Die Bedeutung der Stiftungen für die Bildungsintegration von Migranten

21.12.2005 | Cem Özdemir

In einer post-industriellen Wissensgesellschaft wird gesellschaftliche Teilhabe mehr denn je durch Bildung bestimmt. Nicht zuletzt deshalb haben die Ergebnisse der PISA-Studie die deutsche Öffentlichkeit wach gerüttelt.

PISA hat jedoch nicht nur gezeigt, dass unsere Schüler im internationalen Vergleich allenfalls Durchschnitt sind. Auch war in keinem anderen der beteiligten OECD-Staaten der Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft der Eltern und dem Schulerfolg des Kindes so stark wie hierzulande. Das betrifft sowohl Kinder deutscher als auch nicht-deutscher Herkunft, die in einem bildungsfernen Umfeld aufwachsen. Bei Migrantenkindern kommt jedoch erschwerend hinzu, dass ihre Umgangssprache in der Regel nicht deutsch ist. Das selektive deutsche Bildungssystem hat es bis heute nicht verstanden, diese ungleiche Voraussetzung vor dem Schuleintritt bzw. Übergang in die Sekundarstufe zu korrigieren, etwa durch eine entsprechende Sprach-Förderung.

Während Länder und Staat zumindest Reformwillen zeigen, schreiten etliche Stiftungen gleich zur Tat. Sie begreifen die dramatische Bildungslage von Migrantenkindern als eine Herausforderung. Das belegt der im Auftrag der Körber-Stiftung erstellte Bericht "Integration stiften!", in dem die mittlerweile zahlreichen Projekte in diesem Bereich beschrieben und auch Vorschläge unterbreitet werden.

Die Stiftungen verfolgen entsprechend der Vielfalt der deutschen Stiftungslandschaft unterschiedliche Ansätze. Unter den Akteuren befinden sich partei- und gewerkschaftsnahe Stiftungen ebenso wie staatliche Träger, private Stiftungen mit einem allgemeinen Integrationsbezug und solche, die spezifische Förderprogramme für Migrantenkinder aufgelegt haben.

So engagiert sich die oben genannte Körber-Stiftung bereits seit Jahren im Bereich der interkulturellen Verständigung und Integration. Angeführt werden können hier die Symposien im Rahmen des "Deutsch-Türkische Dialogs" sowie insbesondere das Projekt "Deutschland liest vor", eine Vorlese-Initiative, die die Lesefreudigkeit von Kindern aus bildungsfernen Familien wecken will.

Die Landesstiftung Baden-Württemberg führt seit 2003 das Programm "Sprachförderung im Vorschulalter" durch. Sie unterstützt damit Träger von Tageseinrichtungen, bislang konnten mehr als 20.000 Kinder von den Förderungsmaßnahmen profitieren.

Die Freudenberg Stiftung tritt bereits ihrem Selbstverständnis nach gegen die Ausgrenzung von Minderheit ein. Sie initiiert und begleitet zahlreiche Projekte mit Integrationsbezug. Sie fördert den unabhängigen "Rat für Migration", der führende Wissenschaftler der Migrations- und Integrationsforschung versammelt, ebenso wie die Vermittlung von Sprachkompetenz im Projekt "Rucksack". Hier werden sowohl Kinder als auch ihrer Mütter beim Spracherwerb unterstützt.

Das derzeit wohl umfangreichste Programm im Bereich der Bildungsförderung von Migrantenkindern bietet die Gemeinnützige Hertie-Stiftung an. In ihrem Projekt "frühstart", das Zuwandererkindern den Übergang vom Kindergarten in die Grundschule erleichtern soll, kooperiert sie mit dem Hessischen Kultusministerium, der "Deutsch-Türkischen Gesundheitsstiftung" (die Eltern über das deutsche Bildungssystem berät und hilft, Berührungsängste gegenüber den Bildungseinrichtungen abzubauen) und der Universität Bamberg, die eine Evaluation des Projekts durchführen soll.

Mit ihrem "START-Stipendienprogramm" bietet die Hertie-Stiftung auch ein Förderprogramm für begabte Kinder mit Migrationshintergrund an, die einem nicht-privilegierten sozialen Umfeld entstammen. Auch die Bosch Stiftung und die Markelstiftung vergeben in ihrem gemeinsamen Projekt "Talent im Land" Schülerstipendien für begabte Migrantenkinder.

Neben der individuellen Förderung talentierter Kinder geht es den genannten Stiftungen auch explizit darum, positive Rollenvorbilder zu schaffen. Denn sie haben richtig erkannt, dass es in Deutschland gerade an Migranten mangelt, die in herausgehobener Stellung in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen tätig sind - und sich dabei außerdem nicht zwangsläufig mit "Migrantenthemen" beschäftigen. Solch eine Elite muss sich nicht ethnisch definieren, kann aber anderen Migranten als positives Beispiel dienen und auf diesem Wege zudem die eher negative Integrationsdebatte in Deutschland positiv beeinflussen.

Stiftungen können die Bildungsprobleme Deutschlands nicht im Alleingang lösen. Nach wie vor stehen hier vor allem Bund und Länder, Schulen, Lehrer und natürlich auch die Migranten selbst in der Verantwortung. Jedoch können Stiftungen mit ihrer flexiblen Herangehensweise offensichtlich viel schneller neue Wege beschreiten. Die innovativen Förderprogramme zeigen nicht zuletzt: Wenn der entsprechende Wille vorhanden ist und die Akteure besondere Anstrengungen an den Tag legen, dann ist eine erfolgreiche Bildungsintegration von Migrantenkindern auch möglich.

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