Blick aufs Ganze

21.09.2004 | Dorlies Last

Eine Reform des deutschen Bildungssystems ist längst überfällig, das ist eigentlich nicht erst seit PISA bekannt. Dennoch die öffentliche Diskussion wurde durch den PISA-Schock deutlich angeheizt, die Dringlichkeit der Reformen deutlich vor Augen geführt. Man musste erkennen, dass die Bildungsreform der siebziger Jahre - gekennzeichnet durch hitzige ideologische Debatten - am Ziel vorbeigeführt hat.

Nun, da man aber den ersten Schock überwunden zu haben scheint, sieht man sich längst wieder mit ähnlichen ideologischen Grabenkämpfen konfrontiert. Während die einen pauschal nach mehr Praxisnähe und Anwendungsorientierung rufen, warnen andere vor dem Niedergang des humboldtschen Bildungsideals. Einerseits werden Ganztagsschulen zum Allheilmittel erkoren, andererseits sucht man deren durchaus positiven Aspekte zu negieren, aus Angst vor einem übermäßigen staatlichen Eingriff in die elterliche Erziehungstätigkeit. Zumindest wurde die deutsche Bildungspolitik durch PISA einmal wachgerüttelt, und die ein oder andere Reform wurde bereits umgesetzt. So schuf beispielsweise die KMK mit der Einführung nationaler Bildungsstandards ein neues Mittel der Qualitätssicherung im deutschen Schulsystem. Strukturelle Veränderungen allein, das Drehen an einzelnen Stellschrauben - ohne den Blick auf das Gesamtsystem jedoch wird einer - einmal drastisch ausgedrückt - Bildungskatastrophe nicht entgegenwirken können. Es gilt bei allen Reformbemühungen die Brücke zu schlagen von der frühkindlichen Bildung bis hin zu den Möglichkeiten lebenslangen Lernens. Das, was wir brauchen, ist eine umfassende Bildungsreform, innerhalb derer einzelne Maßnahmen sinnvoll ineinander greifen.

System der verpassten und fehlenden Chancen?

Die Probleme des aktuellen Systems scheinen vor allem dadurch gekennzeichnet zu sein, dass Chancen ungenutzt verstreichen - und zwar von Beginn an. Die Entwicklungspsychologie hat mehrfach darauf hingewiesen, dass die frühe Kindheit eine der lernintensivsten Phasen ist. Hier wird der Grundstein für den künftigen Bildungsweg gelegt. In den ersten ca. acht Lebensjahren öffnen sich zahlreiche sogenannte "psychologische Zeitfenster", während derer Kinder besonders empfänglich für bestimmte Lerninhalte sind. Dennoch werden Kindergärten und Tagesstätten nach wie vor in erster Linie als reine Betreuungseinrichtungen gesehen. Ein Bildungsauftrag für Kindergärten, wie er beispielsweise in Bayern bereits gesetzlich verankert wurde, wird nur unzureichend wahrgenommen. Ein Kindergartenplatz ist bei weitem nicht für jedes Kind selbstverständlich, zumal er mit einem hohen Kostenaufwand seitens der Eltern verbunden ist. Aber gerade die unterste und grundlegende Bildungsebene sollte möglichst breiten Schichten zugänglich sein. Folgerichtig wäre demnach im übrigen auch die Überführung der politischen Zuständigkeit für Kindergärten von den Sozial- in die Bildungsressorts der Länder, wie jüngst in Thüringen geschehen. Neben der mangelnden Aufmerksamkeit auf Bildung in Kindergärten trägt aber auch das hohe Einschulungsalter in Deutschland dazu bei, dass Chancen ungenutzt verstreichen.

Betrachtet man die soziale Zusammensetzung von Schülern an weiterführenden Schulen oder gerade auch der Studentenschaft, so zeigt sich, dass vor allem Kinder sogenannter bildungsferner Schichten wohl erst gar nicht die Chance erhalten, den Weg zur höchstmöglichen Bildung einzuschlagen. In keinem anderen Land ist der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungsniveau so hoch wie in Deutschland. Die Gesamtschule, die eigentlich gerade dem Problem der sozialen Auslese entgegenwirken sollte, erhält besonders schlechte Noten: Jeder sechste Schüler der Gesamtschule gehört im Bereich Mathematik der sogenannten "Risikogruppe" an - der Gruppe, die sich aufgrund des niedrigen Bildungsniveaus mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Arbeitslosenstatistik wiederfindet. Besonders besorgniserregend ist vor dem Hintergrund der sozialen Selektivität die Beobachtung, dass der subjektive Eindruck der Lehrkraft bedeutenden Anteil an der Auslese beim Übergang an weiterführende Schulen hat. Aber auch der umgekehrte Fall tritt auf, wenn Eltern ihre Kinder trotz einer entsprechenden Empfehlung nicht auf das Gymnasium schicken.

Ein weiteres Problem ist aber auch die lange Verweildauer innerhalb des institutionellen Bildungssystems - der Weg von Kindergarten bis Studienende nimmt nicht selten 25 und mehr Jahre in Anspruch. Im internationalen Vergleich sind deutsche Absolventen deutlich älter als ihre Kommilitonen andernorts und haben damit einen klaren Nachteil im globalen Wettbewerb.

Finanzierung in der Schieflage

Neben diesen entwicklungspsychologischen, soziologischen und demographischen Defiziten, die auch jeweils nur einen kleinen Ausschnitt des Problems kennzeichnen, ergeben sich aber auch finanzielle Fragestellungen. Dabei dreht es sich gar nicht so sehr allein um eine Unterfinanzierung des Bildungssystems, als viel mehr um die Schieflage in der sich die Bildungsfinanzierung in Deutschland befindet. Die neueste OECD-Studie "Education at a glance" zeigte auf, dass die Bildungsausgaben im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt leicht unter dem OECD-Durchschnitt liegen. Die eigentliche Schieflage wird aber erst beim Vergleich des Anteils privater Quellen an den Ausgaben für Bildungsinstitutionen deutlich: Während im OECD-Durchschnitt der primäre und sekundäre Bildungssektor zu 7,6% und der Tertiärbereich zu 21,8% aus privaten Quellen finanziert wird, so stellt sich die Situation in Deutschland mit 18,9% für den Primär- und Sekundärbereich gegenüber 8,7% im Tertiärbereich gerade umgekehrt dar.

Anforderungen an ein Bildungssystem der Zukunft

Ein Bildungssystem, dass den Anforderungen und Herausforderungen der Zukunft gerecht wird, muss meines Erachtens, zwei wesentliche Voraussetzungen erfüllen:

1.) Es muss gewährleistet sein, dass jeder den seinem individuellen Potenzial entsprechend höchsten Bildungsgrad erreichen kann.

Der Bildungsweg eines Menschen darf allein von dessen individuellen Stärken und Schwächen abhängen. Das Leistungsprinzip ist das einzige Prinzip, dass der Individualität und Verschiedenartigkeit der Menschen Rechnung trägt und dennoch eine Gleichwertigkeit der Chancen - nämlich der Startchancen ermöglicht. Daraus ergibt sich aber auch die Notwendigkeit einer begabungsgerechten Förderung. Es gilt im Rahmen des Umgangs mit Leistungsschwächeren und Leistungsstärkeren die Balance zwischen gezielter Förderung und Forderung zu finden. Dabei darf vor allem nicht außer acht geraten, dass gerade die Förderung der Spitze, die Herausbildung einer Elite auf eine breite Basis gestellt werden muss, um zu gelingen. Hieraus lässt sich wiederum die hohe Bedeutung der grundlegenden Bildung ablesen.

2.) Ein Bildungsweg muss flexibel gestaltbar sein

Dies gilt in zweierlei Hinsicht:

Zum einen müssen vor allem auf Ebene des Studiums und der beruflichen Weiterbildung flexible Planungen ermöglicht werden - sei es durch zeitweilige Studienunterbrechung zugunsten einer Berufstätigkeit oder durch eine zeitweilige Unterbrechung der beruflichen Tätigkeit zugunsten von Weiterbildung. Gerade auch im Rahmen der Familienplanung können derartige Optionen der individuellen Bildungsplanung ein wichtiger Beitrag zur Vereinbarung von Familie und Beruf insbesondere in Akademikerkreisen beitragen. Vor allem hier kann beispielsweise die Einführung von konsekutiven Studiengängen im Rahmen des Bologna-Prozess eine große Chance darstellen.

Zum anderen ist aber auch Flexibilität bei unterschiedlichen Wegen zu einem Bildungsgrad von großer Bedeutung, eine wichtige Rolle muss und wird hier auch in Zukunft der zweite Bildungsweg spielen. Um begabungsgerecht gestaltete Bildungsbiographien zu ermöglichen, muss aber auch die Durchlässigkeit innerhalb der einzelnen Bildungsinstitutionen erhöht werden.

Die angesprochenen Problemfelder sind zahlreich, die von der Bildungspolitik angedachten Reformen noch zahlreicher. Nun gilt es den Blick zu schulen, inwieweit die einzelnen Problemfelder voneinander abhängen und sich gegenseitig bedingen und darauf zu achten, dass die einzelnen Reformen untereinander kompatibel sind. Nur ein in sich schlüssiges Bildungssystem, dass den weiten Bogen von frühkindlicher Bildung bis zu lebenslangem Lernen tatsächlich zu schlagen vermag, wird zukunftsfähig sein. Dabei darf jedoch eines niemals aus dem Blickfeld geraten: Bei allen ideologischen Frontstellungen, bei allen finanziellen Sachzwängen, im Mittelpunkt aller pädagogischen, didaktischen und bildungspolitischen Erwägungen soll und muss der Mensch stehen. Es geht hier um nicht weniger als die Bildung der kommenden Generation, unserer Kinder und damit um die Zukunft von uns allen. Höchste Zeit also ideologische Frontstellungen aufzugeben, um den Worten Taten folgen zu lassen.

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