinleger für das Riesengebäude einer Hochkultur, entstammen zu allen Zeiten dem Priestertum und dem Adel. So ist es auch in der abendländischen Kultur. Am Anfang war der Glaube an einen neuen Gott. Der Gott der Evangelien, die vom Leben Jesu künden. Von diesem Gott hat sich unsere Zeit in einem stetigen Prozess immer weiter entfernt und sich dem zugewendet, was als Säkularismus bezeichnet wird. Die menschliche Vernunft ist an die Stelle Gottes getreten und akzeptiert keine höhere Instanz mehr als sich selbst.

Das zweite Merkmal kultureller Zersetzung ist die Vorherrschaft des wissenschaftlichen Relativismus' im öffentlichen Diskurs. Das Akzeptieren und Tolerieren von sich widersprechenden Weltbildern, Philosophien, politischen Theorien und moralischen Ansichten ohne sie zu bewerten – ja, sie sogar gleichzeitig für wahr zu halten – führt zu Zersplitterung, Verwirrung, Formlosigkeit und einem Zusammenbruch der Moral. Wir fragen wie Pilatus: Was ist Wahrheit? Wir wissen es nicht mehr. Eine Kultur in ihrer Blüte fragt nicht, ob sie sich gegen fremde Kulturen verteidigen soll, sie tut es einfach. Es ist ein deutliches Zeichen kultureller Schwäche, wenn man sich nicht mehr für berechtigt hält, die eigene Kultur zu schützen.

Das dritte Untergangssymptom ist die Dekadenz, die Genuss- und Prunksucht in Zeiten der Lebensangst. Wir erleben heute ein fast obszönes zur Schau stellen von Reichtum und Luxus. Schon der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga deutete Dekadenz als Merkmal ausgehender Geistesepochen. Statt der Tugend der Mäßigung zu folgen werden Laster wie Völlerei, Verschwendungssucht, Spekulation und Ausschweifungen aller Art gepriesen. „Was sind schon Laster, was sind Tugenden? Wer soll darüber richten?“ gibt der französische Modemacher Hedi Slimane zu bedenken.

Die Macht des Geldes

Das vielleicht entscheidende vierte Merkmal ist die Herrschaft des Geldes. Im Hintergrund der abendländischen Demokratien zieht das große Geld seine Fäden. Die Mitglieder der transatlantischen Geldelite verwirklichen den letzten großen Angriff des Abendlandes auf die Welt: die Ausdehnung des westlichen Wirtschaftssystems auf den gesamten Globus. Das Ziel ist eine Wirtschaftsweltordnung, in der die internationalen Finanziers zu ihrem bereits heute unermesslichen Reichtum Trilliarden und Abertrilliarden einer wie auch immer sich nennenden Weltwährung hinzufügen. Von ihren Höhen aus sind menschliche Leiden verschwindend klein. Die Opfer von Kriegen, Umweltkatastrophen, Hunger, Krankheiten, Flüchtlingsbewegungen, Börsencrashs, Arbeitslosigkeit und Inflation kümmern die Verfechter des entfesselten Kapitalismus' nicht. Alles Große hat seinen Preis.

Wenn Menschen Geld nicht mehr als Mittel zu Zwecken sehen, sondern „in Geld denken“ (Spengler), ist eine Kultur ihrem Ende nah.

Das unheilvolle Wirken der Politik

Statt sich um das Gedeihen der eigenen Kultur zu sorgen, kümmert sich die politische Klasse lieber um die Ziele der abendländischen Wirtschaftselite, wie beispielsweise der Abschaffung des Nationalstaats. Es ist der erklärte Wille der Globalisierer, die Souveränität des Nationalstaats zu ersetzen durch supranationale Organisationen, an deren Spitze einmal eine Weltregierung treten soll. Einzelne Schritte auf diesem Weg sind die Abschaffung nationaler Währungen, der eigenständigen Wirtschaftspolitik und eines Tages auch der nationalen Außenpolitik. Der Nationalstaat habe es nicht geschafft, optimale Bedingungen für einen reibungslosen Handel zu schaffen, argumentieren sie. Er sei für zu viele Kriege und egoistische Interessenpolitik verantwortlich. Eine Weltregierung könne das besser. Nun, bisher haben wir die Europäische Union, die unser Zusammenleben immer effizienter regeln soll. Irgendwann übernimmt dann wohl die UNO oder eine vergleichbare Weltorganisation.

Zur Blüte der abendländischen Kultur gehörte immer die Vielfalt der Nationen. Der Staat ist nach der Familie die natürliche Ordnungseinheit der Gesellschaft. Schafft man den Nationalstaat ab, verschwindet der Reichtum einer gewachsenen Kultur.

Eine neue Hochkultur

Offenbart eine reife Kultur Zeichen der Schwäche, stehen fremde Kulturen jederzeit zur Übernahme bereit.

Als erstes kommt einem natürlich der Islam in den Sinn. Heiner Müllers düstere Prophezeiung: „Wir werden wie Sklaven die Äcker pflügen im Schatten der Moscheen“, ist allerdings übertrieben. Zwar leben in Deutschland inzwischen über 3 Millionen Muslime. Der Islam wird aber weder die Christen zur Konversion inspirieren noch die Säkularen bekehren. Sein Programm ist nicht attraktiv genug für die abendländische Seele. Der Islam ist eine ganz der arabischen Geisteswelt entsprechende Religion. Alles was er an Kulturangriff auf das Abendland vermag, sind vereinzelte terroristische Anschläge seiner Fanatiker. Ansonsten wird er eine der vielen gleichberechtigten Religionen unserer Zivilisationsepoche werden.

Für Spengler ist die nächste Hochkultur die russische. Er betont eindringlich, dass Russland bisher vom Abendland eine dem Russentum fremde Kultur aufgezwungen wurde, der sich die Slawen untergeordnet haben. Sowohl die Kulturvorstellungen der Zarenzeit, als auch die Ideologie des Kommunismus' sind westliche Importe. Die russische Seele ist anders als die abendländische. Sie erwacht erst jetzt. Ob Russland das Abendland in Zukunft mit seiner Kultur erobern wird, bleibt abzuwarten. Eine vom Westen sich emanzipierende und unabhängige Entwicklung des riesigen Reiches ist aber bereits heute zu erkennen.

Abschied und Zuversicht

Wollte man das Abendland vor seinem Niedergang bewahren, wäre eine Operation à la Metternich vonnöten, wie er sie als Antwort auf die Französische Revolution und auf Napoleon unternommen hat. Sie erfordert die Rückbesinnung auf die Quellen der europäischen Kultur, ihren christlichen Ursprüngen und der zentralen politischen Idee des souveränen Nationalstaats.

Ein wirkungsvolles Mittel, den kulturellen Kollaps für Deutschland hinauszuzögern, wäre ein moderner Konservativismus, der aus zwei Grundideen besteht: der Liebe zu den Traditionen, insbesondere dem Christentum, und der Verfolgung deutscher Interessen innerhalb der Grenzen des europäischen Allgemeinwohls. Die Politik müsste sich wieder der eigenen Kultur verpflichtet fühlen, die Wirtschaft in ihren Dienst nehmen und sich der Auflösung des Nationalstaats widersetzen.

Hierzu ist ein starker, unbeugsamer Wille nötig, der fest an seine Ideale glaubt. Es scheint fraglich, ob momentan ein solcher Wille in den Kreisen der Politik zu finden ist.

So wird die Rettung wohl ausbleiben. Das mag man bedauern oder nicht. Goethe sagt zu Eckermann: „Die Gottheit ist wirksam im Lebendigen, aber nicht im Toten; sie ist im Werdenden und sich Verwandelnden, aber nicht im Gewordenen und Erstarrten.“ Kulturen und politische Systeme entstehen und vergehen. Gottes Schöpfung bleibt.

Das System der repräsentativen Demokratie braucht, wenn es überleben will, tugendhafte Abgeordnete. Unabhängig von ihrer Herkunft sollten Politiker aristokratische Ideale besitzen. Ihr Pflichtbewusstsein und ihre moralische Integrität müssen, zumindest in den Führungspositionen, vorbildhaft sein. Ansonsten führt der Weg entweder ins Chaos oder in die Diktatur.

Selbst wenn die Demokratie es schaffen sollte - für die abendländische Kultur in ihrer Zivilisationsphase wird es fürwahr eng. Der Kampf zwischen Christen und Nichtchristen um die gesellschaftliche Ordnung der Zukunft tritt zweifelsohne in seine entscheidende Phase. Es scheint so, als würde sich das Antichristliche durchsetzen. Vorläufig.

Der europäische Christ nimmt es gelassen, da er gewohnt ist, in langen Zeitabständen zu denken und optimistisch zu bleiben. Er glaubt an seine alten Werte, wie sehr sich die Zeiten auch ändern mögen.

Vom Untergang, so hofft er, ist man zumindest noch ein paar Handküsse entfernt.

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