Das Comeback der alten Hasen

08.11.2010 | Rainer Nahrendorf

Wenn man genug Erfahrung gesammelt hat, ist man zu alt, um sie auszunutzen, hat der englische Schriftsteller William Somerset Maugham gesagt. Für die Arbeitswelt des Jahres 2020 wird dies nicht gelten. Die Zahl der 55- bis 64- Jährigen wird in den nächsten zehn Jahren um rund 40 Prozent zunehmen. Ein stetig wachsender Fachkräftemangel wird die ergrauende deutsche Gesellschaft kennzeichnen.

Durch eine vermehrte Zuwanderung wird der Kräftemangel nicht gedeckt werden können, weil auch andere alternde Gesellschaften um junge Kräfte werben werden und der Integrationsfähigkeit einer immer bunter werdenden Gesellschaft Grenzen gesetzt sind. Der Kräftemangel ist die Chance der Älteren.

Nachdem die 50plus-Generation zwei Jahrzehnte lang im Zeichen hoher Arbeitslosigkeit durch die Frühverrentungspolitik von der Politik und den Unternehmen früh aus dem Arbeitsleben ausgemustert wurde, wird die „Silver Generation“ in den nächsten 20 Jahren gebraucht. Auch im höheren Alter noch gebraucht zu werden, Wertschätzung und Anerkennung zu erfahren, Wissen und Erfahrung weitergeben zu können, ist der Wunsch vieler Älterer.

Die starke Ablehnung der Rente mit 67 in den Umfragen täuscht. Viele können sich die Arbeitswelt der Zukunft mit altersgemischten Arbeitsgruppen, Erleichterungen und Hilfen für Ältere, mit anderen weniger belastenden Arbeitsaufgaben nicht vorstellen. Längst widerlegte Altersklischees der Vergangenheit wirken lange nach, auch deshalb, weil das Gros der Betriebe das Demografie-Management auf die lange Bank geschoben hat. Erst jetzt zwingt der Kräftemangel zum Handeln. Aber Versäumnisse in der Gesundheitsprävention und in der Weiterbildung lassen sich schwer kompensieren.

Würde man die Älteren fragen, ob sie mit 64, 65, 66 und 67 Jahren und darüber hinaus noch in Teilzeit mit einer Teilrente arbeiten möchten, würde aus der überwiegenden Ablehnung der Rente mit 67 Zustimmung. Und zwar nicht nur, weil sie vielleicht ein Zubrot zu einer Rente mit Abschlägen verdienen müssen. Ein Indiz dafür sind die heute rund 765 000 geringfügig entlohnten Beschäftigten im Alter von 65 und mehr Jahren. Viele von ihnen würden gern als sozialversicherungspflichtig Beschäftigte noch 20 Stunden in der Woche oder 15 Tage im Monat im bisherigen oder einem anderen Job arbeiten, gäbe es entsprechende Arbeitsangebote. Solche Arbeitsangebote mit größerer Zeitsouveränität werden die Unternehmen entwickeln müssen, um die Fachkräftelücke zu schließen.

Unternehmen im Handel und in anderen Dienstleistungszweigen werden ältere Mitarbeiter auch zur besseren Ansprache ihrer Kunden einsetzen, denn auch die Kunden ergrauen und fühlen sich von reiferen Verkäuferinnen und Verkäufern besser beraten. Und ältere Ingenieure und Meister, die von den Unternehmen heute schon für Projekte auf Honorarbasis beschäftigt werden, werden noch begehrter werden, denn sie wissen wie der Hase läuft.

Damit das Comeback der alten Hasen gelingen kann, müssen sie jedoch gesundheitlich fit und muss ihr Wissen up-to-date sein. Weiterbildung ist nicht nur eine Bringschuld der Betriebe, die Mitarbeiter müssen in ihrer Freizeit selbst etwas tun. Nicht nur Betriebe brauchen Age-Manager, auch die Beschäftigten müssen sich in einem alternsgerechten Selbstmanagement üben. Dabei können Third-Age-Coaches wie in Österreich helfen.

Neben wirtschaftlichen Notwendigkeiten ist die Selbstbestimmung im Alter heute für 170 000 Selbstständige und mithelfende Familienangehörige ein Motiv, im Alter 65 bis unter 70 tätig zu sein. Es ist auch der Grund dafür, dass sich Manager nach dem Ausscheiden aus den Unternehmen als Berater selbstständig machen und einige sogar noch einen Betrieb gründen. Sich mit der Erfahrung vieler Jahre für Neues zu begeistern hält jung. Mit den Jahren runzelt die Haut, aber mit dem Verzicht auf Begeisterung runzelt die Seele, hat Albert Schweitzer gesagt.

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