Arbeitsethik

26.09.2005 | David Harnasch

"Sozial ist, was Arbeit schafft" - Nonsense! "Sozial" ist alles und nichts, dem Wort wurde durch inflationären Gebrauch jeder Inhalt genommen. Die APPD (Anarchistische Pogopartei Deutschlands) hatte vollkommen recht mit der These: Jugendliche brauchen keine Lehrstelle, sie brauchen Geld.

Vielen Menschen macht ihre Arbeit Spaß, gibt ihnen Befriedigung und womöglich sogar Lebenssinn. Sonst ist Arbeit aber etwas für Sklaven und Maschinen - und für jene bedauernswerten Gestalten, die tatsächlich nichts besseres mit sich anzufangen wissen, die also verwahrt und beschäftigt werden müssen, damit sie nicht ihre Familien prügeln und sich völlig dem Alkohol ergeben.

Es fehlt ein politisches Angebot in Deutschland, das Vollbeschäftigung dezidiert als nicht erstrebenswert anerkennt, dabei aber im Auge behält, daß nur verteilt werden kann, was zuvor erwirtschaftet wurde.

Die neue Linke möchte all jene finanziell besser stellen, für die die Wirtschaft keine Verwendung findet und verkennt dabei das grundlegende Problem: Man kann durchaus von Harz IV leben, aber Würde kann man nicht kaufen. Es gilt, die sozialdemokratische Arbeitsethik zu überwinden. Wer über keine Begabungen verfügt, mit denen sich hier Geld verdienen läßt, tut gut daran, hochbezahlte Personalmanager nicht mit seinen Bewerbungen zu belästigen.

Das sympathische an den Punks der APPD ist, daß sie Arbeit als genau das definieren, was sie über düstere Jahrtausende der Menschheitsgeschichte hinweg für 99,999 % aller Menschen war: Ein zum schlichten Überleben notwendiges Übel. Dank der Reichtumsexplosion seit der industriellen Revolution ist dies in den westlichen Gesellschaften zum Glück anders geworden, aber keine etablierte politische Kraft würde das je zugeben.

Die Linke hat leider nicht die geringste Ahnung von volkswirtschaftlichen Zusammenhängen, daher möchte sie ihr Programm "mehr Geld, aber immer noch keine Würde" finanzieren mit Steuererhöhungen für die hochmobilen, hochqualifizierten, sogenannten Leistungsträger, die alle Staaten dieser Welt verbittert als Immigranten zu gewinnen suchen.

Die (Neo-) Liberalen wissen, daß solche Spinnereien nicht funktionieren. Sie anerkennen im Gegensatz zu den klassischen Sozialdemokraten auch die wünschenswerten Wirkungen jeder Produktivitätssteigerung. Aber sie scheuen vor der Konsequenz zurück, zuzugeben, daß in einer hochentwickelten Volkswirtschaft niemand, dessen Qualifikationen sich auf "schwer heben, weit tragen" beschränken, jemals wieder Wertschöpfung wird betreiben können.

Der falsche Wunsch lautet: Vollbeschäftigung durch Wirtschaftswachstum!

Der richtige: Wirtschaftswachstum statt Vollbeschäftigung!

Meine Forderungen für die Politik von morgen sind:

  • Ein geringes Bürgergeld für jeden - ohne den Empfänger mit Hampeleien vor irgendwelchen Lächerlingen in Diensten der Bundesagentur für Arbeit (oder sonstiger staatlicher Institutionen) zu demütigen.
  • Ein staatlich subventionierter Niedriglohnsektor (z.B. über eine negative Einkommenssteuer) für jene, für die sich in der Familie, dem Verein, der Kunst, dem Ehrenamt oder der Stadtbibliothek kein befriedigender Platz findet.
  • Dies kombiniert mit einem übersichtlichen Steuersystem, idealerweise einer niedrigen Flat-Tax ohne Ausnahmen und einem Nachtwächterstaat, der so schlank ist, daß man ihn im Aquarium ertränken kann - und der sich abgesehen von den o.g. Basisleistungen aus der Versicherungswirtschaft fernhält.

Eine Gesellschaft, die Erwerbslosen die Menschenwürde abspricht, aber gleichzeitig horrend viel Geld dafür ausgibt, Bergleute eine Arbeit verrichten zu lassen, die bei katastrophal negativer Wertschöpfung ausschließlich der Brauchtumspflege dient, lebt neben der Realität.

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