Bürgerarbeit - Eine Ausstiegschance aus der Dauerarbeitslosigkeit

07.02.2011 | Rainer Nahrendorf

Anders als in zurückliegenden Konjunkturzyklen verringert sich in diesem Aufschwung nach einem Anstieg auf 940 000 im Jahr 2010 auch die registrierte Zahl der Langzeitarbeitslosen. Die Bundesagentur für Arbeit rechnet damit, dass es 2011 noch einmal 50 000 weniger Langzeitarbeitslose werden könnten. Im Januar 2011 waren 908 000, 43 000 weniger als vor einem Jahr, langzeitarbeitslos, d.h. ein Jahr oder länger ohne Arbeit.

Die Integration der Langzeitarbeitslosen in den ersten ungeförderten Arbeitsmarkt bleibt das Ziel, aber auf einen „zweiten Arbeitsmarkt“ völlig verzichten kann Deutschland auch im XXL-Aufschwung nicht.

Handwerksgeneralsekretär Holger Schwannecke macht aus seiner Genugtuung keinen Hehl. Durch die Ankündigung der Bundesagentur für Arbeit, aus Sparzwängen etwa ein Drittel der 272 000 Arbeitsgelegenheiten für Langzeitarbeitslose zu streichen, sieht er das Handwerk in der kompromisslosen Ablehnung der so genannten Ein-Euro-Jobs bestätigt. Nach der Meinung des Handwerks sind die Zusatzjobs, für die die Arbeitslosen eine Mehraufwandsentschädigung von durchschnittlich einem Euro und 50 Cent pro Stunde zusätzlich zur Regelleistung, zu den Kosten der Unterkunft und Sozialversicherungsbeiträgen erhalten, eine Sackgasse, verbessern nicht die Chancen auf reguläre Arbeit, sondern verdrängen nur normale sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Auch seien sie häufig nicht zusätzlich.

Nach der wiederholten Kritik des Bundesrechnungshofes und den Erkenntnissen des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarktforschung fällt es der Bundesagentur für Arbeit schwer, den Gegenbeweis anzutreten. Die Schlussfolgerung des Handwerks, die Ein-Euro-Jobs müssten Schritt für Schritt verschwinden, schießt allerdings über das Ziel hinaus.

Die Zusatzjobs sollen nicht nur die Vermittlungsfähigkeit in den ersten Arbeitsmarkt verbessern. Das gelingt auch im Aufschwung nur bedingt. Sie sollen die soziale Isolation eines großen Teils der Langzeitarbeitlosen beenden helfen. Von den im Dezember 2010 887 000 Arbeitslosen, die länger als 12 Monate arbeitslos waren - die offizielle Zahl ist aufgrund von Messproblemen und statistischen Ausgrenzungen deutlich zu niedrig –, war fast jeder zweite 24 Monate und länger arbeitslos. Im Jahre 2009 waren 16 Prozent aller Arbeitslosen zwei Jahre und mehr arbeitslos. Der Anteil wäre noch höher, zählten auch die zumeist älteren Arbeitslosen in der Statistik mit, die einen Ein-Euro-Job hatten, in anderen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen steckten oder in der Nachwirkung der alten Rechtslage als über 58-Jährige für eine Stellenvermittlung nicht mehr zur Verfügung stehen mussten.

Viele der Langzeitarbeitslosen haben multiple Vermittlungshemmnisse, keine Ausbildung, sind gesundheitlich eingeschränkt, in fortgeschrittenem Alter, arbeitsentwöhnt, haben Suchtprobleme und sind verschuldet. Wie die Dortmunder Langzeitarbeitslosenstudie von Dr. Peter Kuhnert und sein Handbuch „In der Bahn bleiben“ zeigen, muss, bevor diese Langzeitarbeitslosen vermittelt werden können, ihre Persönlichkeit stabilisiert werden. Sie müssen ihr Selbstwertgefühl wiedergewinnen und aus ihrer Selbstisolation befreit werden.

Ohne Schuldnerberatung gelingt dies vor allem bei jenen selten, gegen die ein Pfändungsbeschluss vorliegt, ohne Suchtberatung bei denen kaum, die ein Alkohol- bzw. Drogenproblem haben. Regionale Studien über Langzeitarbeitslose zeigen, dass hier ein schwerwiegendes soziales Problem liegt. Längerfristige Arbeitslosigkeit selbst wiederum wirkt, warnt der DGB-Experte Dr. Wilhelm Adamy, wie ein zusätzliches Risiko, sie könne wie Haft wirken, isolieren, entmutigen und demoralisieren.

Für integrationsferne Langzeitarbeitslose mit mehreren Vermittlungshemmnissen, die trotz der Zuschussmöglichkeiten kaum in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden können, wird es einen öffentlich geförderten Beschäftigungssektor geben müssen. Er muss eine Brücke aus der gesellschaftlichen Isolation bilden. Ob diesen Weg die 34 000 Bürgerarbeiter, die Ältere und Behinderte demnächst bei Behördengängen und Arztbesuchen begleiten oder als Übungsleiter oder Platzwart im Breitensport tätig sein sollen, gehen können, ist einen Versuch und die 1,3 Mrd. Euro in nächsten drei Jahren wert. Den hohen Kosten stehen Einsparungen beim Arbeitslosengeld II und bei den Kosten der Unterkunft gegenüber, denn die „Bürgerarbeiter“ sollen wie in Dortmund nach dem Tarifvertrag im öffentlichen Dienst regulär, d.h. sozialversicherungspflichtig beschäftigt werden. Der Andrang in den Jobcentern, von denen sich die Hälfte an dem Modellversuch beteiligt, ist hoch.

Die Gefahr, dass die Parkranger , Geschichtenvorleser und Arztbegleiter reguläre Jobs verdrängen, ist gering, die Hoffnung, nach der Stabilisierung ihrer Persönlichkeit, der Wiedererlangung ihres Selbstwertgefühles doch noch einen Job im ersten Arbeitsmarkt zu finden, durch paralleles Coachen eine Chance, die Dauerarbeitslosigkeit aufzubrechen.

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