Aufstehen!

13.08.2005 | Jürgen Höller

Deutschland, Deutschland über alles - immer mehr wird unsere Nationalhymne zu einer ironischen Karikatur des Realzustandes dieses Landes. Nach der kurzen Euphorie der Wiedervereinigung, daran anschließendem Aufschwung, begründet im zu hohen und damit zu teuren Umtauschkurs, sowie volkswirtschaftlich sinnloser Steueranreize (leer stehende Gewerbeparks und vor sich hin siechende Wohnungen lassen grüßen), befindet sich unser deutsches Vaterland seit mittlerweile 12 Jahren in der Krise.

Gleich, welche Vergleiche man heranzieht, Deutschland fällt immer mehr zurück. Soweit, dass mittlerweile sogar unser "armer Nachbar Österreich" uns bei der Höhe des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens überholt hat. Und dieses gefällt sich ja auch so sehr in dieser misslichen Lage, gibt uns es doch Gelegenheit, uns wieder mal so richtig in Selbstmitleid zu suhlen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich Mitte und Ende der neunziger Jahre kritisiert wurde, angesichts meiner Intention den Menschen Optimismus, positives Denken, die Einstellung des "konstruktiv Möglichen" näher zu bringen. Teilweise hatte ich den Eindruck, ich müsste mich verstecken und verkriechen angesichts des Widerstandes, insbesondere mancher linker Presseorgane. Das erweckte in mir den Eindruck, dass in Deutschland nur die Schwermut, wahren Tiefgang besitzt.

Doch wozu hat die so urtypische deutsche Mentalität denn mittlerweile hingeführt? Während es in den letzten zwei Jahren einen beispiellosen, weltweiten Aufschwung gab, dümpeln wir seit Jahren bei der 1% Marke des Wirtschaftwachstums herum. Regelmäßig hat in den letzten Jahren die Politik höhere Wachstumsquoten erwartet und voraussagt- die dann regelmäßig immer unterschritten wurden. Gott sei Dank sieht das Ausland nach wie vor unsere Produkte "Made in Germany" positiv, denn wenn unser Export nicht so fulminant in den letzten Jahre explodiert wäre, hätten wir angesichts der Konsumflaute im eigenen Land mittlerweile eine ausgewachsene Rezession.

Vielleicht wäre ja eine solche Krise unter Umständen gar nicht so schlecht gewesen, wären wir dann vielleicht aufgrund der starken kollektiven Schmerzen endlich zu Veränderungen bereit gewesen. So wie bei der Metapher mit dem Hund:

Ein Mann besucht seinen Freund, und sie verbringen einen herrlichen Sommerabend auf der Holzveranda direkt am See. Nach einiger Zeit fällt dem Mann auf, dass der Hund seines Freundes, der ebenfalls auf der Veranda liegt, alle paar Minuten jämmerlich jault. Auf die Frage nach dem Grund antwortet ihm sein Freund: "Ja, weißt du, er liegt auf einem Nagel, der ihm ins Fell drückt und den Schmerz verursacht." Der Mann sieht seinen Freund verdutzt an: "Und warum steht er nicht einfach auf und legt sich an einen anderen Platz, an dem ihn kein Nagel piesackt?" Darauf antwortet ihm sein Freund: "Weißt Du, ich war mit ihm heute stundenlang mit dem Fahrrad unterwegs, er ist mindestens vierzig Kilometer gelaufen. Dadurch ist er so müde, dass der Schmerz aufzustehen und sich woanders hinzulegen, größer ist, als der Schmerz des Nagels in seinem Fell." Ein wahrhaft blöder Hund, nicht wahr?

Nun, kein Hund würde sich so unvernünftig verhalten - im Gegenteil wir Menschen dagegen schon! Solange der Schmerz des "Nagels" nicht groß genug ist, bleiben wir lieber dort, wo wir sind. Wir sind nicht bereit, uns zu verändern, etwas zu wagen, ein Risiko einzugehen, neue Wege zu gehen. Denn (wiederum typisch deutsch): Es könnte ja noch schlechter werden!

Doch was wir benötigen in Deutschland sind nicht noch mehr Menschen, die zögern, zaudern, klagen, jammern - was wir benötigen sind mutige Menschen, sind Optimisten, sind positive Menschen und Unternehmer, die aufstehen und etwas verändern!

Wie oft wurde ich kritisiert, dass ich den Menschen beibringe, sie sollen ein Gewinner sein.

Getreu dem Motto: Wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer. Was für ein Unsinn!

Wir brauchen viel mehr Gewinner. Wir brauchen Ärzte, die gegen Krankheiten gewinnen.

Wir brauchen Lehrer, die gegen die Dummheit gewinnen. Wir brauchen Unternehmen, die gegen die Erfolglosigkeit gewinnen. Wir brauchen Politiker, die gegen das Tal der Tränen gewinnen. Mit einem Wort: Was wir brauchen, sind mehr Gewinner!

Doch wer in der Politik soll diese Aufbruchstimmung erzeugen? Es geht in der Politik nämlich nicht um Daten, Fakten, logisch nachvollziehbare rationale Gründe, es geht um Gefühle, (kollektive) Glaubenssätze. Auch wenn die Bürger mehr in der Tasche haben sollten, bedeutet dies noch lange nicht, dass sie dieses Geld auch konsumieren, ausgeben. Denn, solange sie Angst vor der Zukunft haben, so lange ihnen das Vertrauen auf eine Besserung fehlt, werden sie dieses Geld lieber sparen.

Es wäre vielleicht an der Zeit, Menschen wirklich reinen Wein einzuschenken, dass wir einige Jahre der Schmerzen vor uns haben werden, wenn es uns besser gehen soll. Es ist notwendig, den Menschen eine klare Zukunftsvision aufzuzeigen.

Ein Bild der Nation, das dem Einzelnen aufzeigt, wo er in 10 oder 15 Jahren stehen wird. Menschen sind durchaus bereit, einmal den Gürtel enger zu schnallen, zusammenzustehen, anzupacken, zu tun, was notwendig ist, wenn dahinter ein Ergebnis, ein Ziel, eine Vision steht!

Und so warten wir auf die Politiker, die den Menschen diesen Mut vermitteln können. Ob es einer (möglicherweise) neuen Regierung gelingen wird?

Armut kommt von arm-an-Mut!

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Politikstil | Jürgen Höller | weiterempfehlen →

✪ Video-Tipp

Katharina Tempel

Nein

empfohlen von: webkultur.de | Der Video-Tagesimpuls