Auf dem Weg in eine kinderlose Gesellschaft?

01.12.2005 | Ansgar Schmitz-Veltin

Räumliche Konsequenzen für den Alltag von Kindern

Die Zahl der Geburten in Deutschland ist seit Jahren rückläufig. Dies hat dazu geführt, dass der Anteil von Kindern und Jugendlichen kontinuierlich abgenommen hat. Waren bis in die 1970er Jahre hinein noch 30 % aller Einwohner Deutschlands unter 20 Jahre alt, so ist dieser Wert inzwischen auf knapp 20 % gesunken. Bis zum Jahr 2050 wird ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung nur noch 16 % betragen.

Diese Zahlen sind schon lange bekannt. Bereits in den 1970er Jahren wurde von Seiten der Wissenschaft auf die Auswirkungen des Steigens der Lebenserwartung und der rückläufigen Geburtenzahlen hingewiesen. Die Rufe verschallten ungehört. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts scheint der demographische Wandel ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Das Thema beherrscht Zeitungen und Zeitschriften, Fernseh- und Radiosendungen und nicht zuletzt eine Vielzahl wissenschaftlicher Tagungen. Die sich aus dem demographischen Wandel ergebenden Konsequenzen für die Renten- und Krankenversicherung, für das Bildungswesen und die Versorgungsinfrastrukturen stellen die Politik auf allen Ebenen des föderalen Systems vor immer neue Herausforderungen.

Und dennoch werden die drastischen Auswirkungen der Entwicklung noch immer nicht richtig erkannt. Dies mag daran liegen, dass sie trotz aller Prognosen diffus bleiben, schlecht vorstellbar sind und so gar nicht in das allzu sehr manifestierte Bild einer wachsenden Gesellschaft passen wollen. Neben volkswirtschaftlichen und raumplanerischen Auswirkungen der derzeitigen Bevölkerungsentwicklung entziehen sich vor allem die alltagsrelevanten Konsequenzen unserer Vorstellung. Was bedeutet es für eine Gesellschaft, immer weniger Kinder zu haben? Während das Vorhandensein von Kindern bis in die 1970er Jahre hinein zum Alltag der meisten Menschen gehörte, ist es für viele Jugendliche und junge Erwachsene heute zu etwas besonderem geworden, Kinder zu erleben. Der Umgang mit Kindern ist nicht mehr selbstverständlich; Ratlosigkeit macht sich breit, wenn man "auf einmal" ein Kind auf dem Arm hat und nicht weiß, was zu machen ist. Das ist verständlich, wachsen doch immer mehr junge Menschen heran, die zwischen Pubertät und Erwachsensein nie etwas mit Kindern zu tun haben. Und mit steigenden Anteilen von Alleinlebenden und kinderlosen Paaren verringert sich zunehmend die Wahrscheinlichkeit, schon früh einen Bezug zu Kindern aufbauen zu können.

Die Ratlosigkeit bezüglich des Umgangs mit Kindern wird sich in Zukunft noch weiter verstärken. Nicht nur, weil der Anteil der Kinder aufgrund der Alterszusammensetzung der Gesellschaft selbst bei gleich bleibenden Geburtenziffern je Frau weiter abnehmen wird, sondern auch, weil sich die Gesellschaft zunehmend auseinander bewegt. Die Deutschen sind keineswegs kinderlos. Immerhin bekommen Frauen im Durchschnitt 1,34 Kinder. Aber während in anderen Ländern tatsächlich die Familiengrößen sinken, spaltet sich die deutsche Gesellschaft in die klassische Zweikindfamilie und in Kinderlose. Und aus dieser Spaltung ergeben sich differenzierte Lebensstile und sich weitgehend ausschließende Lebens- und Freizeitmuster und nicht zuletzt unterschiedliche Präferenzen und Möglichkeiten beispielsweise bei der Wohnstandortsuche.

So entsteht aus der Pluralisierung der Fertilitätsmuster eine räumliche Differenzierung der Wohn- und Lebensorte. Die Lebensbedingungen für Eltern mit Kindern sind vor allem dort gut, wo es andere Kinder gibt, wo der Lärm des alltäglichen Spiels nicht auf die empfindlichen Ohren der Kinderlosen trifft und in denen das Chaos im Sandkasten vor dem Haus nicht gleich ein Grund ist, von den Nachbarn schief angeschaut zu werden. Orte, an denen Spielplätze sinngemäß Spiel-Plätze sind und nicht bloße Produkte der städtischen Architektur. Auf der anderen Seite entstehen Wohnquartiere, in denen Kinder die Ausnahme bleiben, in denen das einzelne Kind durchaus große Beachtung findet, in denen aber auch verlangt wird, dass es sich der Welt der Erwachsenen unterordnet. Orte, an denen das kindliche Individuum umsorgt und gefördert wird, an denen es aber nicht selten an Gestaltungsmöglichkeiten eines kindgerechten Alltags fehlt.

Neben der Zunahme der Kinderlosen ist es vor allem die Alterung die dazu führt, dass der Alltag in Deutschland kinderunfreundlicher wird. Zwar hat die Mehrheit der Senioren selber Kinder groß gezogen, doch dass Verständnis für die Kleinen lässt im Alter nach. Das geschieht ohne bösen Willen, aber die Lebhaftigkeit der Jungen und das steigende Ruhebedürfnis der Alten stoßen immer häufiger aufeinander. Waren die Groß- und Urgroßeltern früher in die Großfamilie eingebunden, so leben sie heute meist allein; die Turbulenzen im Alltag der Kinder stellen nicht selten eine Überforderung für sie dar. Konflikte bei der Planung und Nutzung von Kinderspielplätzen sind ein alltägliches Anzeichen dafür, dass Jung und Alt nicht immer die gleichen Interessen verfolgen.

Abseits aller anderen, im Detail nur schwer vorhersehbaren Folgen der demographischen und gesellschaftlichen Entwicklung, wird sich die schon heute beobachtbare Trennung in kinderfreundliche und kinderfeindliche Wohnquartiere weiter fortsetzen. Und so verstärken sich die Gegensätze der verschiedenen Milieus. Denn eigene Erfahrungen prägen die Wünsche und Einstellungen und führen so zu einer weiteren Differenzierung. Wer in Milieus aufwächst, in denen Kinder eine gewichtige Rolle spielen, in denen Freunde zum Spielen da sind und ein Verständnis dafür, dass Kinder andere Bedürfnisse haben als Erwachsene, der wird auch später sehr viel eher bereit sein, selber Kinder zu bekommen.

Die Differenzierung der Gesellschaft wird sich in den kommenden Jahren weiter fortsetzen, nicht nur hinsichtlich der Einstellungen zu Kindern. Insbesondere bei der Einkommensverteilung werden die Ungleichheiten weiter zunehmen. In der Diskussion um die weitere gesellschaftliche Entwicklung sollte nicht übersehen werden, dass sich Bevölkerungsgruppen räumlich manifestieren und dass sich das Vorhandensein oder die Abwesenheit von Kindern an bestimmten Wohn-Orten auf die Einstellungsmuster der dort lebenden Bevölkerung auswirken.

Die Deutschen sind nicht kinderlos und werden es auch so bald nicht sein. Die Konzentration von Kindern in bestimmten Regionen und Wohnvierteln bzw. deren Abwesenheit an "kinderlosen Orten" lässt jedoch erwarten, dass die Akzeptanz gegenüber diesen in Zukunft weiter abnimmt und sich auf immer weniger Raum konzentriert. Nicht nur bezüglich der Chancen im Erwerbsleben und der Möglichkeiten der Freizeitgestaltung steuern wir auf eine hochgradig polarisierte Gesellschaft zu, auch hinsichtlich der Einstellung zu Kindern.

Daran werden der Ausbau der Betreuungseinrichtungen oder eine Anhebung des Kindergeldes allein kaum etwas ändern können. Eine zukunftsgewandte und vorausschauende Politik muss vielmehr die Selbstverständlichkeit von Kindern zu betonen und dazu beitragen, dass nicht ausschließlich Erwägungen über deren Kosten und Nutzen die Entscheidung für oder wider sie beeinflussen. Dabei kann ein Blick über die Grenzen helfen. Insbesondere im Norden Europas ist der Umgang mit Kindern meist sehr viel entspannter. Nur selten wird dort aus Karrieregründen oder aufgrund der anfallenden Kosten auf Kinder verzichtet. Schließlich gehören sie für fast alle Bevölkerungs- und Gehaltsgruppen zu einem erfüllten Leben. Und dass es ohne Kinder nicht geht, dass sie zu einer Gesellschaft gehören ebenso wie alte Menschen, ist zwar eine triviale Feststellung, aber eine, die in weiten Teilen der Gesellschaft und auch der Politik häufig nicht konsequent zu Ende gedacht wird.

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