Ausbruch aus dem Teufelskreis

04.08.2004 | Peggy Bellmann

"Demokratie ist Volksherrschaft nur in den Händen eines politischen Volkes; in den Händen eines unerzogenen und unpolitischen Volkes ist sie Vereinsmeierei und kleinbürgerlicher Stammtischkram." Walter Rathenau

Dieses Zitat beschreibt einen Teufelskreis, in dem die Ursache, nicht für alles, aber für viel Übel in Deutschland zu sehen ist. Als aktive Wahlkämpferin wird man an Wahlkampfständen ständig damit konfrontiert: Die Menschen sind politisch uninteressiert und ungebildet, sie sind verbittert, resigniert, politikverdrossen. Diese Haltung kann man nachvollziehen. Die BILD und ähnliche Tageszeitungen titeln fast täglich mit Skandalen. Veruntreute Gelder hier, Korruption da. Fast jede politische Entscheidung dieser Tage scheint nur von Nachteil zu sein für einen jeden Bürger. Der Einzelne scheint wehrlos gegenüber dem Kartell der Macht. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich die Menschen abwenden. Doch genau diese Haltung bestärkt nur die Politik, gegen die sich diese Menschen wenden.

Auf Grund des Desinteresses an der Politik wird im Wahlkampf kaum ein Parteiprogramm gelesen, politische Prozesse werden nicht verfolgt und erst recht nicht ganzheitlich betrachtet, Inhalte werden Personen untergeordnet. Diese Haltung öffnet "schlechter Politik" Tür und Tor. Populistische Phrasen werden gedroschen, Kandidaten nicht nach Kompetenz, sondern nach der Medienwirkung aufgestellt und auch gewählt. Parteien oder Personen, die sich wirklich Gedanken über komplexe Zusammenhänge und tiefgreifende Probleme machen, können diese nicht kommunizieren, da sich solche Problematiken nicht in einem kleinen Slogan auf ein A1-Plakat pressen lassen.

Doch nicht nur im Wahlkampf, auch im politischen Tagesgeschäft ist diese Tendenz zu erkennen. Viel zu oft werden Probleme und deren Lösungen nicht unter dem Gesichtspunkt der langfristigen Wirkung beurteilt, sondern nur im Kontext dessen, wie sie auf der Titelseite der BILD und bei Christiansen verkauft werden können. Versprechen werden gemacht, die nicht zu halten sind, Wahrheit und schlagende Argumente treten in den Hintergrund: es könnte die Wiederwahl verhindern. Hinzu kommt die Angst des Politikers vor dem Bürger: Volksentscheiden und Bürgerbeteiligungen wird aus dem Weg gegangen, u.a. aus Angst, dass die nötige politische Aufklärungsarbeit doch nicht bis zu dem Bürger durchdringen würde und letzterer dann nicht an Hand von Argumenten, sondern rein emotional entscheiden würde. Diese Angst ist wohl leider nicht ganz unbegründet. Und schon ist man mittendrin im Teufelskreis! Politik kann unter diesen Voraussetzungen nur so sein, wie sie derzeit viel zu oft ist: kurzsichtig, unehrlich, korrupt und Stückarbeit. Die Folge ist klar, der Bürger zieht sich noch mehr von der Politik zurück.

Doch wie kann dieser Teufelskreis durchbrochen werden?

Eine Variante wäre, an die Politiker zu appellieren, ungeachtet der Resonanz beim Wähler Tatsachen immer ungeschönt auf den Tisch zu legen. Zwar ist es von enormer Bedeutung, dass auch von Seiten der Medien und der Politik versucht wird, diesen Weg einzuschlagen, doch scheint diese Forderung nicht nur naiv, sie alleine ist auch nicht ausreichend.

Den wahren Schlüssel zur - besseren - Politik von morgen sehe ich in Variante 2: der Bildungspolitik. Die Politik von morgen wird getragen von den Bürgern von morgen, den Kindern und Jugendlichen von heute. Diese gilt es, zu verantwortungsvollen und vor allem mündigen Bürgern heranzubilden, die kritisch hinterfragend unter Abwägung verschiedener Argumente ganzheitliche Entscheidungen treffen. Doch das ist viel leichter gesagt als getan. Dafür bedarf es einer umfassenden Bildungsreform, die wohl auch die ein oder andere finanzielle Ressource verschlingen wird. Doch in Anbetracht der alten, aber wahren Erkenntnis, das Investitionen in die Bildung Investitionen in die Zukunft und gemäß einleitendem Zitat auch Investitionen in die Demokratie sind, sollte außer Frage stehen, selbige auch zu tätigen.

Kernpunkt dieser Bildungsreform muss unter anderem die Fähigkeit des Bildungswesens sein, Mängel in der elterlichen Erziehung und Bildung auszugleichen. Zwar liegt der Erziehungsauftrag laut Grundgesetz bei den Eltern, jedoch darf nicht zugelassen werden, dass das Leben der Kinder verbaut wird, nur weil manche Eltern jenem Auftrag nicht in ausreichendem Maße nachkommen können. Ein essentieller Bereich ist hierbei die Elementarpädagogik, also die vorschulische Bildung. Genau in diesem Alter nämlich, zwischen 0 und 6 Jahren, werden die Kinder in entscheidenden Punkten, wie sozialer Kompetenz und Sprachgefühl, geprägt und die Freude und Begeisterung am Lernen werden geweckt. Darum muss durch eine bessere Ausbildung der Elementarpädagogen die Qualität dieser Einrichtungen verbessert werden. Vor allem aber müssen sie jedem Kind zugänglich sein, was die Forderung nach kostenlosen Kindergärten impliziert.

In der gesamten Schulbildung müssen des weiteren stärkere Akzente bei der Vermittlung von Werten und Normen gesetzt werden. Insbesondere muss die politische Bildung intensiviert werden. Wichtig ist hierbei, dass der Unterricht auch Spaß macht und nicht das Gegenteil, eine Aversion gegen Politik, heraufbeschwört. Um dies zu erreichen ist z.B. die Kooperation mit politischen Jugendverbänden denkbar. Um ein umfassendes Denken zu erreichen, müssen neben der Faktenvermittlung methodisches Wissen und die Vernetzung der verschiedenen Fächer im Mittelpunkt stehen. Doch das ist nur möglich, wenn die Schulen mehr Freiraum haben. Schulen müssen selbst über ihr Personal und Lehrplanfragen entscheiden können. Um dennoch die Vergleichbarkeit gewährleisten zu können, muss es ein zentrales Rahmencurriculum und zentrale Abschlussprüfungen geben. In allen Schulformen. Doch diese Reformen nehmen auch den Lehrer stärker in Verantwortung. Durch bessere Ausbildung und leistungsabhängige Bezahlung muss die Qualität der Pädagogen verbessert werden. Um diese Qualität zu überprüfen, muss es unabhängige Instanzen geben, die sorgfältig, u.a. mit mehrtägigen unangekündigten Hospitationen, alle Schulen evaluieren und die Ergebnisse veröffentlichen.

Dies sind nur kleine Schritte und Anregungen für eine Bildungsreform, die dringend notwendig ist. Denn die Schüler von heute sind nicht nur die Wähler von morgen, sie sind auch die Politiker von morgen. Politik ist immer nur so gut, wie die Menschen, die sie machen. Darum sollte alles unternommen werden, um diesen Menschen schnellstmöglich die bestmögliche Bildung zukommen zu lassen. Denn die Zukunft eines Volkes liegt in den Köpfen seiner Jugend.

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