Die Konkurrenz zwischen Berufs- und Privatleben ist Unsinn

14.03.2007 | Ulf D. Posé

Da hat Bischof Walter Mixa etwas angerichtet. Hat er Recht oder hat Frau von der Leyen Recht? Kardinal Meisner gibt ihm Recht. Er ist davon überzeugt, dass diese Aussage "um das Heil des Volkes willen" so drastisch sein müsse.

Wenn es tatsächlich um das "Heil des Volkes" dabei ginge, und nicht um Ideologie, dann müssten nach meiner Ansicht eigentlich drei Dinge bedacht werden:

Zum Einen fehlt in unserer Kultur die Bereitschaft, nicht erwerbstätige Arbeit der erwerbstätigen Arbeit gegenüber gleich zu setzen und als gleichberechtigt anzuerkennen. Wer sich ausschließlich um das Wohl und Wehe einer Familie kümmert, leistet eine Arbeit, die der erwerbstätigen Arbeit absolut gleich zu setzen ist. Gäbe es diese Bereitschaft nicht, dann könnte auch das erwerbstätige Mitglied der Familie seiner Arbeit nicht ungezwungen und unbeeinflusst nachgehen. Hier ist sicher der erste und wichtigste Ansatz, der in der öffentlichen Diskussion vergessen zu werden scheint. Wir müssen die Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung von nicht erwerbstätiger und erwerbstätiger Arbeit begreifen.

Zum Anderen haben unsere Kleriker wohl übersehen, dass es in unserer Gesellschaft für nicht wenige Familien immer schwieriger wird, mit nur einem Gehalt die Familie auch ernähren zu können. Sehr viele Familien würden sehr gern ihren Kindern die Mutter oder auch den Vater den ganzen Tag zur Verfügung stellen, können es sich jedoch nicht leisten. Es werden zwei Verdiener benötigt, sonst reicht das Gehalt für die Familie nicht. Das ist keine Frage von Luxusgütern, sondern von alltäglichen Bedürfnissen.

Und noch ein Drittes wird übersehen. Die berufliche Anerkennung ist eine andere, als die private Anerkennung. Das Bedürfnis, in beiden Welten seine Persönlichkeit entfalten zu können, ist durchaus bei vielen Menschen vorhanden. Die Tatsache, dass Frauen Kinder bekommen, darf uns nicht dazu verführen, Frauen in ihrer Rollenvielfalt auf die Mutterrolle reduzieren zu wollen. Wir sollten nicht vergessen, dass Erfolg, Leistung und Anerkennung, die wir außerhalb des Beruflichen finden, nicht die gleiche Qualität wie im Beruf haben.

Für mich macht es durchaus Sinn, rahmenpolitische Voraussetzungen zu schaffen, die die Symbiose von Berufs- und Privatleben einer Familie erleichtern können. Das ist nicht durch Ideologie zu bewerkstelligen, sondern durch tatkräftige Unterstützung. Vor einigen Jahren noch war es in der katholischen Kirche durchaus üblich, die Pille zu verbieten und gleichzeitig ledige Mütter aus dem Kirchendienst zu entlassen. Der jetzt nachgeschobene Vorschlag von Bischof Mixa, das Erziehungsgeld anzuheben, ist eine Alternative, die sinnvoll erscheint. Es wäre sicher hilfreich gewesen, diese Alternative sofort anzubieten, statt polemisch drauf zu schlagen. Der Problemlösung war seine Aussage nicht sehr dienlich.

Die derzeitige Diskussion ist Anlass für mich, einmal darüber nachzudenken, wie wir als Gesellschaft grundsätzlich mit der Konkurrenz von Familienleben und Berufsleben umgehen. Der Hauptfehler scheint mir dabei zu sein, dass wir hier Konkurrenz sehen. Es fühlt sich für nicht wenige Menschen wie ein Gegensatz an, dabei sollte es eine Symbiose sein; nicht nur gesellschaftlich, sondern auch soziologisch und psychologisch.

Es ist sicher so, dass Leistung und Anerkennung immer in einer Spannung stehen. Nicht nur gestandene Psychologen, auch Philosophen und Soziologen sind sich durchaus einig, wenn es darum geht, die Verträglichkeit von Berufs- und Privatwelt kritisch zu betrachten. Erfolg, Leistung und Anerkennung, die wir außerhalb des Beruflichen finden, haben nicht die gleiche Qualität, wie im Beruf.

Wir werden als Person erst EINER, wenn es gelingt, Beruf und Privates in einem gemeinsamen Lebenskonzept zu erfassen. Als Grundgedanke sollte es auch dem Geschlecht erlaubt sein, das nun einmal die Kinder bekommt, das zu erleben. Die Voraussetzungen, die wir derzeit in der Bundesrepublik haben, unterstützen Familien noch nicht genug, beiden Elternteilen zu helfen, Berufs- und Privatleben miteinander in Einklang zu bringen. Wer jedoch Beruf und Privates nicht in Einklang bringt, fördert seine Angst, Aggression und Niedergeschlagenheit. Und diejenigen, die sich ins Private flüchten, leben nur ihr halbes Leben und werden zum sozialen Krüppel!!

Damit dies vermieden werden kann, ist es zwingend erforderlich, Menschen darin zu unterstützen, beide Lebensbereiche in Ordnung zu halten. Das gilt nicht nur für Frauen, das gilt auch für Männer.

Leider hat sich unsere Kultur dazu entschieden, stolz darauf zu sein, wenn es gelingt, Privat- und Berufsleben strikt voneinander zu trennen. Über die tragischen Folgen für das "Seelenheil" wird viel zuwenig nachgedacht, denn es gelingt wohl selten, einen Lebensbereich geordnet und den anderen Lebensbereich ungeordnet zu leben. Beides, Berufs- und Privatleben sollte Leben spenden. Ein Beruf soll nicht nur Leben kosten, sondern auch Leben spenden. Wer nämlich im Beruf sozial und psychisch verkümmert, der tut dies auch irgendwann im Privaten.

Hier sind nun beide angesprochen, Mann und Frau. Die Überzeugung, die strikte Trennung von Berufs- und Privatleben sei gesellschaftlich richtig, ist für mich sicher auch eine Ursache für die derzeitige öffentliche Diskussion. Es fehlt an der Selbstverständlichkeit der Verbindung von Beidem. Nur so ist es zu verstehen, dass jemand, der Kinder erzieht, für die andere Welt, die Berufswelt keine Zeit haben darf. Dabei ist der Beruf ein Ort des emotionalen und sozialen Entfaltens. Eine Flucht in eine schöne Privatwelt ist eine Flucht die eher misslingt. Menschen, die mit ihrem Beruf nichts anfangen können, können wahrscheinlich auch mit ihrem Privatleben nichts Rechtes anfangen. Für mich ist es sicher so, dass derjenige, der sich im Beruf nicht ausreichend sozial und emotional entfalten kann, dies nicht wird nachholen können außerhalb des Berufs.

Vielleicht liegt hier der Grund darin, dass nicht wenige Frauen einen Großteil ihrer Sehnsüchte nicht befriedigen können, wenn sie sich ausschließlich der Familie widmen. Ich will nicht verschweigen, dass es vielen Frauen durchaus genügt, ohne ein Gefühl des Defizits zu haben. Was aber ist mit denjenigen, die die Reduktion auf das Familienleben als etwas begreifen, das sie nur ihr halbes Leben leben lässt?

Woran erkenne ich nun, dass mein Privatleben mit meinem Berufsleben konkurriert? Solche Merkmale sind für mich zunächst einmal die Unfähigkeit, über seine Gefühle sprechen zu können. Nicht wenige Menschen meinen, Professionalität zeichne sich durch Gefühlskälte aus. "Wir wollen doch professionell sein", bedeutet oft: "lass die Gefühle komplett weg". So nimmt es nicht Wunder, dass immer mehr Managerinnen und Manager unter der Krankheit Alexithymie leiden. Das Wort stammt aus dem Griechischen, und meint "Stummheit der Seele". Ich kenne nicht wenige Menschen, die sich mittlerweile nur noch von einem traurigen Film im Fernsehen anrühren lassen, dass Leben rührt sie nicht mehr.

Ein weiteres Merkmal ist der Gedanke, man könne seine Persönlichkeit nur in seinem Privatleben entfalten oder nur der Mensch, der etwas leistet, ist wertvoll. Auch gibt es Menschen, die außerhalb ihres Berufs nur noch Langeweile empfinden. Sie machen nicht mehr ausreichend Urlaub und können von ihren Sorgen nicht mehr abschalten. Oder das Gegenteil ist der Fall, Arbeit ist mir lästig.

All das sind Merkmale, die auf die Konkurrenz zwischen Berufs- und Privatleben hinweisen. Auf der Strecke bleibt der Mensch. Er wird reduziert auf seine Funktion.

Ich meine, nur wenn es gelingt, Berufs- und Privatleben miteinander in Einklang zu bringen, den Sinn des Lebens nicht nur auf den beruflichen Erfolg zu reduzieren, sich für Menschen, und nicht nur Funktionen zu interessieren, entgehen wir der Konkurrenz. Vor allen Dingen sollte man den beruflichen Erfolg nicht zur Messlatte des menschlichen Wertes machen.

Das für mich Tragische ist, dass es bei dieser Konkurrenz dazu kommt, dass die Werte der Kindwelt in der Welt der Erwachsenen auf der Strecke bleiben. In der Welt der Erwachsenen spielen die Werte Erfolg, Reichtum, Macht und Leistung die größte Rolle. In der Welt der Kinder sind es Dankbarkeit, Wohlwollen, Verzeihen können und im-Kleinen-glücklich-sein. Diese Werte in die Welt der Erwachsenen hinüber zu retten, scheint mir einen der wichtigsten Aufgaben unserer Kultur zu sein, um menschliches Überleben zu sichern. Denn die Alternative wäre ja, dass der Mensch, der nicht leistet, misserfolgreich, arm und ohnmächtig ist, nichts mehr wert wäre.

Wir können uns helfen, indem wir wieder gezielt über das sprechen, was uns bewegt und wie es uns bewegt. Wir müssen wieder gezielt über Emotionen und das sinnvolle Umgehen mit den eigenen und den fremden Gefühlen im Sozialkontakt sprechen. Die daraus entstehenden Feedbacks unterstützen unsere Selbsterkenntnis, die Voraussetzung für die Freiheit von Lebenslügen ist.

Die Grundlage jeder gekonnten Interaktion ist die Fähigkeit, sich selbst problemlos mitzuteilen, angstfrei und unverstellt darstellen zu können. Darauf wird es in Zukunft noch stärken ankommen, damit Berufs- und Privatleben in einer sinnvollen Symbiose leben können. Letztlich gehört Mut dazu, Mut, sich selbst angstfrei und unverstellt darstellen zu können. Dieser Mut zu Selbstdarstellung ist eine notwendige Voraussetzung für das Gelingen von Gesprächen. Deswegen ist es notwendig, zu anderen Menschen jederzeit so zu sprechen, wie diese mit uns sprechen können, ohne die Beziehung zu gefährden. Sonst entstehen Beziehungsstörungen, die sich einerseits äußern durch Herabsetzung meines Gesprächspartners, indem ich ihn lächerlich mache, nicht ernst nehme, ständig Gebote und Verbote erlasse, meine Abneigung zeige und ihn demütige. Andererseits geschieht dies durch Bevormundung, indem ich Anweisungen erteile, Menschen permanent kontrolliere und mit meiner Besserwisserei glänze. Das hat natürlich Folgen. Solche Folgen sind, dass persönliche Differenzen sachlich ausgetragen, und sachliche Differenzen persönlich ausgetragen werden. Am Ende wird jeder sachliche Widerspruch als persönlicher Angriff gewertet und dementsprechend reagiert. Dagegen müssen wir uns wehren. Das ist jedoch nicht einfach, es erfordert den schon vorhin angesprochenen Mut. Wem dieser Mut fehlt, wer Angst vor unverstellter Selbstdarstellung hat, der greift dann lieber zu Imponiergehabe und Fassadentechnik. Imponiergehabe erkenne ich daran, dass Menschen ständig Eindruck schinden müssen, ihr Bildungswissen heraus hängen lassen, ständig balzen und kokettieren. Die Fassadentechniker zeigen nie Gefühle, legen professionelles Gehabe an den Tag, zeigen eine kalte Sachlichkeit und sind letztlich freundlich ohne dabei herzlich zu sein.

Für mich macht es wenig Sinn, sich selbst und andere auf sein Funktionieren zu reduzieren. Die sich daraus ergebenden Aussichten für ein sinnvoll geführtes Leben, eine sinnvolle Symbiose von Berufs- und Privatleben sind schauderlich. Es ist sicher tragisch, sein Selbstwertgefühl nur aus dem beruflichen Erfolg zu beziehen. Wegen unserer Leistungen werden wir wohl kaum geliebt, vielleicht geachtet, wenn es gut geht, meistens beneidet. Wenn meine Leistung, dass was ich geschafft habe (meistens wird dies reduziert auf das, was ich an Besitz angehäuft habe), das Einzige ist, das mir Befriedigung gibt, dann bin ich eine ziemlich arme Sau, denn wenn ich all das verliere, dann habe ich mich selbst verloren. So entsteht bei nicht wenigen Menschen eine große Angst davor, ihren Besitz zu verlieren. Sie merken dabei kaum, dass ihr Besitz anfängt, sie zu besitzen.

Es kommt also darauf an, ob wir es schaffen, die Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit von erwerbstätiger Arbeit und nicht erwerbstätiger Arbeit in unserer Gesellschaft zu leben, ob wir es schaffen, zu begreifen, dass berufliche Anerkennung eine andere Qualität besitzt, als die private Anerkennung, ob wir es schaffen, Menschen unserer Gesellschaft rahmenpolitische Voraussetzungen zu bieten, die die Verträglichkeit von Berufs- und Privatleben sicher stellt, damit wir es möglich machen, die vielen Rollen unseres Lebens auch wahrnehmen zu können und Menschen nicht auf eine einzige Rolle zu reduzieren, die zum Schluss in der Rollenvielfalt nur noch eine Maske sein kann.

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