Alles Hartz oder was?

08.09.2004 | Christine Ax

Lieber Herr Lafontaine. Da ich ihren Auftritt bei der Montagsdemonstration sah, fiel mir ein, dass gerade Sie an unserer heutigen Misere wirklich keine Schuld tragen. Schließlich waren Sie damals der Einzige, der auf die ökonomischen Risiken hingewiesen hat. Damals, als alle noch die Wahl hatten.

Die Demonstranten, mit denen Sie sich jetzt in Leipzig verbrüdern, hatten jedoch zu diesem Zeitpunkt kein Verständnis und sie entschieden sich für Bananen, Neckermann, Feinkost Albrecht und Dr. Helmut Kohl.

Vielleicht sollten Sie bei nächster Gelegenheit in Leipzig einmal Folgendes in Ihre Rede einfließen lassen:

"Ihr wolltet Bananen? Jetzt habt Ihr Bananen. Dass die Jobs weg sind, das war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit doch zu erwarten gewesen. Oder was glaubt Ihr denn, warum wir in Europa vor der Integration eines neuen Landes, immer erst einmal eine zehnjährige Übergangsphase für notwendig hielten? Und bevor Ihr auf die Straße geht, solltet Ihr bedenken, dass das tiefe Tal der Tränen, durch das wir jetzt alle gemeinsam hindurch müssen, rein finanztechnisch ein Ergebnis der Wiedervereinigung und des demographischen Wandels ist. Kurzum. Ihr und Wir haben ein Problem aber wir waren und wir sind auch das Problem. Schlagt Euch daher auch an Eure eigene Brust und hört auf zu jammern. Und außerdem solltet Ihr Euch bei Euren Brüdern und Schwestern im Weste bedanken statt immer nur auf sie zu schimpfen. 1,2 Billionen Euro wurden in den neuen Bundesländern an Fördermaßnahmen bereits versenkt? Was macht Ihr denn jetzt mit all den sinnlos erschlossenen Gewerbegebieten? Was machen wir mit den feinen, hochglanzpolierten Innenstädten und Dörfern, in denen keine Freude aufkommt und in denen keiner leben möchte. Und glaubt Ihr ernsthaft, dass weitere Milliarden das Grundproblem lösen würden? Und, na klar. Ihr könnt auch eine Revolution machen! Kein Problem damit. Aber dann bitte hurtig! Schafft die Marktwirtschaft einfach wieder ab. Macht die Grenzen zu. Macht was Ihr wollt. Mit oder ohne Bananen. Aber Bitte! Hindert uns nicht daran, jetzt so schnell wie notwendig das zu tun, was getan werden muss. Und bedenkt: Je länger wir warten und je halbherziger wir es angehen, desto länger wird die Misere anhalten."

Deutschland jammert über Hartz IV und jagt nahezu täglich eine andere "Sorgensau" durchs Dorf. Deutschland begibt sich in die Regression und verhält sich wie ein elternloses Kind.

Ein Phänomen, das tiefenpsychologisch verständlich ist. Unser altes Bild von Vater Staat wird unter lautem Geschrei zu Grabe getragen. Vater Staat, wie unsere Obrigkeit bisher so liebevoll und zärtlich genannt wurde, ist nämlich auf Generationen überschuldet und - weit schlimmer noch - er ist einfach völlig machtlos.

Er kann uns - seinen Kindern - jetzt leider nicht mehr alle Lebensrisiken abnehmen und er kann nur wenig daran ändern, dass wir uns dem rauen Wind des Europäischen- und des Weltmarktes stellen müssen. Stellen dürfen?

Nein!

Von nun an müssen wir mit sehr viel weniger Papa auskommen - mit weniger Fürsorge und mehr Eigensorge. Mit weniger Fernreisen, weniger Benzin und weniger Schnickschnack. Aus der Traum vom ewigen Wachstum und der Gehaltserhöhung und dem Kündigungsschutz und der Rente als Naturrecht.

Basta cosi. Aus die Maus.

Aber ist ja auch ne Chance!?!

Aber ist ja auch ne Chance!?!

Lasst es uns so machen, wie es unsere Kinder tun, wenn sie das elterliche Haus verlassen. Sie nehmen ihr Leben selber in Hand. Allein oder mit anderen. Sie strengen sich an, um ihre Ziele zu erreichen oder sich passen sich an und ändern ihre Pläne. Sie werden kreativ und innovativ. Sie entdecken ihre eigenen Kräfte und ihre Möglichkeiten. Sie sind neugierig und sie kämpfen für sich und um Lebenschancen. Sie bewegen sich. Sie werden erwachsen.

Schauen wir den Realitäten ins Auge: Was wird geschehen? Wir alle werden, wenn der Umbau gelingt, mehr Eigenvorsorge betreiben müssen - aber vielleicht wird die Bedeutung von Gemeinschaft und Familie dann wachsen? Und vielleicht werden wir lernen, nachhaltiger mit uns selber und anderen umzugehen.

Möglicherweise werden die Einkommen stagnieren oder sinken. Aber nun mal ehrlich ... Wenn wir ein bisschen weniger in der Welt herumreisen, ist das so schlimm? Lasst uns die schönen alten Städte und die wahrlich blühenden Landschaften und Kulturstätten, die wir uns in Neufünfland geschenkt haben, genießen.

Es muss nicht immer "mehr" sein, es könnte zur Abwechslung einmal "anders" sein.

Das Glück liegt in uns oder in bestehenden oder künftigen Gemeinschaften die wir gründen, leben und mit Sinn erfüllen. Glück statt wachsendem Einkommen. Glück als Gemeinschaftsaufgabe. Das wäre doch was! Dafür nehmt die Milliarden!

Klar muss Solidarität sein. Und Anpassung darf nicht nur den Ärmsten abverlangt werden. Vielleicht - nein mit Sicherheit - müssen auch die Mieten sinken und nicht nur die Einkommen. Und sicher müssen auch die Banken ihre Haltung ändern und verstehen, dass sie mit ihrer mittelstandfeindlichen Geschäftspolitik derzeit dabei sind, den Ast abzusägen, auf dem wir alle sitzen.

Dass die Reichen etwas abgeben könnten, das mag ganz sicher der Fall sein. Doch genauso lieb wäre es mir, sie - und nicht nur sie - würden mehr Geld in Deutschland ausgeben für Produkte, Luxus, Wellness, Urlaub und Dienstleistungen "Made in Germany".

Was wir gut gebrauchen könnten, wäre auch ein bisschen mehr Einsicht der weniger begüterten, in die Tatsache, dass sie mit jeder Kaufentscheidung darüber mitentscheiden, ob sie selber oder ihr Nachbar Arbeit finden oder nicht. Deutschland ist als Produktionsstandort sehr viel attraktiver, als viele denken. Und diese Erkenntnis kann und muss wachsen.

Wir brauchen nachhaltige Strukturen und den Mut Visionen in Gestalt von Produkten und Innovationen in die Welt zu bringen. Die Notwendigkeit, in Zukunft ressourceneffizient zu wirtschaften ist etwas, das die ganze Welt verändern wird. Und wir hätten die Chance, in diesen neuen Märkten eine Führungsrolle zu übernehmen. Wir brauchen regionale und globale Visionen für ein Leben im Einklang mit der Natur und für nachhaltige Produkte und ihren nachhaltigen Gebrauch. Deutschland könnte der Welt mehr geben, als es sich die oft inhaltsleere Ingenieurwissenschaft vorstellen kann.

Kurzum: Wie sagt Janosch so schön?

Mut braucht man, Ihr Hasenkinder!

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Gesellschaftspolitik | Christine Ax | weiterempfehlen →