Charisma

08.07.2005 | Dr. Simone Pika

Mitten im dichten afrikanischen Regenwald: Nur ein paar Meter von mir entfernt sitzen und oder liegen siebzehn erwachsene Schimpansenmännchen: haarig, dunkel, muskulös und mit den unterschiedlichsten Charakteren. Bartoc ist seit mehreren Jahren das so genannte α-Männchen, der Regent der Truppe. Er ist kleiner als einige der anderen Männchen, mit weißem Bart und durchdringend blickenden Augen.

Angeblich hat er diese Spitzenposition durch Klugheit und nicht durch Kraft oder Gewalt erobert. Bartoc leitet die Gruppe mit Intelligenz und Erfolg und die Gruppengröße hält sich konstant. Sein wichtigster Verbündeter ist Hare-lip (Hasenscharte), dessen Oberlippe gespalten ist und der fast nie von Bartoc's Seite weicht. Die beiden lausen sich gegenseitig und teilen nach erfolgreicher Jagd auf meistens Kolobusaffen auch die Beute miteinander.

β- und γ-Männchen sind Hodge und Lofti, zwei imposante, breitschultrige Schimpansenmännchen, die gerne die Macht übernehmen würden. Hodge ist in relativ kurzer Zeit auf die Position des β-Männchens aufgerückt und seine rechte Stirnseite schmückt eine stattliche Narbe. Er inszeniert häufiger als andere Männchen gigantische Dominanzveranstaltungen, rüttelt Äste und trommelt auf den Brettwurzeln der Baumriesen, begleitet von spezifischen Vokalisationen, den so genannten "pant-hoots". Momentan fordert er jedoch Bartoc noch nicht direkt heraus. Rangniedrigere Männchen lassen sich von Hodge anstecken, einschüchtern, fallen mit ein oder beobachten ihn aufgeregt. Bartoc jedoch rührt sich nicht vom Fleck und laust Hare-lip gelassen weiter.
Lofti, das γ-Männchen, hatte ein paar Monate die α-Position inne, wurde jedoch relativ schnell von Bartoc abgesetzt. Lofti's 'Regierungszeit' war durch Instabilität, Nervosität und Aggressivität gekennzeichnet und seine Augen scheinen immer in die Ferne gerichtet zu sein. Im Gegensatz zu Hodge wählt er nun die Strategie des Unsichtbaren, Schleichenden und geht seine eigenen Wege.

Ich, eine Kommunikationsforscherin, bin hier inmitten unserer nächsten nicht-menschlichen Verwandten, den Schimpansen, und versuche diese Kommunikation und Strategien zu verstehen. Warum z.B. verbünden Hodge und Lofti sich nicht 'einfach' und stürzen den Regenten? Was hält sie davon ab? Ein Kommunikationsproblem? Oder sind sie kein passendes Kooperationsteam wie Bartoc und Hare-lip? Zeigt nicht die Konstanz von Bartoc's Position, seine bewundernswerte Gelassenheit, dass seine 'Politik' der Gruppe gut tut, sie unterstützt und ihr Wohlergehen fördert? Welcher Regent und welche Regierungsstrategie ist am besten für diese einzigartig große Schimpansengruppe? Und, wenn Bartoc gestürzt würde, wer würde die Macht übernehmen? Kann immer nur einer die Spitzenposition innehaben? Aber noch interessanter, was ist es an Bartoc, dass ihm diese Spitzenposition so lange sichert und Respekt in einer Gruppe von mehr als 50 Mitgliedern verschafft?

Meine Gedanken wandern zu meiner eigenen Spezies, die als einzige auf diesem Planeten Gedanken in Worte fassen und somit Pläne hörbar und diskutierbar machen kann. Auch ist es nur für uns Menschen charakteristisch, zu kommunizieren, um Informationen auszutauschen, Pläne zu schmieden und Gedanken zu teilen. Und doch, wie sieht es momentan bei meiner eigenen Spezies und in meinem eigenen Land aus? Keine Frage, menschliche Sprache ist anspruchsvoller, komplizierter, weiter entwickelt als die Kommunikation von Schimpansen. Und doch, ist die sprachliche Kommunikation wirklich effektiver, sinnvoller, weit reichender oder führt sie zu unnötigen Missverständnissen?

Es scheint momentan in unserem Land nach Revolution zu riechen und von Loftis und Hodges zu wimmeln: Zum einen die Strategie des Lauten, sich Aufplusterns, Luftblasenredens und zum anderen die Strategie des Leiseseins, Verkriechens, Wegschauens, Hinten Herumredens und -wirkens. Was fehlt? Meines Erachtens charismatische Individuen wie Bartoc, die mit Intelligenz, Klugheit und Weitsicht wieder Hoffnung säen, Pläne schmieden und besonders dazu beitragen, diese Hoffnungen in Taten und weitsichtige Lösungen umzusetzen. Individuen, zu denen man aufblicken kann, Vertrauen und das Gefühl hat, ja es geht wieder aufwärts, das ist der richtige Weg....es bleibt jedoch die Frage ob solche Individuen jemals an die Macht kommen oder Politiker werden....

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