Das Urheberrecht in der Informationsgesellschaft

03.06.2005 | Peter Kerl

Sowohl die Kontent-Industrie als auch der Gesetzgeber scheinen die neuen Medien, insbesondere das Internet, weniger als Chance denn als Bedrohung zu sehen. Statt nämlich Gedanken und Visionen zu entwickeln, wie das Urheberrecht reformiert werden könnte, um den Erfordernissen der digitalen Medien und der modernen Informationsgesellschaft gewachsen zu sein, beschränken sich alle derzeitigen Urheberrechtsnovellen ausschließlich auf ein Ziel:

Das Internet und die digitale Kopie auf das rigideste einzuschränken und den Regeln und Auffassungen von gestern zu unterwerfen.

Die Argumente, mit denen dieses gerechtfertigt werden soll, scheinen teilweise nachvollziehbar:

1. Der Schutz des Urhebers soll auch in Zeiten digitaler Kopie gewährleistet bleiben!

Das ist natürlich wünschenswert, aber es darf nicht dazu führen, dass die (schweigende) Mehrheit im Lande in ihren Möglichkeiten unverhältnismäßig beeinträchtigt wird. Zu dieser Mehrheit gehören, neben Kulturkonsumenten auch Wissenschaftler und nicht zuletzt eine Vielzahl von kreativen Schöpfern.

Nur eine kleine Minderheit von Urhebern auf der ganzen Welt profitiert tatsächlich vom Urheberrecht. Die überwiegende Mehrzahl der Autoren, Künstler und Wissenschaftler veröffentlicht ihre Werke unentgeltlich, als Public Domain, Open Source, oder im Rahmen einer einmaligen Vergütung. Alle diese Schöpfer, die in ihrer Vielzahl den eigentlichen Hintergrund unserer Kultur und Bildung ausmachen, werden durch ein Urheberrecht, das Zitate, Bearbeitungen, ja selbst zufällige Ähnlichkeiten aufs strengste ahndet und bestraft, in ihrem Tun behindert, ja gefährdet. Von den Beeinträchtigungen für den Informationsfluss und die Wissenschaft ganz zu schweigen.

Aber auch die wenigen Schöpfer, die tatsächlich aus dem Urheberrecht Gewinn ziehen, erleiden, laut einer Studie der Harvard Business School (www.nber.org/~confer/2004/URCs04/felix.pdf) keinen messbaren Schaden durch den (zur Zeit noch kaum gebremsten) Informations- und Datenaustausch im Internet.

2. Noch ideologischer erscheint das zweite Argument der Befürworter der derzeitigen Urheberrechtsnovelle: Ein Angebot von Inhalten (Kultur, Information), sowie Investitionen in neue Techniken/Medien, können und werden angeblich nur unter der Voraussetzung erfolgen, dass Rechte an geistigem Eigentum ausreichend geschützt sind.

An Goethe und Schiller, Bach und Beethoven bestehen keine Urheberrechte mehr. Verlegt werden sie trotzdem! Und das Internet, als innovativster aller Dienste, kommt im Prinzip völlig ohne Investitionen und Verleger aus. Es trägt sich selbst und völlig dezentral. Das ist ja gerade das großartige, dass hier nicht einzelne Verlagsgiganten Einfluss nehmen und bestimmen, was die Masse der Leute zu sehen bekommt.

Andere Dienste (neben Websites vor allem das Fernsehen) werden sich größtenteils über Werbung, oder aber über Abonnements finanzieren. Auch hier sind Vermarktung und Schutz geistigen Eigentums von völlig untergeordneter Bedeutung.

Darüber hinaus unterstellt obige Argumentation, dass "geistiges Eigentum", im weiteren Sinne Kultur, Wissenschaft, Kunst, als Grundvoraussetzung und Antrieb stets die kommerzielle Vermarktbarkeit hätten. Was für ein armseliges und Gott sei Dank falsches Weltbild, das aber zeigt, wie sehr wir inzwischen bereit sind, Mensch und Kultur der Wirtschaft unterzuordnen, statt umgekehrt die Wirschaft in den Dienst von Mensch und Kultur zu stellen.

Kommen wir aber nun zu den gravierenden negativen Auswirkungen der (teilweise bereits erfolgten) Verschärfungen des Urheberrechts

Was da, unter dem Deckmantel des Urheberrechtsschutzes geschaffen werden soll, erinnert zeitweilig an einen Polizeistaat:

Hausdurchsuchungen auf bloßen Verdacht, Privatkopierer ins Gefängnis, Bespitzelung und Zensur im Internet, Herausgabe persönlicher Daten ohne richterlichen Beschluss usw.

Fazit: Lieber Millionen belästigen und einschränken, ja kriminalisieren, als auch nur eine einzige, klitzekleine Urheberrechtsverletzung durchgehen lassen!

Neben einer generellen Abschaffung der Privatsphäre kommt es bereits jetzt zu einer regelrechten Vernichtung von Existenzen und in Folge einer Verarmung des Internet-Angebots. Webmaster, die einen unbedachten Link setzten, die Herkunft einer Quelle nicht ausreichend recherchierten, etwaige Veröffentlichungen in ihren Foren nicht strengstens zensierten, sehen sich auf einmal Klagen und Schadensersatzforderungen in 5-stelliger Höhe ausgesetzt (siehe www.rettet-das-internet.de). Immer mehr Websites werden vom Netz genommen, oder ziehen sich auf ausländische Domains oder verschlüsselte Bereiche zurück.

Ein kleiner Ausblick auf die Zukunft der Idee, der geistigen Schöpfung:

Das Informationszeitalter hat gerade erst begonnen, die Inflation der Ideen und Schöpfungen steht noch ganz am Anfang, die Halbwertszeit des Wissens wird immer kürzer. Diesen uns noch bevorstehenden Entwicklungen ein veraltetes Urheberrecht überstülpen zu wollen, ist ähnlich, als wollte man einen Hightech-Kampfjet in einer Holzhütte fliegen lassen.

Ideen entstehen in Dialog und Wechselbeziehung, bauen aufeinander auf, sind Bearbeitungen und Variationen vorhandenen Materials. Speziell im Internet wird dieser Austausch atemberaubendes Tempo annehmen. Und zwangsläufig wird es dabei zu Ähnlichkeiten, ja gelegentlicher Gleichheit von Gedanken kommen. Wollen wir diese Zukunft dem langen Atem von Gerichten und einer handvoll monopolistischer Rechteverwalter überlassen? Wollen wir sie gezielt ausbremsen, ja verhindern? Und ginge das überhaupt?

Der eingeschlagene Weg wird scheitern, aber vorher wird er noch erhebliche Behinderungen, Einschränkungen, und nicht zuletzt persönliches Leid bei einzelnen, hilfos einer verkrusteten Rechtsmaschinerie ausgelieferten, Internet-Nutzern verursachen.

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