Kapital oder Last? Ausländer in Deutschland ...

05.12.2006 | Dr. Jürgen Albers

Mit der Globalisierung wird vielfach die ‚multikulturelle Gesellschaft' verbunden, einem Begriff, der in weiten Teilen der Bevölkerung Unbehagen auslösen. Zur ‚multikulturellen Gesellschaft' gehören auch so genannte ‚Kulturhybriden'. Die Menschen, die dieses Merkmal tragen - bikulturell aufgewachsene Menschen - werden in der o. a. Diskussion, aber auch von der Interkulturalitätsforschung wenig beachtet bzw. vielfach ‚miß'-achtet.

"Ausländer" in Deutschland werden vielfach nur als Begründung zur notwendigen Schaffung oder Steigerung interkultureller Kompetenzen gesehen, nicht aber als eine Quelle dieser Kompetenzen. Dabei hat sich unter den ‚Ausländern' in Deutschland längst eine Schattenrealität gebildet, die sich durch Mehrsprachigkeit, bi- oder multinationale Familienverhältnisse, eine hohe Bildungsmobilität und transnationale Karrieren auszeichnet. Es sind bisher nur sehr vereinzelte Stimmen, die die Kräfte dieser Menschen erkennen, die sie als Brückenbauer zu anderen Kultur- und Sozialwelten schätzen. Vielmehr hält sich in der öffentlichen Diskussion ein Axiom nach wie vor und davon unberührt lebendig: ‚Ausländer' haben Probleme oder machen Probleme.

Auch wenn von ‚ausländischen' Jugendlichen gesprochen wird, stehen vermeintliche oder reale Probleme im Vordergrund der Betrachtung. Selten fehlt der Hinweis auf ihre Benachteiligung. ‚Migrantenjugendliche' werden ganz selbstverständlich mit ‚sozial Benachteiligten' gleichgesetzt. Fachautoren sprechen bereits von der ‚üblichen Perspektive', ohne indes die eigene Position zu reflektieren. Allein die Zahlen der im Bildungssystem und Arbeitsmarkt Gescheiterten sind von Interesse und das klar anvisierte Ziel von Forschung und Darstellung. In der einschlägigen deutschsprachigen Literatur werden Migranten nahezu durchgängig als hilfsbedürftige, defizitäre und pathologische Individuen beschrieben, die von der ‚Doppellast' ihrer zwei Kulturen befreit werden müssen. Dabei sind die Ansätze, die eine beständige ‚Überforderung' der Migrantenkinder und -jugendlichen erkennen wollen, durch die Realität längst widerlegt worden. Wir müssen uns energisch von der Scheinrealität nur einer möglichen Muttersprache lösen. Die vollwertige Partizipationsfähigkeit an beiden Kulturen, der deutschen und der Herkunftskultur, ebenso wie ihrer Sprachen, muss anvisiert und als Bildungsziel erreicht werden. Grundvoraussetzung ist allerdings eine grundlegende Wende in der Haltung gegenüber Fremdsprachen. Im deutschen Bildungswesen muss Platz für viele ‚1. Fremdsprachen' sein.

Derartige Vielfalt ist der Beginn echten Respekts gegenüber anderen Sprachen, auch denen der ‚Migranten'. Die Forderung muss folglich heißen, nicht weniger muttersprachlicher Unterricht, sondern mehr, mit früherem Beginn und - vor allem - offen für alle Interessierten. Zahlreiche deutsche Eltern haben bereits erkannt, dass die Kenntnis gerade nicht standardmäßig vertretener Fremdsprachen am Arbeitsmarkt strategische Vorteile sichert. Die Phase der ewigen Modellversuche muss hier endlich abgeschlossen werden, um zu flächendeckenden und dauerhaften Lösungen zu kommen. Doppel- oder auch Mehrsprachigkeit muss stetig und offensiv gefördert, werden. ‚Ausländische' Eltern bzw. Elternteile müssen sehr viel stärker als bisher die Wertschätzung auch im Alltag empfinden, die ihrer Sprache und Kultur entgegengebracht wird. Dazu gehört auch die sprachliche Schulung von Menschen, die die deutsche Gesellschaft bzw. den deutschen Staat durch ihre Berufstätigkeit vertreten, z. B. Lehrer, Polizisten und Verwaltungsbeamte. Gelegentliche Sonntagsreden nützen hier wenig. Wichtige Orientierungspunkte für diese Wertschätzung durch das ‚offizielle Bildungswesen' könnte die massive Einführung zweisprachiger Schulen bzw. Schulzüge in deutschlandweit darstellen.

Die Bildungsarbeit mit ‚ausländischen' und/oder binationalen Jugendlichen in Deutschland stellt sich jedoch als ungeheure Insellandschaft dar, die in großen Teilen selbst für Fachleute nicht mehr überschaubar ist. Hintergrund ist dabei auch die generelle föderale Zergliederung des deutschen Bildungswesens, die durch die jüngste Föderalismusreform noch verschlimmert wurde. Während die Bundesrepublik offiziell redlich an einem einheitlichen europäischen Hochschulsystem mitbaut, das vom Nordkap bis zu den griechischen Inseln reicht, können sich daheim die 16 Bundesländer nicht einmal auf eine einheitliche Schulzeit bis zum Abitur einigen. Man kann sich auch angesichts der zahlreichen lokalen und regionalen Schulversuche in den Bundesländern gelegentlich des Eindrucks nicht erwehren, jeder Dorfsprengel regele seine Schulangelegenheiten nach eigener Façon.

Die demographische Entwicklung zeigt bereits seit mehreren Jahren deutlich, dass die Fortschreibung des Lebensstandards in Deutschland und Europa von der dauerhaften Zufuhr ausländischer Arbeitskräfte abhängig ist. Die Feststellung Deutschland habe ja nun ein Zuwanderungsgesetz und sei offiziell Einwanderungsland mag de jure richtig sein, die Verinnerlichung und breite Akzeptanz wird noch eine beträchtliche Zeit auf sich warten lassen. Was uns unverändert fehlt, ist ein den demographischen und geopolitischen Realitäten angemessenes Selbstverständnis. Grundvoraussetzung dafür ist allerdings, dass Gesellschaft und Politik keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass absolut jeder einmalig, wertvoll und wichtig für die Gemeinschaft ist.

Die in Deutschland lebenden Kulturhybriden werden als Kapital für den Wirtschaftsstandort fast durchgängig nicht wahrgenommen. Selbst wenn die Idee einer ‚plastischen Persönlichkeit', die durch frühe Kontakte zu zwei (oder mehr!) Kulturkreisen für Auslandskontakte prädestiniert sei, aufgegriffen wird, unterbleibt der Gedankenschluss zu den ‚Ausländern' in Deutschland. Sie bleiben Last, sind nicht Kapital. Ausführlich werden die Mängel insbesondere des deutschen Bildungssystems seziert, eine Empfehlung des bereits in Deutschland befindlichen Humankapitals der Kulturhybriden sucht man dagegen vergeblich.

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