Armer Harald

25.11.2006 | Christine Ax

Unser Harald Schmidt, angeblich erste Adresse im Deutschen Fernsehen für Satire und Witz hat ein Interview gegeben und lässt uns ungefragt Teil haben an der Armut seines Seelenlebens. Was er uns so freimütig offenbart, ist so bemerkenswert, dass wir es uns Wort für Wort auf der Zunge zergehen lassen sollten.

In seinem Interview mit der ZEIT verlautbart er: „Wenn ich bei anderen sehe, wie die Augen feucht werden – da fühle ich mich belästigt“. Es kommt noch schlimmer: Er sei bei der Geburt seines Kindes nicht in der Lage gewesen, emotional angemessen zu reagieren, weil er traumatisiert sei, von den RTL-Sendungen, in denen „Väter mit zwei Ohrringen und Transferleistungsgesichtern in die adipöse Gattin hineinheulen“.

Bei solchen Formulierungen muss man aufhorchen, in Zeiten, in denen „Unterschichtendebatten“ geführt werden und Politik davor warnt, dass nur noch die Falschen sich reproduzieren. Eine Zeit in der junge Männer Amok laufen, weil keiner sie lieb hat und zwar an Orten, an denen die Welt aus der Sicht der Fernsehkommentatoren doch eigentlich noch in Ordnung ist.

Doch welche Ordnung, welches Referenzsystem wird hier zugrunde gelegt? Das System Harald Schmidt vielleicht? Was an solchen Schmidt-Äußerungen ist eigentlich lustig? Besteht die Realsatire nicht längst darin, dass einer wie Schmidt gedanklich so verroht ist (nicht wurde), dass ihm die Welt etwas geworden ist, das ihm und uns keine Heimat mehr sein kann? Ein Ort, an dem Schmidt bei der Geburt seines Kindes nur noch Geschmacklosigkeiten einfallen, die kaum zu übertreffen sind. Noch nicht einmal von RTL.

Die Sache verstört uns. Wir wissen nun gar nicht mehr, wer mehr zu bedauern ist. Harald Schmidt, mit seinen hässlichen Gedanken im Kopf. Die Mutter, die in dieser Situation alleine blieb oder das Kind, das Herrn Schmidt als Vater hat. Nicht weniger bemerkenswert die Tatsache, dass Schmidt durchaus Grenzen respektiert, wenn sie ihm nur in der richtigen Art und Weise gesetzt werden. So verzichtet er „aus Vorsicht“ auf islamische Witze. Da könne er ja nie wissen, was andere daraus machen.

Lieber Harald Schmidt: Was also können wir von Dir, Du großer Deutscher Volksdichter, lernen? Wir lernen, dass wir Arbeitslose in Deutschland ungestraft als „Transferleistungsgesichter“ beleidigen dürfen. Ihre schwangeren Ehefrauen krankhaft fett sind und dass ihre Männern während der Geburt in sie hinein heulen. Und das wir das ganz ungestraft sagen dürfen, weil die so Beleidigten nicht, wie die Bin Ladens dieser Welt, anschließend Bomben schmeißen.

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