Der diesmal wirklich endgültige Weg aus der Krise

26.06.2010 | Heinz Boente

Sie dürfen, liebe Glossenleser, nicht denken, ich säße den ganzen Tag nur rum, freute mich meines Lebens und wunderte mich allenfalls über die Unfähigkeit unserer Regierung. Nein, ich mache mir schon so meine Gedanken, wie ich mein geliebtes Vaterland aus der Krise führen könnte. Und dabei ist es mir klar geworden: Sparen bei den Armen und Kranken bringt's nicht!

Im Gegenteil, dadurch wird alles ja nur noch schlimmer. Nein, Sparen muß man ganz woanders. Bei den Bindestrichen zum Beispiel. Natürlich nicht bei irgendwelchen Bindestrichen, sondern bei denen, die bisher die Anzahl der deutschen Bundesländer auf sechzehn begrenzt haben, denn warum dürfen es eigentlich nur sechzehn sein? Befreien wir uns doch endlich aus der Willkür der alliierten Kriegsgewinnler, die uns das ganze Elend bekanntlich eingebrockt haben. Werden wir selbständig und nehmen wir so schnell wie möglich die Organisation unseres föderalen Unfugs selbst in die Hand. Nicht Verschlankung, sondern Vermehrung heißt die Devise. Wachstum ist angesagt. Warum denn nicht bei der Anzahl unserer Bundesländer?

Also weg mit den Bindestrichen! Im Handumdrehen erreichen wir dadurch ein Länderwachstum von fast fünfzig Prozent! Und dabei ist es ganz leicht: Trennen wir doch einfach Schleswig und Holstein, sowie Nordrhein und Westfalen. Warum müssen das Rheinland und die Pfalz oder Baden und Württemberg denn unbedingt zusammenhängen? Oder Mecklenburg und Vorpommern? Gut, zugegeben, ein bißchen problematisch wird's bei Sachsen und Anhalt, weil es Ersteres schon gibt. Hier muß man also eine Numerierung einführen, also Sachsen1 und Sachsen2, aber wenn man schon mal dabei ist, kann man natürlich auch noch Sachsen3 von Nieder abtrennen, obwohl hier gar kein Bindestrich im Spiel ist. Ich finde sowieso, daß wir das unseren Sachsen schuldig sind, nachdem wir jahrzehntelang nur über sie gelacht haben. Ja, und falls das noch nicht reicht, könnte man eventuell auch noch Franken von Bayern lösen, was Erstere bestimmt sehr freuen würde. Dadurch schaffen wir neben der Stärkung eines landsmännisch-fraulichen Identitätsbewußtseins auch noch acht zusätzliche Ministerpräsidenten, achtzig bis neunzig neue Landesminister und weit über tausend Paralamentarierposten, und damit sind mit einem Schlag schon mal eine Menge schlecht ausgebildete Arbeitslose von der Straße weg und aus der Statistik verschwunden.

Jetzt werden Sie sicher fragen, was das außer den paar eingesparten Bindestrichen mit einem endgültigen Weg aus der Krise zu tun hat. Ja, nichts natürlich, ganz klar, aber meine Überlegungen sind ja auch noch nicht fertig dargelegt. Daß Sparen an einem Ende allein nichts bringt und letztlich auch nicht funktioniert, hat ja mittlerweile wohl auch der Dümmste begriffen. Deshalb müssen am anderen Ende die Einnahmen erhöht werden. Jawohl, so einfach ist das. Und das erreicht man nicht allein durch eine kräftige Anhebung des Mehrwertsteuersatzes, nein, ich schlage vor, zusätzlich zur Lkw-Maut zwischen den nunmehr dreiundzwanzig Bundesländern (oder vierundzwanzig, falls das mit Franken und Bayern auch klappt) Binnenzölle einzuführen. Dann kann niemand mehr so ohne weiteres Wein aus der Pfalz nach Mecklenburg oder württemberger Maultaschen nach Schleswig oder holsteiner Krabben nach Anhalt oder rheinländisches Altbier nach Vorpommern oder westfälischen Schinken nach Sachsen, ja, nicht einmal Berliner ins Saarland oder Hamburger nach Bayern verbringen, nein, das kostet die Speditionen dann richtig Geld. Geld, das aber andererseits unseren nunmehr dreiundzwanzig bzw. vierundzwanzig Bundesländern zugute kommt, und womit sie locker die maroden Finanzen ihrer Kommunen sanieren und sogar die verrotteten Dächer einzelner Schulen reparieren lassen können.

Weil aber (ich kenne doch meine Pappenheimer) ein Mecklenburger keinesfalls auf seinen pfälzer Wein, kein Schleswiger auf seine Maultaschen, kein Rheinländer auf seine Krabben, kein Vorpommerer auf Altbier, kein Sachse auf westfälischen Schinken und schon mal erst recht kein Saarländer auf Berliner bzw. kein Bayer auf Hamburger verzichten möchte, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, daß unsere Autobahnen durch die Binnenzölle plötzlich Lkw-frei werden. Im Gegenteil. Was aber durch diese Binnenzölle auf jeden Fall erreicht wird, ist ein ständiger Geldfluß zwischen den Ländern, der sich aber durch das ständige Hin- und Hertransportieren der genannten Leckereien unterm Strich gesehen irgendwie überall wieder ausgleicht und keinerlei Neuverschuldung notwendig macht.

Ganz wichtig ist auch, daß der deutsche Import aus dem befreundeten Ausland von alledem natürlich völlig unberührt bleibt. Deshalb können selbstverständlich weiterhin holländischer Käse, Kräuterbonbons aus der Schweiz, polnische Mastgänse und Döner aus der Türkei zollfrei importiert werden, um nur die wichtigsten Importe zu nennen. Genau so wie umgekehrt unsere Exporte (z. B. Schwarzgeld nach Liechtenstein oder deutsche Tugenden nach Griechenland und in den Rest der Welt) davon nicht betroffen sind.

Doch das Allerbeste dabei ist ein gewaltiger ruckartiger (das könnte - nebenbei bemerkt - der Roman Herzogsche Ruck sein, der bisher noch nicht durch Deutschland gegangen ist) Anstieg des gesamtdeutschen Bruttosozialproduktes, was die für die Bewertung von Volkswirtschaften zuständigen internationalen RatingAgenturen natürlich mit Wohlwollen zur Kenntnis nehmen werden und sofort die Kreditwürdigkeit der Bundesrepublik Deutschland bis zum oberen Ende der Skala hochstufen, was dann letztlich nicht nur zur Stärkung des Euro, zur Stabilisierung der Börsenkurse und zur Gewinnmaximierung der Banken beiträgt, sondern auch ein festes Bollwerk gegen das Billigzeugs aus China darstellt. Daß dadurch auch wegen der nunmehr reparierten Schuldächer das allgemeine deutsche Bildungsniveau ansteigen wird, wage ich allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu hoffen, doch warten wir's ab.

Ja, liebe Glossenleser, auf sowas muß man erstmal kommen! Jetzt muß nur noch unsere Kanzlerin die alten Paradigmen gegen die neuen auswechseln, die notwendigen Maßnahmen ergreifen, die entsprechenden Reformen einleiten und deren Durchführung überwachen, wie wir es von ihr nicht anders gewohnt sind, denn als Freizeittheoretiker und reiner Hobby-Ideologe bin ich für die praktische Umsetzung meiner Ideen natürlich nicht zuständig.

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