Aufklärung

22.04.2005 | Wolf Schneider

In Sachen Religion haben wir die Aufklärung noch vor uns

Immanuel Kant definierte die Aufklärung des 18. Jhd. als »Aufbruch des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit« (so habe ich den Wortlaut in Erinnerung). Dieser Aufbruch aber sparte einen wichtigen Bereich aus: die Religion. Bis heute glauben die meisten Menschen, ihr religiöses Dasein hätten sie höheren Mächten zu verdanken (bzw. die Schuld dafür dort zu suchen). Als religiöse Wesen sind wir unmündig geblieben bis heute.

Die neue Restauration

Und das ist ein Versäumnis eben auch der unvollständig gebliebenen Aufklärung. Gerade das Land der Erde, das die Werte der französischen Revolution in gewisser Hinsicht am bruchlosesten bis heute tradiert hat, die USA, erlebt heute unter George W. Bush eine religiöse Restauration ungeheuerlichen Ausmaßes, vor der die Vertreter der Aufklärung erschrecken. Und einige von ihnen (wie etwa Hillary Clinton) beginnen nun von Gott zu reden, um das Feld nicht kampflos der politschen Rechten zu überlassen.

"Opium fürs Volk"

Die Wurzeln aber liegen tiefer. Die demokratische Bewegung hat seit dem 18. Jhd. den einzelnen Bürger und Wähler als Souverän eingesetzt, um mithilfe ausgefeilter politischer Wahlverfahren und der Gewaltenteilung (in Legislative, Exekutive und Judikative) in Politik und Wirtschaft seine eigenen Geschicke bestimmen zu können. In der Religion aber blieb der Bürger unmündig. Diesen Bereich wagten die Revolutionäre nicht einzufordern. Auch die Kommunisten und Sozialisten nicht; sie erklärten die Religion schlicht für obsolet, »Opium fürs Volk«, eine Droge derer sich die Machthaber bedienen, um das Volk leichter knechten zu können.

Der Bürger ist der Souverän

Eine Droge aber ist die Religion nur in ihren missbrauchten Formen – was allerdings den größten Teil ihrer Formen ausmacht. In ihren authentischen Wurzeln ist Religion der Anspruch von Natürlichkeit oder Göttlichkeit, und das ist – auch politisch betrachtet – der gewaltigste Anspruch, den der Bürger als Souverän überhaupt stellen kann. Er beansprucht damit sein eigenes Universum, sein Glück und Unglück, seinen Himmel und seine Hölle selbst erschaffen und selbst bestimmen zu können.

Den bisherigen Revolutionen fehlte die Mystik

Keine der bürgerlichen oder sozialistischen Revolutionen ist meines Wissens so weit gegangen. Keine von ihnen hat die Mystik mit einbezogen, die genau das beansprucht: den Mensch als Schöpfer zu sehen im Zentrum des/seines holografischen Universums. Diese Forderung ist erst noch zu erheben und ihre Erfüllung erst noch zu erkämpfen. Die NewAge Bewegung war in dieser Hinsicht ein Anfang. Die Esoterik (jedenfalls die heutige) ebenfalls ein Versuch, wenn auch überwiegend eher dem Opium verfallen als ein Mittel der Ernüchterung davon. Die spirituelle Bewegung ist gut und wohl meinend, aber überwiegend zu wenig politisch bewusst, um diese Befreiung erringen zu können.

Größenwahn?

Nun denn, lasst uns also die Aufklärung vervollständigen, indem wir uns auch in diesen Bereich hineinwagen, den höchsten und umfassendstens, den des Geistes und der Transzendenz. Auch hier gilt es, das Individuum aus seiner Unmündigkeit zu befreien und es zu ermächtigen. Diese Ermächtigung aber soll keine Legitimierung von Größenwahn und Hybris sein, sondern eine Ermächtigung zur Selbsterkenntnis und Selbstfindung inklusive der religiösen Dimension und der der Heilung und Ganzwerdung.

Gesegnet und verflucht zur Mündigkeit

Theistisch (d.h. personal) gesehen ist der Mensch Gott – darin besteht die geforderte Ermächtigung zum Souverän. Konstruktivistisch gesehen ist der Mensch das Universum – das ist dieselbe Forderung in einer anderen (nonpersonalen) Sprache. Aber er ist das nicht allein, als einsame Monade – das wäre Größenwahn – sondern er ist Gott oder das Universum in seiner Bezogenheit.

Wir sind also ebenso mächtig wie ohnmächtig. Aufgespannt zwischen Himmel und Hölle, ernüchtert und ernannt zur Größe und Bescheidenheit zugleich, allein und eingebunden. Jedenfalls mündig und verantwortlich alles das zu erkennen – und damit auch für die Wahl, ob wir dies tun oder lieber noch ein paar Jahre oder Jahrhunderte weiterschlummern und dies alles verdrängen wollen.

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