Angst vor der Couch

27.11.2006 | Ulrich Sollmann

Im Wahlkampf zählt zu 86 Prozent die Persönlichkeit der Politiker, die Sachkompetenz nur zu 14 Prozent. Circa zwei Millionen Wähler haben, so Forsa-Chef Manfred Güllner, nach dem TV-Duell 2005 zurück zur SPD gefunden – wegen der starken Persönlichkeit Gerhard Schröders.

Die Wähler entscheiden sich primär für Personen, denen sie Führungskompetenz zutrauen und die glaubwürdig wirken. Bis dato aber scheut sich die Politik, ganz anders als zum Beispiel die Wirtschaft, mit psychologischer Beratung zu punkten.

Politiker sind eben auch nur Menschen

Menschen suchen nach Möglichkeiten, sich selbst gut zu finden und die Bestätigung ihrer Umwelt zu erhaschen – auch Politiker. Sie tun dies durch ein politisches Programm. Das verfechten sie durch Gegnerschaft, jonglieren mit ihrer persönlichen Ausstrahlung, politischem Kalkül und mit Schauspielerei. Auf die psychologischen Aspekte der Personifizierung jedoch, so die einhellige Meinung von psychologischen Experten, sind Politiker nicht genügend vorbereitet. Viele haben sogar Angst vor psychologischer Beratung. Angst vor dem psychologischen Feedback, dass die persönlichen Stärken und Schwächen offenbart. Und Angst vor der Reaktion, wenn das einer mitkriegt. Angenommen die Regierung zöge wirklich einen psychologischen Berater zur Hilfe, um die Große Koalition zu unterstützen. Irrationale Konfliktanteile gib es ja auch hier. Denn Emotionen sind auch in der Politik immer mit im Spiel. Es gäbe einen Aufschrei in der Republik: „Merkel und Münte – auf die Couch“, „mein Gott, so’n Psychogelaber“ oder „die haben es aber nötig“.

Viele Politiker haben gerade deshalb Angst vor der psychologischen Beratung, weil sie Angst haben, von den Medien zerrissen zu werden. Durch die Botschaft „das haben wir gar nicht nötig“ reagieren sie nur kontraphobisch: Sie gestehen sich ihre Angst nicht ein, sie wehren sie ab. Warum ist die psychologische Beratung so ein Tabu? Viele Politiker verwechseln sie einfach mit psychotherapeutischer Behandlung. Die es ja nun weiß Gott nicht ist.

Medien als die allwissenden Tugendwächter

Politik tut gut daran, sich auch für die psychologische Beratung zu öffnen. Denn sie bietet Mittel und Wege, um sich gegen den pharisäerhaften Narzissmus in der Gesellschaft zur Wehr zu setzen. Zeigt doch gerade diese Gesellschaft mit dem Medienfinger auf die Politiker wie Joschka Fischer, Oskar Lafontaine und Friedrich Merz, um sich die eigene Überlegenheit darin zu bestätigen, dass man eben diese Politiker ‚Narzissten‘ nennt. Gesellschaft und Medien spielen hier 2006 durch die Rolle des (allwissenden) Tugendwächters, der im Nachweis fremder Eitelkeit, die eigene befriedigt.

Rechtspopulisten nutzen ihr Naturtalent

Psychologische Beratung hilft auch, unterschiedliche Grade sowie Formen von Wahrnehmungsfähigkeit, Beeinflussbarkeit und Bereitschaft in der Gesellschaft zu erkennen, zu verstehen sowie politisch und persönlich angemessen hierauf zu reagieren. Sie gewährt tiefe Einblicke in die Mechanismen von gesellschaftlichen Projektionen auf Politik. Sie entschlüsselt Wahlverhalten auch als Identifikation mit dem Spitzenpolitiker. Sie ermöglicht als subtile Geheimwaffe aber auch die gezielte Ausnutzung dieser Projektionen im Sinne von rechtspopulistischem Selbst-Marketing. Denn nicht nur Politiker wie Tony Blair, Gerhard Schröder, George Bush, sondern auch Rechtspopulisten wie Silvio Berlusconi, Karl-Heinz Grasser und Jörg Haider nutzen ihr „Naturtalent“ zum Erfolg.

Politiker werden heute oft daran gemessen, ob sie die eigenen Wünsche erfüllen, die man an den Politiker hat, und ob man zu ihnen Vertrauen entwickeln könnte. Politik muss hierauf reagieren. Politik darf die Inszenierung der Politiker als Person nicht den Medien überlassen. Statt wie die Linke wahr zu sein und von den Sachen zu sprechen oder wie die Rechte falsch zu sein und zu den Menschen zu reden, muss Politik sich heute zur virtuell anfassbaren Politik wandeln: „Den kenn ich doch. Den wähl ich jetzt.“

Artikel erschienen in der Zeitschrift Politik und Kommunikation (www.helios-media.de)

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