Am Vorabend unserer Zukunft

02.07.2008 | Andreas Eschbach

"Bis zum Jahr 2000 geht das Öl aus!" Diese Voraussage begleitet mich seit der Kindheit. Wie viele Voraussagen stimmte auch sie nicht. Tatsächlich wird das Öl nie "ausgehen". Rohöl ist keine Tierart, die mit dem letzten Exemplar ausstirbt. Rohöl ist eine Flüssigkeit, die sich mancherorts im Boden gesammelt hat und schwer herauszuholen ist. Egal wie man sich beim Fördern anstrengt, einige Tropfen werden immer übrig bleiben.

Bloß dass unsere Zivilisation mit Tropfen von Öl nicht auskommt. Sie braucht reißende Ströme davon, Millionen Barrel pro Tag. Ein Niagarafall aus Rohöl ergießt sich in die Kraftwerke und Maschinen, ohne die wir nichts zu essen hätten, uns nicht fortbewegen könnten und nachts frierend im Dunkeln säßen.

"Wird es 2023 nur noch halb so viel Öl geben wie heute?"

Und die Quellen, aus denen sich dieser Niagarafall speist, versiegen. Das bestreiten nicht einmal Mineralölfirmen: Seit 1980 wird jedes Jahr mehr Öl verbraucht, als man neu entdeckt. Ja, ab und zu findet man ein neues Ölfeld. So ab einer Milliarde Barrel ist das eine Zeitungsmeldung wert. Bloß: Eine Milliarde Barrel entspricht dem globalen Verbrauch von kaum 14 Tagen.

So lässt mich mein Roman "Ausgebrannt" nicht los. Immer noch habe ich einen Ordner, in dem ich entsprechende Informationen sammle: dass im Mai 2005 die weltweite Tagesförderung an Rohöl 74,3 Millionen Barrel betrug und dass dieser Wert seither nicht wieder erreicht worden ist. Dass bereits Förderländer ihre Exporte drosseln, weil sie das Öl selber brauchen. Dass ein amerikanisches Institut mit einem Rückgang der Förderquote um 4,5 Prozent pro Jahr rechnet. Das klingt harmlos. Aber rechnen Sie mal weiter: Wenn etwas mit 4,5 Prozent pro Jahr abnimmt, ist nach 15 Jahren nur noch die Hälfte da! Wir schreiben 2008: Das hieße, dass 2023 nur noch halb so viel Öl zur Verfügung stünde wie heute! Zu Preisen, die wir uns gar nicht vorstellen wollen.

Sparen ist gut, aber keine Lösung. Von "Ausgebrannt" wird oft gesagt, ich riefe mit diesem Roman dazu auf, sparsamer mit dem Öl umzugehen. Das ist ein Missverständnis. Natürlich ist sparsamer Umgang mit Ressourcen immer gut – aber in diesem Fall keine Lösung. Ein endlicher Vorrat wird, egal wie sparsam man ihn verbraucht, unweigerlich irgendwann erschöpft sein. Durch Sparen können wir Zeit gewinnen. Aber die müssen wir auch nutzen! Denn wir stehen vor der Aufgabe, nicht mehr und nicht weniger als unsere gesamte technische Zivilisation umzubauen. Die spontane Reaktion vieler ist: "Na, dann müssen wir halt doch Atomkraftwerke bauen." Doch genau vor solchen spontanen Reaktionen sollten wir uns hüten. Nicht nur dass auch die Vorräte an Uran endlich sind, die Abfallprodukte werden Lasten für Jahrtausende sein. Auch "einfach" auf Biosprit umzusteigen ist keine Lösung, wenn der Preis dafür ist, dass Menschen anderswo verhungern müssen, damit wir Auto fahren können. Was bleibt dann?

Erfindungsgeist ist gefragt. Und dass wir den Blick heben. Was sehen wir, wenn wir unseren Heimatplaneten vom All aus betrachten? Eine blauweiße Sphäre, die ein loderndes Zentralgestirn umkreist, einen gewaltigen, unauslöschlichen Glutofen, vor dem sie sich ausmacht wie ein Tischtennisball vor dem Bug eines brennenden Jumbo-Jets. Unsere Sonne verströmt unablässig mehr Energie, als wir verbrauchen können. Sie tut es seit Jahrmilliarden, und sie wird es weitere Jahrmilliarden lang tun. Wenn es uns gelingt, auch nur einen winzigen Teil dieser Energie einzufangen und zu nutzen, haben wir das Energieproblem für alle Zeiten gelöst.

"Die Sonne verströmt mehr Energie, als wir verbrauchen können"

Das Zeitalter des billigen Öls endet. Aber war es denn billig? Bis in die Sechzigerjahre zahlte man für ein Barrel Rohöl gerade mal zwei Dollar. Klingt nach "billig". Aber darüber hinaus zahlte man mit Kriegen, Blut, Abhängigkeit und Krisen. Und sollten wir durch das sorglose Verbrennen fossiler Brennstoffe tatsächlich das globale Klima verändert haben, werden wir nachträglich noch einmal teuer zahlen müssen für das vermeintlich so billige Öl. Jetzt haben wir die Chance, unsere Zivilisation umzurüsten auf wirklich billige Energien – auf solche, deren Einsatz keine Katastrophen für unsere Kinder und Enkel programmiert. Dazu müssen wir Weichen stellen, und wir sollten es jetzt tun. Zu früh ist es nie. Aber wenn wir warten, könnte es eines Tages zu spät sein.

Quelle: ADAC e.V.

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