Der entfesselte Mensch

04.07.2005 | Peter Felixberger

Dies müsst ein wahrer Vogel sein, dem niemals fiel das Landen ein - Der entfesselte Mensch in einer Neuen Ökonomie. Ich möchte Ihnen zunächst eine Geschichte nahe bringen, die mir der österreichische Psychologe Paul Watzlawick einmal erzählt hat.

Ein Dobermann wurde in der Früh immer von seinem Herrn in den Garten hinausgelassen, lief zu einem Baum, verrichtete dort sein Geschäft und kehrte wieder ins Haus zurück. Zwischenzeitlich hatte das Herrchen eine Schüssel Milch vorbereitet, die der Dobermann dann gierig ausschlürfte. Eines Tages nun war keine Milch da. Der Hund kam herein, stand völlig verdattert vor der Schüssel. Was tat er? Ganz einfach. Er lief wieder in den Garten hinaus, hob das Bein wie tausendmal zuvor, obwohl dabei jetzt nichts mehr herauskam, und kehrte daraufhin vermutlich in der Annahme zurück, das Ganze müsse sich doch wie gehabt abspielen.

Was lernen wir daraus? Der unflexible Dobermann mag nicht glauben, dass sich etwas verändert hat. Er wiederholt sein Geschäft, und hofft auf die Rückkehr der Normalität. Es soll für ihn alles beim Alten bleiben oder alles, wie es war. Ähnlich verhält es sich derzeit vielerorts in der Wirtschaft. Wer sich umhört, hört vielfach das Gleiche: Wenn sich erst die Stürme gelegt haben, wird die Sonne wieder scheinen.

Wir können derzeit aber auch zwei weitere Reaktionsmuster des Dobermanns beobachten.

Erstens: Der Dobermann wird durch die neue Situation noch weiter verängstigt und dadurch passiv. Mit der Folge: Er belässt die Verantwortung bei seinem Herrn und harrt der Dinge.

Zweitens: Der Dobermann beginnt darüber nachzudenken, wie er wieder zur Milch kommt. Mit der Folge: Er wird aktiv und nimmt sein Schicksal selbst in die Hand.

Diese beiden Reaktionsmuster sind Krisen- und Veränderungsstrategien. Betrachten wir sie zunächst einzeln. Sie werden uns Aufschluss geben, wie unterschiedlich die Wirklichkeit durch eigene Wahrnehmungsfilter konstruiert werden. Wir werden daraus dann Rollenbilder und Verhaltensweisen ableiten, die jeweils mit entscheidend dafür sind, ob man Einzelkämpfer oder Netzwerker wird. Denn der Grad der Vernetzung oder neudeutsch das Networking ist davon nicht unerheblich betroffen.

Also zunächst Ebene 1: Der verängstigte, passive Dobermann. Die Erzählung darüber könnte wie folgt gehen.

Schreckensnachrichten, wohin man blickt. Knapp 1,3 Billionen Staatsschulden, knapp fünf Millionen Arbeitslose, jährlich knapp 50.000 Unternehmenspleiten, 43 Milliarden Neuverschuldung, Nullwachstum, marode Sozialsysteme. Das Land steckt mitten im Flächenbrand. Verblühende Landschaften, erste Rauchsäulen in den Vorgärten. Die Claqueure in den Massenmedien heizen das Feuer an. Sie leben von den vielen Brandherden in der Krise. Und wiederholen so lange die Nachrichten, bis der Zuschauer oder Leser taub ist. Was die Brandwunden kurzfristig etwas weniger brennen lässt. Die Flammen lassen jedoch Kontostände schmelzen, dem Wohlstand ist schon längst nicht mehr wohl und das Feuer versengt den gesunden Menschenverstand.

Der Rauch des Feuers vernebelt leider unsere Sinne. Vor lauter Qualm sehen wir den Wandel und den Aufbruch nicht mehr. Wir sind gefangen vom Blöken der Politiker, das alle Gazetten und Kanäle besetzt. Gefangen vom Schnauben der Experten, die willfährig ihren wechselnden Herren dienen. Gefangen vom Brüllen der Werbung, die uns bis aufs Klo folgt.

Mit der Folge: Viele Menschen in diesem Land haben den klaren Blick auf sich selbst, auf ihre Stärken verloren. Das Land scheint mittlerweile so ausgepowert zu sein, dass es gar nicht mehr in die Zukunft investieren kann, es vernachlässigt die Jugend und lässt das Bildungssystem verkommen. An den Schalthebeln sitzen die Hüter der alten Wahrheiten - Parteien, Gewerkschaften und Schulen. Nicht mehr lange: Denn sie vergreisen immer mehr und verarmen materiell wie ideell.

Wer heute eine Vitalitätsprüfung der Parteien vornimmt, spürt wenig Regung. Parteien vergreisen und verkalken. Beispiel SPD: Nur knapp sechs Prozent ihrer Mitglieder sind unter 30, aber gut zwei Drittel über 60 Jahre alt. Recht viel besser sieht es bei den anderen auch nicht aus, Pensionäre dominieren das Zeitgespräch über Grenzen hinweg. Alarmierend ist auch der Rückgang der Mitglieder. Nur noch 670.000 Mitglieder (1980: 1 Million) halten der SPD die Treue. Gerade noch zehn Prozent von ihnen lassen sich auf Versammlungen blicken. Dort versammelt sich die immergleiche Funktionärsclique und vergreist vor sich hin. Alle Parteien sind auf Pleitekurs. 100 Millionen miese bei der CDU. 15 Millionen Euro hat die FDP aufgetürmt. Allein die SPD in Nordrhein-Westfalen hat 8 Millionen miese.

Von rund 12 Millionen Organisierten im DGB Anfang der 90er Jahre sind bis heute fast fünf Millionen abhanden gekommen: Austritte, Arbeitslosigkeit, Abgänge - und vor allem: weit und breit kein Nachwuchs in Sicht. Im Gegenteil, seit 1991 ist der Anteil der unter 25jährigen Gewerkschaftsmitglieder um die Hälfte gesunken und stellt gerade mal noch knapp zehn Prozent der organisierten Arbeitnehmerschaft.

Gerade einmal vier Prozent aller Lehrer in Grundschulen sind jünger als 30 Jahre. Die 40- bis 60-jährigen dominieren mit knapp 60 Prozent das Lehrerzimmer. Noch schlimmer die Situation in Sekundarschulen: zwei Prozent unter 30, 80 Prozent zwischen 40 und 60. Deutsche Lehrer sind ausgebrannter und überforderter denn je: Stress, Angst vor dem täglichen Martyrium Unterricht, kaum Unterstützung bei der dringend notwendigen Fortbildung. Der Volksmund betrachtet sie sowieso nur als Dauerurlauber oder faule Säcke, Eltern liegen im Dauerclinch wegen Unterrichtsausfall und unengagiertem Vorgehen und die Unternehmer beklagen den hoffnungslosen Leistungsstand deutscher Schüler im internationalen Vergleich.

Alle diese Erzählungen über unser krankes Land sind uns bestens bekannt. Das Geschrei ist groß, doch die Lösungen kratzen nur an der Oberfläche. Was aber passiert darunter? Wie geht es den Menschen? Ich behaupte: Bestimmt nicht so schlecht wie die Untergangsstimmung suggeriert, die überall zelebriert wird. Denn die Menschen sind bereits viel weiter als ihre Funktionäre und Repräsentanten. Sie überarbeiten und erneuern gerade ihre alten Identitäten und Rollenkontexte. Unterhalb der maroden Systeme und maroden Moral in dieser Republik. Die Menschen organisieren sich zunehmend wieder selbst und lassen die großen Sprechblasen in der Politik hinter sich. Das ist der neue, große und langfristige Trend in diesem Land.

Ein Blick zurück nach vorne: In der alten Bundesrepublik fand jeder Bürger ein stabiles Rollenkorsett vor. Egal ob als Mitarbeiter eines Unternehmens, als Kunde, als Manager oder als Privatmensch. Darin fanden sich alle mehr oder weniger gut zurecht. Der Vorteil bestand darin, sich nicht nur zurecht zu finden, sondern auch seinen Platz zu kennen. Ein lebenslanger Arbeitsplatz, lebenslang verheiratet, lebenslang im Eigenheim, lebenslang versichert.

Wie sah es im einzelnen aus?

Als Mitarbeiter war man in hierarchisch aufgestellten Organisationen als Funktion und Befehlsempfänger geparkt.

Als Kunde konsumierte man, was einem vorgesetzt wurde.

Als Bürger war man über Steuern und Abgaben, über Bürokratie und Regulierung fest im Blick und Griff des Staates.

Als Privatperson erlebte man Wohlstand und Sicherheit in der Feudalisierung des eigenen Lebensalltags.

Der Staat war der Hüter dieses Lebensglücks. Die Sozialdemokraten erfand das zugehörige Menschenbild: Der Einzelne ist schwach und muss vom Staat vor allen Widrigkeiten des Lebens beschützt werden. So wurden Interessen von unten nach oben gleitet. Dort saß der Funktionär und hütete die Interessen seiner Schäfchen. Der Bürger gab an der Garderobe seine Verantwortung ab, erhielt dafür im Gegenzug Eigenheim, Mittelklasseauto und sichere Altersvorsorge.

Dieses Modell funktionierte jahrzehntelang aufs Beste. Und es wäre heute noch der beste aller Gesellschaftsverträge, wenn die Jungen den Alten ihr Erfolgsmodell weiter abgenommen hätten. Doch die entdeckten plötzlich sich selbst: Selbstverwirklichung wurde das ganz große Thema der Generation Z (Geburtsjahrgänge 1955-1965) und ihrer Nachfolger (Geburtsjahrgänge 1966-1983), egal ob als Generation Golf oder sonst wie.

Betrachten wir die aktuellen Generationsbefindlichkeiten etwas näher: Die interessanteste Gruppe sind die derzeit 20-30Jährigen. Sie haben vielfach genug Geld und eine gute Ausbildung. Sie lieben ihre Eltern und haben viele Freunde. Alles scheint ihnen offen zu stehen. Doch viele fühlen sich in der Krise. In der Quarterlife Crisis. Die Flut der Möglichkeiten und die hohen Erwartungen der Öffentlichkeit schnüren ihnen die Luft ab. Überfordert, verunsichert und zweifelnd ziehen sie sich zurück. Die ökonomische Ungewissheit macht ihre Selbstentfaltungslinien brüchig. Aber sie stehen jederzeit bereit, wenn der nächste Aufschwung sie mitreißt.

Eins darüber befinden sich die Mittdreißiger. Auch sie sind bereits Kinder der Freiheit, wie sie der Soziologe Ulrich Beck einmal genannt hat. Jung, frei und spontan fühlten sie sich - oder einfach nur cool. Sie lebten bisher vor sich hin, ohne sich entscheiden zu müssen. Erwachsensein galt als uncool. Doch die Mittdreißiger sind hart auf dem Boden der Krise gelandet. Fast jeder Siebte zwischen 30 und 40 ist mittlerweile arbeitslos. Ihre Devise, so sagt der Journalist Volker Marquardt: Wir müssen uns entscheiden, egal für was! Wir haben eine Menge ausprobiert, jetzt machen wir endlich etwas daraus! Auch sie fühlen sich in einer Abwartesituation. Das Modell fürs Erwachsensein, das ihre Eltern vorgelebt haben, war geprägt von Routine, von Wiederholung und von Entscheidungen, die durchgehalten wurden. So heißt es in dem Buch »Das Wissen der 35-Jährigen«: »Mein Vater hat niemals den Arbeitgeber gewechselt und etwa ab dem 25. Lebensjahr nur noch eine bestimmte Biersorte getrunken. Wir hingegen sind das genaue Gegenteil: Wir probieren und probieren - und können uns nicht entscheiden. Dieses Sich-nicht-festlegen-Wollen ist unser Versuch, nicht erwachsen zu werden.«

Darüber steht die Generation Z, die Geburtenjahrgänge 1955 bis 1964. Ihre Haltung ist aktuell ebenfalls diffus. Ihre Elternanteile und ihr Sicherheitsbedürfnis sind natürlich am weitesten ausgeprägt. Sie wollen das Erreichte schon etwas mehr festhalten. Reinhard Mohr hat sie so umschrieben: »Sie sitzen vielfach in einer narzisstischen Ich-Höhle und warten, dass sich die Welt verändert. Es ist ein bisschen wie ein Leben im Schutzanzug, um die Wellen von Enttäuschungen und Desillusionierung abprallen zu lassen. Auch in dieser Gruppe herrscht das große Abwarten vor.«

Insgesamt herrscht also, je jünger die Menschen heute sind, eine große Selbstverständlichkeit vor, sich in der Gesellschaft frei entfalten zu können. In Möglichkeitsräumen jeder Art, wohin man will. Der Grad dieser Allmachtsfantasie wird natürlich erheblich von der ökonomischen Realität gestört. 14 Prozent Arbeitslose zwischen 30 und 40. Die besten Kräfte befinden sich jetzt schon jenseits der Arbeitsgesellschaft.

Für unseren Zusammenhang ist wichtig, dass alle Post-68er-Generationen einen hohen individuellen Selbstentfaltungsgrad verwirklichen wollen. Was aber mit einer wachsenden Höhe sozialer und materieller Wohlstandsmesslatten korreliert. Weshalb sich der Alltag der Menschen gezwungenermassen immer mehr um Gewinn, Maximierungskalküle und Effizienzsteigerung dreht.

Alle diese Kinder der Freiheit warten nur darauf, dass der grundlegende Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft in Richtung einer Entfesselung des Menschen zielt. Sie warten auf das Ende der alten Bundesrepublik, richten sich aber noch so lange gemütlich in ihr ein, wie es geht.

Das Fatale an dem Ganzen: Die Wirtschaft und damit die Unternehmen haben längst volle Fahrt aufgenommen. Sie stecken inmitten dieses Transformationsprozesses. Nämlich, den Menschen wieder in den Mittelpunkt zu stellen und seine Selbstentfaltungslinien zu respektieren. Die Rollenkontexte werden heutzutage zuallererst in der Wirtschaft neu definiert. Vor allem im Management. Dort wird längst innerhalb neuer Organisations- und Motivationsstrukturen nachgedacht und gehandelt.

Es ist deshalb nur eine Frage der Zeit, dass dieser Wandel von Einstellungen, Mentalitäten und von Selbstverständnis in der Gesellschaft ankommen wird. Und dort auf motivierte, vor allem jüngere Menschen treffen, die dafür längst bereit sind. Am Ende steht die Wiederaneignung der Gesellschaft durch die Menschen. Unternehmen, Parteien, Gewerkschaften, Schulen und Universitäten werden sich komplett verändern und anpassen müssen. Sie müssen den Menschen wieder in den Mittelpunkt stellen und ihnen mehr Partizipation, Demokratie und Freiheit anbieten.

Kommen wir deshalb zu Ebene 2: Der aktive, selbst organisierte Dobermann.

Die neuen Rollenkontexte sehen deshalb anders aus als in der alten Bundesrepublik. Freiheit, die sich jeder nehmen wird, hat Folgen. Nicht immer nur gute. Jeder Bürger findet ein fragiles Rollenkorsett vor. Egal ob als Mitarbeiter eines Unternehmens, als Kunde, als Manager oder als Privatmensch. Der Weg, seinen Platz zu finden, ist unberechenbar und gefährlich. Der Vorteil besteht indes darin, nicht zu wissen, wie und wo man endet. Ein schneller Arbeitsplatz, kurz verheiratet, nie im Eigenheim und nie mehr versichert. Klingt furchtbar, nicht wahr? Wie sehen die neuen Rollenbilder im einzelnen aus?

Als Kunde wird man Co-Designer der Warenwelt.

Als Mitarbeiter wird man selbst aktiv und betreibt Self-Marketing.

Als Bürger wird man zur Stütze des Staates. Die Ära der Almosen und Alimentierungen geht zu Ende.

Als Mensch sucht man Vielfalt im Leben. Aufstieg und Absturz liegen nahe beieinander.

Kunde

 

Beginnen wir mit dem Kunden oder Verbraucher, wie er früher hieß. Was assoziieren wir mit Verbrauchern? Eine willenlose Herde, die blökend zwischen den Angeboten hin und her rennt, getrieben von suggestiven Werbebotschaften und empfänglich für aufgeschwatzte Produkte, die sie eigentlich gar nicht will. So funktionierte die Massenkonsumgesellschaft, deren Ende längst angebrochen ist. Heute lautet die heißeste Frage in den Unternehmen: Was will der Kunde, was treibt ihn, wie kann ich ihn an meinen Marktstand locken, wie kann ich ihn dazu animieren, immer wieder zu meinem Marktstand zurückzukehren? Nicht von ungefähr ist das Customer Relationship Management - CRM - einer der Renner unter den Managementtools.

Im Internet hat sich schon längst eine unüberschaubare Vielzahl von Online-Communitys herausgebildet, also Interessengruppen, die sich gegenseitig mit Informationen und Erfahrungen über Preise und Qualitäten der unterschiedlichsten Marktangebote versorgen. Im Internet beginnen sich eigenständige Kundenlobbys von Gleichgesinnten zu formieren, die sich untereinander verständigen und direkt mit den Herstellern E-Mail-Kontakt aufnehmen, um Beschwerden, Anregungen und Wünsche loszuwerden. Ob Hersteller oder Händler, wer auf den Märkten bestehen will, muss lernen, sie ernst zu nehmen, ihnen zuzuhören und die Fähigkeit ausbilden, Bindungen zu seinen alten, neuen oder potenziellen Kunden zu schaffen. Menschen lassen sich nicht länger in bestimmte Typenraster und Zielgruppen einsortieren, denen bestimmte Bedürfnisse unterstellt werden. Mit Standard-Produkten, die einer anonymen, klaglos konsumierenden Verbraucherschar in die Regale gestellt werden, ist immer weniger Geschäft zu machen.

Die modernen Kommunikations- und Herstellungstechniken machen das "kundenindividuelle Massenprodukt" möglich. Auf diesem Trendweg schlüpft der bisher kritiklos kaufende Konsument mehr und mehr in die Rolle des "Prosumenten". So könnte auf der nächsten Stufe in nicht allzu ferner Zukunft realisiert werden, dass der Kunde zum Mit-Designer und Mit-Konstrukteur wird. Er könnte beispielsweise sagen: "Hallo Mercedes, euer neues F-Klasse-Modell gefällt mir zwar grundsätzlich schon, aber ich finde die Heckpartie nicht schön, die stelle ich mir anders vor." Und dann bekommt er sein individuelles Heck. Vielleicht klingt das im Moment noch absurd, aber wer einmal die individualisierte, "Just-in-Sequence"-Fließbandproduktion des A-Klasse-Mercedes in Rastatt gesehen hat, gewinnt eine Vorstellung davon, dass die Realisierbarkeit technisch näher rückt.

Der Markt wandelt sich vom Anbieter- zum Käufermarkt, vom Markt der selbstherrlichen Produkt-Distributoren zum Markt der cleveren und wohlinformierten Kunden, die sich aussuchen, mit wem sie Geschäfte tätigen. Nach Jahrzehnten beliebig austauschbarer Produkte, austauschbarer Mitarbeiter und austauschbarer Konsumenten ist nun das Zeitalter des austauschbaren Anbieters angebrochen. Und das ist wirklich neu. Der Kunde ist nicht mehr länger gutgläubiger Endverbraucher, er ist zum Geschäftspartner geworden.

So wird die Zukunft des Konsums sehr viel mehr an die uralte Vergangenheit des Handelns auf kleinen, überschaubaren Marktplätzen erinnern und nicht mehr viel zu tun haben mit dem seelenlosen Geschäft des Massenkonsumzeitalters, in dem sich Käufer und Verkäufer im Wesentlichen darauf beschränkten, sich gegenseitig Ware und Geld in die Hand zu drücken. Jetzt versuchen beide Seiten, eine individualisierte Beziehungsebene miteinander zu finden.

Warum? Weil die Märkte heute und in Zukunft immer weniger von den Parametern des Mangels geprägt sein werden. Das waren sie bis vor 30, 40 Jahren noch, und das hieß: Ein Angebot war auch ein Markterfolg. Wer etwas beschaffen konnte, verdiente Geld damit. Etwas halbwegs Sinnvolles, preiswürdig auf den Markt gebracht, fand Absatz. Dann begann das Wirtschaftswohlstandswunder mit seinem Hang zur Masse, zum Luxus, zur Ausdifferenzierung von Waren und Dienstleistungen. Aber bei alledem handelte es sich nach wie vor um die Kompensation des Mangels. In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts begann dann die Komplexitätsspirale des Konsums: Marken bekamen plötzlich eine Gestalt als Lebensstile weit über den Produktnutzen hinaus. Damals lief auch die Luxuswelle zu großer Form auf und spaltete langsam die Versorgungsmärkte der Länge nach auf: in einen Billigsektor mit großen Stückzahlen und stetig fallenden Preisen - Stichwort Aldi - und einen Luxussektor, in dem genauso viel Geld verdient wurde wie in der breiten Masse, nur mit fünf Prozent des Umsatzes - Stichwort: Prada.

Die Fähigkeit, die richtigen, profitablen Kunden auszuwählen, sie zu gewinnen und langfristig ans Unternehmen zu binden, ist in einem immer kompetitiveren Umfeld zur Überlebensfrage geworden.

Das Problem ist nur: Es gibt in vielen Märkten längst viel mehr Angebot als Nachfrage. Alleine in der Automobilindustrie übersteigen die Produktionskapazitäten die weltweite Nachfrage derzeit um 20 Millionen Fahrzeuge. Ein Überangebot an Autos ist sozusagen permanent auf der Jagd nach den immergleichen Kunden. Die fühlen sich dadurch nicht nur neu entdeckt und gebauchpinselt, sondern nutzen ihre gewonnene Kundenmacht ganz egoistisch. Rabatte und Null-Prozent-Leasing sind längst Normalität geworden.

Doch damit nicht genug: Viele Produkte und Dienstleistungen haben sich einander längst angeglichen, »was von den Kunden auch immer mehr so wahrgenommen wird. Entsprechend groß ist ihre Bereitschaft, auch jahrelang bestehende Kundenbeziehungen aufzugeben, wenn der Konkurrent mit einem ähnlichen Produkt eine aggressive Promotionskampagne durchführt«. So sorgen diese treulosen Tomaten für zusätzlichen Preisdruck. Immergleich überlebt nur, wenn immer billiger. Nicht ganz. Die Bedeutung des Preises wird häufig überschätzt. Denn der Hauptgrund für fahnenflüchtige Kunden ist der mangelnde Kundenservice. Den Anbietern gelingt es nämlich häufig nicht, um den eigentlichen Produktkern die richtige Dienstleistungshülle zu entwerfen. Ganz klar: Bei zunehmend immergleichen Produkten entscheidet letztlich die bessere Pflege des Kunden, ob er da bleibt oder zum Nächsten weiterzieht.

Das alte Tante-Emma-Prinzip feiert also wieder fröhliche Urständ. Man spricht den Kunden direkt an: »Was hätten's denn gerne?« und erfüllt seine Bedürfnisse schnell und individuell: »Da haben wir genau das Richtige für Sie.« Viele Unternehmen kennen diese Fürsorge für den Kunden aber nur vom Hörensagen. Dort regiert nämlich das Noch-mehr-Neukunden-Denken mit standardisierten Massenprodukten. Was aber viel mehr Geld verschlingt, als bestehende Kunden zu pflegen. Das Problem, das dahinter steht, ist dramatisch: »Im Durchschnitt verlieren heute alle Unternehmen innerhalb von fünf Jahren 50 Prozent ihrer Kunden.« Und wie reagieren sie darauf? Sie verstärken Marketing und Vertrieb, um neue Kunden zu gewinnen. Der klassische Holzweg!

Der Ausweg: Neue, kooperative Modelle im Umgang mit Kunden, Mitarbeitern, Partnern und Wettbewerbern. Sie begreifen, dass die Situation, die aus dem Zusammenspiel von neuen technischen Möglichkeiten und kulturellem Wandel erwachsen ist, eine neue Art des Kommunizierens und damit auch Wirtschaftens herausfordert. Dem Netzwerk Unternehmen-Kunde gehört die Zukunft.

Mitarbeiter

Karriere neu denken heißt, während des Berufswegs verschiedene professionelle Identitäten anzunehmen, mögliche Optionen, Brüche und Unterbrechungen selbst zu managen und von der lebenslang linearen Karriere Abschied zu nehmen. Jobbörsen und Karrierenetzwerke im Internet bieten hierfür Werkzeuge, die Karriereplanung selbst in die Hand zu nehmen. Denn immer mehr Menschen wollen ihre Jobs selbst bestimmen.

Thomas Sattelberger nennt das "von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft von Karriere". Seiner Meinung nach ist man im Berufsleben nicht länger "ein fremdgesteuertes Objekt einer planwirtschaftlichen Laufbahn- und Lerngestaltung", sondern ein selbstverantwortlicher Unternehmer seiner selbst. "Anstelle des Wartens nach einem Ruf bzw. einer Berufung müssen die Mitarbeiter die Verantwortung für das eigene Fortkommen und die eigene Entwicklung selbst in die Hand nehmen: sich also aus einer (akzeptierten oder aufgezwungenen) Opfer- zur Täterhaltung entwickeln. Self-Marketing wird in diesem Zusammenhang eine Schlüsselkompetenz. Damit ist Marketing im tiefen Sinne gemeint, nicht der oberflächliche Verkaufsauftritt. Der Einzelne muss Öffentlichkeit für seine echten Talente herstellen."

Dieses Self-Marketing findet mittlerweile in zigtausend Firmen-Jobportalen, Stellenbörsen und Karriere-Netzwerken statt.

Der Industriesoziologe Gerhard Voß beschreibt es treffend: "Die Menschen haben zunehmend das Bedürfnis nach selbstbestimmtem Arbeiten und den Wunsch, das Verhältnis von Arbeit und Leben eigenständiger gestalten zu können. Seit nun schon fast 30 Jahren ist diese Entwicklung zu beobachten und hat jetzt einen Typus von Person erzeugt, der erstaunlich genau zu den neuen betrieblichen Entwicklungen passt. Bei den Leuten ist eine hohe Bereitschaft da, die neuen Anforderungen auch zu übernehmen; eine Voraussetzung, die man vor drei Jahrzehnten so nicht gehabt hätte."

Gute Mitarbeiter sind umworbener denn je. Deshalb werden auch sie zum Kunden für die Unternehmen. Dies hat Auswirkungen auf alle Beteiligten, insbesondere auch auf die Personalverantwortlichen in Unternehmen und die vielen externen Personalberater. Kurzum: Die Personalmanager werden umdenken müssen. Der Mitarbeiter wird zum Kunden, dessen Bedürfnisse an oberster Stelle stehen. Die Mitarbeiter heute sind besonders karrierebewusst und versuchen, ihren Marktwert zu steigern. Karriere- kommt vor Jobstabilität! Es wird immer lebenswichtiger für Führungskräfte, ihre Mitarbeiter zu fördern, ihnen Verantwortung zu übertragen, ihnen Räume zur Selbstentfaltung zu geben, sie zu coachen und zu beraten.

Human Resources Management nennt man diesen pfleglichen Umgang. Man verhält sich in allen Situationen so, als ob der Mitarbeiter ein Kunde beziehungsweise der Bewerber ein potentieller Kunde sei. Was Vorbildfunktion hat, weil sich Mitarbeiter dann untereinander oder gegenüber Firmenkunden genauso verhalten. Der unnahbare Personalchef jedenfalls ist out. Er wird zum Coach, der sich umfassend um die ihm anvertrauten Personen kümmert.

Wie sich die Zeiten ändern: Wer früher Arbeitskräfte suchte, ging über Arbeitsamt oder Stellenanzeigen auf Nummer sicher. Kam er nicht weiter, ließ er die guten Beziehungen zu Headhuntern spielen. Meist reichte es, um die Stelle zu besetzen. Heute gestaltet sich die Suche nach den besten Mitarbeitern weitaus vielschichtiger und schwieriger. Es gibt sie nämlich nicht mehr in Hülle und Fülle, und in manchen Branchen ist der Arbeitsmarkt restlos leer gefegt. Dieser muss deshalb ständig gescannt werden, um unliebsamen Überraschungen dann, wenn Bedarf besteht, vorzubeugen. Der Kampf um die besten Fachkräfte ist längst entbrannt, zumal auch die Erwerbstätigenquote in Deutschland stetig abnimmt.

Christian Scholz, Professor am Lehrstuhl für Organisation, Personal- und Informationsmanagement in Saarbrücken, beschreibt das Verhältnis Unternehmen - Mitarbeiter mit dem Begriff "Darwiportunismus". Auf der einen Seite agieren Unternehmen in Zeiten der Globalisierung nach dem Prinzip des Stärkeren, der sich am Markt durchsetzt (= Darwinismus). Andererseits stellen die Mitarbeiter ihren eigenen Vorteil in den Mittelpunkt ihrer Berufskarriere. Eine Bindung ans Unternehmen erfolgt nur noch unter erschwerten Bedingungen (= Opportunismus).

Bürger

Anforderungen übernehmen heißt mehr Selbstverantwortung wagen. Der Bürger glaubt längst nicht mehr, dass der Staat ihn vor den Widrigkeiten des Lebens schützen kann. 35 Millionen Bundesbürger sind derzeit Bezieher sozialer Leistungen in Deutschland. Der Sozialstaat kollabiert, weil der Staat die Allmacht über alle Lebenszusammenhänge an sich gerissen hat. Jetzt brechen die Dämme: die sozialen Sicherungssysteme versagen den Dienst. Interessanterweise verweigern die Bürger dem staatlichen Angebot der Riester-Rente ihre Beteiligung und kümmern sich selbst um ihre Belange. 2,12 Billionen Euro haben die privaten Haushalte nach Abzug aller Schulden auf der hohen Kante. Der Staat hat 1.247 Billionen Euro Gesamtschulden.

Diese Wiederaneignung der Gesellschaft ist das große Ziel einer aktiven Bürgergesellschaft. Jenseits des staatlichen Zusammenbruchs. Nur die Bürger können dem Staat wieder auf die Beine helfen. Finanziell und auch bei der Übernahme von Aufgaben. Eine besondere Rolle fällt dabei den Unternehmen zu, die langsam ihr bürgerschaftliches Engagement entdecken. Vor allem lohnt es sich. Das Prinzip der gegenseitigen Hilfe wird entdeckt. Der scheinbar Stärkere hilft dem Schwächeren.

Der Bürger wird wieder zur Stütze des Staates. Denn richtig Staat ist nur mit ihm zu machen. Nicht über gigantische Schulden-Drehscheiben, die von zunehmend verantwortungslosen Greisen bewegt werden. Und nicht über das Hinüberschieben der Billionen schweren Schulden in die nächsten Generationen. Nehmt Euch ein Vorbild an den Bürgern: Wer Kinder hat, hinterlässt ihnen keine Schulden. In der Regel gibt man ihnen Starthilfe mit auf den Weg.

Mensch

In Zukunft wird man in der Arbeitswelt viele Rollenbilder antreffen. Workaholics, Downshifter, Couch Potatoes, Grey Activists oder Patchwork-Jobber. Man kann sie in drei große Gruppen einteilen: Erstens Menschen, die an den Schalthebeln in Wirtschaft und Gesellschaft sitzen. Aktive, effiziente Leistungsträger, die von Verantwortung, Macht und Aufstieg angetrieben und mit Wohlstand, Prestige und Gipfelglück belohnt werden. Ohne sie läuft nichts. Sie fühlen sich als Insider. Zweitens Menschen, die mehr oder weniger selbst über ihren Mitwirkungsgrad in Wirtschaft und Gesellschaft entscheiden. Sie pendeln zwischen Arbeitswelt und privatem Lebensentwurf. Für sie ist weniger manchmal mehr, sie vereinfachen ihr Leben und bewahren sich trotzdem große Autonomie. Und drittens Menschen, die durch ein hohes Maß an Fremdbestimmung gesteuert werden: Die Langsamen, die nicht mithalten können, die Gering-Qualifizierten, die nicht mitgestalten können, die Schwachen, die zu wenig wissen. Oft einfache Dienstleister, die wegputzen, was andere übrig lassen. Sie leben in zunehmend prekären Lebens- und Arbeitsverhältnissen.

Die Wissensgesellschaft steuert derzeit auf diese Dreiteilung zu. Doch der Übergang ist fließend. Die einen treiben den Fortschritt voran, verfügen über Premium-Wissen, sind bestens alimentiert und veränderungsbereit. Sie fühlen sich als starke Individuen. Genauso wie die Selbstunternehmer, die im Beiwagen die Straße des Erfolgs entlang rattern - immer den Abgrund im Augenwinkel. Für viele andere besteht die Gefahr, aus der Kurve zu fliegen. Sie sind weniger bis gar nicht an Fortschritt und Know-how angekoppelt, leben in riskanterer materieller Umgebung und hoffen auf Momente, die ihr Leben verändern. Sie reagieren als schwache Herde. Der entscheidende Unterschied zur Industriegesellschaft ist dabei: Aufstieg und Fall finden heute schneller und bisweilen abrupt statt. Der Weg in die Herde ist kürzer geworden. Der Aufstieg zum Leithammel aber auch. Die Wissensgesellschaft erhöht die Möglichkeiten des Wandels und grenzt sie gleichzeitig ein. Als Person und als Unternehmen erlebt man Fülle und Nichts.

Man besinnt sich auf das persönliche Lebensglück sowie den Wert und Sinn seiner Arbeit. Je nachdem, auf welcher Sprosse der Erfolgsleiter man steht. Ganz weit oben fühlen sich die Vordenker neuer Arbeitswelten und neuer Ökonomie: Smart Capitalism ist ihr Losungswort. Die Suche nach persönlichem und unternehmerischem Erfolg ist ihre Triebfeder.

Wie gesagt: Wir befinden uns mehr im Aufbruch als in der Krise. Ein Aufbruch heraus aus den Fängen der alten Bundesrepublik, die im Moment vehement um ihr Überleben kämpft. Dass dieser Wandel noch überwiegend im Verborgenen stattfindet, sagt nichts über seine langfristige Stärke aus. Das alte SPD-Menschenbild des schwachen Menschen, der vom Staat gegen die Widrigkeiten des Lebens geschützt werden will, hat ausgedient. Die Menschen übernehmen wieder mehr Selbstverantwortung bei der Bewältigung von Risiko und Unglück und arrangieren sich mit der Unberechenbarkeit ihrer Lebensentwürfe.

Bürger, Menschen, Mitarbeiter, Manager entdecken Netzwerke als Orte der gegenseitigen Hilfe, der Kooperation und der Beziehungspflege. Der Grad der Selbstorganisation wird daher zunehmen.

Mein Fazit lautet deshalb:

Jede Politik basierte bisher auf dem Menschenbild: Der Einzelne ist schwach und muss vom Staat vor allen Widrigkeiten des Lebens beschützt werden. Auf diesem Weg wurden jahrzehntelang Interessen von unten nach oben gleitet. Dort saß der Funktionär und hütete die Interessen seiner Schäfchen. Der Bürger gab seine Verantwortung an der Garderobe ab, erhielt dafür im Gegenzug Eigenheim, Mittelklasseauto und sichere Altersvorsorge. Doch die Menschen sind aufgebrochen, dieses Joch abzuschütteln. Der Einzelne ist stark genug, übernimmt mehr Selbstverantwortung bei der Bewältigung von Risiko und Unglück und managt die Unberechenbarkeit seines Lebensentwurfs.

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Katharina Tempel

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empfohlen von: webkultur.de | Der Video-Tagesimpuls