Primat der Pädagogik

30.07.2014 | Dr. Peter-Alexander Möller

Unterricht ist Teil der Einwirkungs- und Arbeitsmöglichkeiten, welche die Schule hat. Damit ist Unterricht keineswegs deren ausschließliches und auch nicht zentrales Arbeitsfeld. Vieles von dem, was dem Kinde und Jugendlichen zum Erwachsenwerden gemäß ist, sprengt in ganz natürlicher Art und Weise den Unterrichtsrahmen. Allein die Möglichkeiten, welche die Schule im Besitz hat, um einerseits Erziehung und andererseits "Bildung" zu betreiben, gehen über eine "reine Unterrichterei" hinaus. Das originäre Arbeitsfeld der Schule ist entsprechend ein grundsätzlich "offenes", dies, um Einwirkung zu nehmen bzw. überhaupt nehmen zu können.

Was ist Bildung?

Was beispielsweise muss der Abiturient wissen? Klar, dieser Abschluss gilt nicht für alle. Soll er in dieser Form und kann er auch nicht. Wohl aber soll der höchste deutsche Schulabschluss seine Geltung haben, ursprünglich verstanden als Start ins Leben: ein Reifezeugnis also. Ist es das? Im Sinne von "Reife" müsste davon ausgegangen sein, was der junge Mensch zum Leben braucht. Und, was braucht er? Dass er sich behaupten kann! Dann sollten wir ihm auch das beibringen. Wie er das dann im Einzelnen macht, ist letztendlich seine Sache. Die Einengung von Schule als reine "Ausbildungsstätte mit richtliniengemäßen" Unterricht, welche mehr oder weniger Standards einer künstlich auf eine Dimension begrenzten Wissensgesellschaft dozieren lässt, die am Ende maßgeblich auf die "Ökonomie des Lebens" und eine möglichst alerte Marktteilnahme hinauslaufen, ist grundfalsch und daher wenig bis kaum "bildend". Eine Schule dieser Art ist nicht zeitgemäß. Sehr anders wäre es, wenn pädagogische Möglichkeiten konsequent genutzt würden.

Wie soll Schule denn heute aussehen? Schule ist dann eine "erfolgreiche" Schule, wenn sie dem jungen Menschen hilft, zu seiner Werte- und Persönlichkeitsbildung zu kommen. Alles, was die Schule dafür als nötig erachtet, muss sie an ihn heranbringen. Damit wären wir unmittelbar bei der Frage der Lehrpläne oder Richtlinien. Doch um was geht es da bzw. was ist das eigentlich? Es ist auf jeden Fall nicht etwas, was von irgendeiner Stelle verordnet ist, welche glaubt, sie hätte die Funktion, dass sie dies machen darf. Es ist vielmehr im Grundsatz das, was fürs Kind notwendig ist! Um darüber entscheiden zu können, müssen wir jedoch u. a. das "Ohr an der Wand" haben und das Kind im bestmöglichen Sinne "an der langen Leine": an einer langen Leine, aber an der Leine. Kann die Schule das alleine leisten? Um die Antwort vorweg zu nehmen: Nein, sie kann es nicht.

Jede Generation hat ihr Eigenleben. Damit folgt in ebenso natürlicher wie ursächlicher Weise das Primat der Erziehung. Der "Lehrkörper" und der "Schulkörper" – beide Begriffe sind dem Schuldeutsch entnommen – haben sich in ihren Möglichkeiten dazu selbst begrenzt. Der engagierte Lehrer, welcher seinen Beruf liebt, leidet unter diesem Diktat begrenzter Möglichkeiten, weil er einerseits den Lehrplan erfüllen und andererseits Schüler bzw. Kinder um sich hat, die weit davon entfernt sind, diesen zu verwirklichen. Ein Leugnen der Diskrepanz ist zwar verständlich, aber unwahr. In einer Zeit, in der die natürlichen Erziehungskräfte – gemeint sind die Eltern – kapitulieren oder mehr oder weniger weitgehend ausfallen, aus welchen Gründen auch immer, kommt die Frage: Wer soll es denn machen? Wer bringt den Mut auf zur Erziehung?

Keine elterliche Erziehung auszuüben, weil sie dem Staat überlassen ist, ist unnatürlich und daher falsch. Wenn dem so ist, gibt es zwei Thesen, die an den Anfang gehören. Erstens: Mutter und Vater, also die Eltern, sind die natürlichen Erzieher des Kindes und bleiben lebenslang die natürlichen Erzieher. Sie sind nicht nur rechtlich, sondern auch ethisch für das Kind verantwortlich. Und zweitens: Da Mutter und Vater aus fachlichen und zeitlichen Gründen staatliche Erziehungsinstitutionen benötigen, müssen sie in Zusammenarbeit mit diesen ihre Erziehung wahrnehmen. Auch für den delegierten Bereich haben sie die letzte Entscheidungsbefugnis und müssen dort auch insistieren können.

Was Kinder keinesfalls brauchen, sind als natürliche Erziehungsinstanz zermürbte Eltern. Sie brauchen in unserer nach Werten suchenden Zeit und beim Verschwinden klarer Rollen elterliche Liebe, Geduld und deren Mut. Unabhängig von der ganz persönlichen Lebensplanung gilt: Dies ist eine Aufgabe, die zu schaffen ist!

Buchhinweis:
Gustav Hoffmann und Peter-Alexander Möller, MUT ZUR ERZIEHUNG – Starke Kinder brauchen starke Eltern. Ratgeber Familie | Essay. 156 Seiten. ISBN 978-3-735-78756-9 für die Printausgabe im Buchhandel oder als E-Book u. a. über Apple iBookstore, Amazon Kindle-Shop oder eBook.de: itunes.apple.com, amazon.de, ebook.de

www.pamoeller.com

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