Brauchen wir ein Gesetz zum Schutze des menschlichen Geistes?

01.02.2010 | Prof. Dr. Claudius Gros

Seit Anbeginn der Zeit ringt der Mensch mit sich. Ein Großteil unserer Kultur und der Weltliteratur dreht sich um den Menschen als Person und Persöhnlichkeit und handelt von unseren Emotionen, von unseren Werten und der Entwicklung des menschlichen Geistes.

Mit dem Fortschreiten von Forschung und Technik werden uns in Zukunft mehr und mehr Werkzeuge zur Verfügung stehen, um unseren Geist und unsere Persöhnlichkeit gezielt zu beeinflussen - über die Anfänge von Gehirn- und Moraldoping wird immer häufiger in den Medien berichtet. Warum sollten wir uns in Zukunft noch mit Gefühlsverwirrungen abplagen oder an der Entwicklung unserer Persöhnlichkeit arbeiten, wenn es mit einer Pille einfacher zu machen wäre?

Nehmen wir Oxytocin als Beispiel, eine körpereigene Verbindung mit Doppelfunktion, welche dem Körper auch als Medikament bequem über einen Nasenspray zugeführt werden kann. Oxytocin ist sowohl ein Neurotransmitter (d.h. es wirkt auf die Nervenzellen im Gehirn), als auch ein Hormon (d.h. es wird durch das Blut transportiert und wirkt als Botenstoff auch auf andere Organe und Muskeln).

Oxytocin kann als Hormon eine ganze Reihe von Reaktionen im Köper hervorrufen, es kann z.B. die Milchproduktion einer stillenden Mutter steuern. Als Neurotransmitter wirkt Oxytocin auf unser Gehirn und beeinflusst u.a. unsere Vertrauensseligkeit. Oxytocin ist ein Beispiel für die Möglichkeiten und Problematiken, vor welche uns der wissenschaftliche Fortschritt im Bereich Gehirn- und Moraldoping stellt – ethisch wie politisch werden wir komplexe Entscheidungen treffen müssen.

Vertrauen

Das Vertrauen und Misstrauen, welches wir unserem Gegenüber entgegenbringen, spielt in zwischenmenschlichen Belangen eine große Rolle. Laborexperimente haben gezeigt, dass Versuchspersonen mit erhöhten Oxytocinspiegel ihren Mitmenschen deutlich mehr vertrauen, als Versuchspersonen mit einem normalen Oxytocinpegel, und zwar um einen Faktor zwei. Nach der Einnahme von Oxytocin mit einem Nasenspray überließen die Versuchspersonen in einem fiktiven Spiel doppelt so oft ihr Geld einem Anlageberater wie Teilnehmer ohne Nasenspray, welche dem fiktiven Anlageberater gegenüber ein gesundes Misstrauen bewahrten. Übrigens waren sich die Probanden dessen nicht bewusst, den man kann selber nicht wahrnehmen, wieviel Oxytocin man im Blut hat.

In vielen Konfliktsituationen hapert es daran, dass sich die Konfliktparteien gegenseitig misstrauen. Sollte man in diesen Fällen über den Einsatz von Oxytocin nachdenken? So wird in Australien schon heute diskutiert, ob bei Ehe- und Partnerschaftsberatungen nicht Oxytocin eingesetzt werden sollte. Wenn sich Mann und Frau nach Einahme von Oxytocin erst mal wieder gegenseitig mehr vertrauen, dann sollte es leichter sein, auch die anderen zwischenmenschlichen Probleme aus dem Weg zu räumen. Als weiteres Anwendungsbeispiel könnten einem Befragungen bei der Polizei in den Sinn kommen. Ein Verdächtigter würde viel eher mit Informationen herausrücken, wenn er dem verhörenden Beamten menschlich vertrauen würde, und dem könnte man leicht mit einer Portion Oxytocin nachhelfen.

Schon diese beiden Beispiele, die Spitzen eines großen Eisberges potentieller Anwendungen, zeigen in welche Richtung wir uns bewegen könnten. Im Falle der Partnerschaftsberatung könnte man dem Einsatz von Oxytocin auf freiwilliger Basis vielleicht noch zustimmen, doch wem behagt die Vorstellung einer Staatsgewalt, welche die Psyche seiner Bürger nicht nur durch Reklame und Propaganda indirekt manipuliert, sondern zudem auch ganz direkt durch Nasensprays, Pillen und was sonst noch alles kommen mag?

Der wissenschaftliche Fortschritt stellt uns derart vor neue ethische Herausvorderungen. Betrachten wir als weiteres Beispiel den Fall einer Friedenskonferenz. Friedenskonferenzen scheitern häufig am gegenseitigen Misstrauen der beteiligten Konfliktparteien. Und viele Menschen sterben und leiden möglicherweise, wenn eine Friedenskonferenz nicht erfolgreich abgeschlossen werden kann. Wäre es da nicht ein moralischer Imperativ, hier mit Oxytocin nachzuhelfen? Um das Leben vieler Unschuldiger zu retten?

Misstrauen

Daher die Frage: Brauchen wir ein Gesetz zum Schutze des menschlichen Geistes? Zugegeben, Gehirndoping steht erst ganz am Anfang und erst einige wenige und relativ schwache Mittel, wie etwa Ritalin, sind derzeit praxistauglich. Die Untersuchungen von Oxytocin als Neurotransmitter sind heute noch auf Laborexperimente beschränkt. Doch wäre hier nicht eine vorbeugende Gesetzesgebung sinnvoll?

10 Jahre war es in der Entstehung, am 1. Februar 2010 tritt nun das Gendiagnostikgesetz in Kraft, ein Gesetz, welches man in Teilen auch als vorbeugende Gesetzgebung betrachten kann. Denn noch sind unsere technischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten der Gendiagnostik sehr beschränkt, erst von einem verschwindend kleinen Bruchteil unserer Gene sind die Funktionen bekannt. Bei aller Debatte über die einzelnen Bestimmungen des Gendiagnostikgesetzes - es regelt u.a. ob Arbeitgeber von Angestellten und Bewerbern eine Gendatei verlangen dürfen -, herrscht doch Einigkeit über die Notwendigkeit, Gendiagnostik an sich gesetzlich zu regeln. Man kann das Gendiagnostikgesetz in Teilen auch als Anpassung der klassischen Persöhnlichkeitsrechte an die wissenschaftliche Entwicklung sehen - wer hat das Recht, unser Genom einzusehen?

Brauchen wir eine analoge vorbeugende Gesetzgebung im Bereich Gehirn- und Moraldoping? Nehmen wir an, der Gesetzgebungsprozess dauert ebenfalls 10 Jahre; in dieser Zeit werden mit Sicherheit eine ganze Reihe neuer Substanzen und Medikamente in diesem Bereich auf den Markt kommen. Vergessen wir auch nicht, dass in einigen Ländern wie den USA schon heute von Gruppen bekannter Forscher die Forderung erhoben wird, systematisch Medikamente für den gesunden Menschen zu entwickeln, mit dem Ziel, die intellektuelle Leistungsfähigkeit (Gehirndoping) sowie die emotionale Stabilität (Moraldoping) zu verbessern. Zusammen mit der Forderung, dass diese Medikamente fair der gesamten Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden sollten - zum Wohle einer erhöhten volkswirtschaftlichen Produktivität.

Was wollen wir machen? Den einzelnen Bürgern vertrauen, dass diese schon selber am Besten wissen werden, welche Art von Gehirn- und Moraldoping ihnen weiterhilft, sowie der Staatsgewalt, dass diese in der Kriminalistik und Terrorfahndung entsprechende Methoden schon mit Augenmaß einsetzen wird? Oder wollen wir hier ein gesundes Maß an Misstrauen bewahren und beginnen über ein Gesetz zum Schutze des menschlichen Geistes nachzudenken?

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