Arbeitslosigkeit und Armut machen krank

28.06.2005 | Walter Hirrlinger

Bereits vor Jahren gab es einen Spruch, der lautete: "Weil du arm bist, musst du früher sterben." Allerdings glaubte man bisher, dieser Satz sei überholt. Leider ist das nicht so. Selbst beim letzten Bundesärztetag kam dies zur Sprache. Denn es gibt jetzt eine Untersuchung des Düsseldorfer Medizinsoziologen Johannes Siegrist, die diese These eher unterstreicht.

Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass Arme eine bis zu sieben Jahren kürzere Lebenserwartung zu verzeichnen haben und ein mindestens doppelt so großes Risiko, ernsthaft krank zu werden.

Selbst in der Schweiz sterben danach einfache Arbeiter und Angestellte 4,4 Jahre früher als Männer in Führungspositionen. In Finnland sind es sieben Jahre, in Frankreich und Großbritannien nicht viel weniger, wie das europäische Forschungsprogramm unter Leitung Siegrists ergab. Besonders beunruhigend findet er, dass sich diese Schere in den vergangenen 15 Jahren weiter geöffnet hat.

Oder anders gesagt: Je schlechter die soziale Lage, umso niedriger die Lebenserwartung und umso höher das Krankheitsrisiko. Dazu kommt: Bei Eltern aus niedrigen sozialen Schichten treten in der Schwangerschaft mehr Stoffwechselstörungen auf, die Kinder kommen mit Untergewicht zur Welt und werden im Schulalter zu dick.

Im mittleren Erwachsenenalter zeigt sich, dass der Herzinfarkt bei Weitem keine Managerkrankheit ist: Herzinfarkt und Depressionen kommen in den unteren Schichten häufiger vor als bei Wohlsituierten. So bekommen Beschäftigte, die sich bei der Arbeit voll verausgaben und trotzdem zu wenig Geld, Anerkennung, Aufstiegschancen und vor allem Arbeitsplatzsicherheit haben, doppelt so häufig Herzinfarkte oder Depressionen.

Besorgt berichteten Ärzte auf dem Ärztekongress, dass viele Patienten sich aus Angst um ihren Job vehement dagegen wehren, krankgeschrieben zu werden. Angesichts von fünf Millionen Arbeitslosen und immer mehr Menschen an der Armutsgrenze warnte daher der Ärztetag nachdrücklich vor katastrophalen Folgen der Massenarbeitslosigkeit und forderte, der Beschäftigung Vorrang zu geben. Das kann man nur unterstreichen.

Außerdem sollten Heimpatienten und Obdachlosen Praxisgebühr und Zuzahlungen erlassen werden, so der Ärztetag. Denn die Lebensqualität von chronisch Kranken und Menschen in Pflegeheimen wird nicht nur durch die Zuzahlungen, sondern auch durch Aufwendungen für benötigte nicht verschreibungspflichtige Medikamente eingeschränkt.

Das ohnehin geringe Budget der Betroffenen wird dadurch zusätzlich belastet. Es gibt keinen Zweifel: Wir bewegen uns auf einem schmalen Grat für das Risiko Gesundheit, nämlich durch Arbeitslosigkeit und Angst um den Job. Wer davor die Augen verschließt, will die Wirklichkeit verdrängen. Dies aber sollte in einem sozialen Rechtsstaat nicht stattfinden!

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Katharina Tempel

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