Acht Mal Fortschritt

07.08.2008 | Werner Mittelstaedt

Das Prinzip Fortschritt und ein skizzenhaftes Plädoyer für ein nachhaltiges Fortschrittsmuster

I.

Viel mehr Menschen, ob in führenden gesellschaftlichen Positionen oder "ganz normale Bürger", sollten sich über folgende Fragen, die für die Lebensbedingungen in näherer und fernerer Zukunft dringend beantwortet werden müssen, mehr Gedanken machen: Werden die bestehenden Strukturen der Globalisierung den Trend verstärken, dass die gesellschaftlichen Beziehungsmuster und Bindungskräfte weiterhin erodieren?

Leben wir in einer individualisierten oder doch in einer primär konformistischen Gesellschaft, die den Individualismus zwar als neue Möglichkeit der Freiheit und des Fortschritts für die Menschen suggeriert, der jedoch eigentlich nicht existiert? Haben nicht die Länder des Südens auch ein Recht auf Entwicklung nach dem Vorbild des Nordens? Welche Rolle spielen Wissenschaft und Technik für den Fortschritt? Nimmt die Gefahr von Handelskriegen und Kriegen um Ressourcen zu? Was kommt nach der Globalisierung? Wo gibt es Fortschritte, wo Rückschritte vor dem Hintergrund dominierender Wert- und Handlungsmuster, die den Fortschritt primär aus materiellen Orientierungen, großen Ökonomisierungszwängen und wissenschaftlich-technischen Innovationen ableiten?

Wurde der Kampf der Menschen für das Prinzip Fortschritt aufgegeben? Ist er nur noch ein Mythos? Wenn ja, gibt es keine gesellschaftlichen Visionen und Utopien mehr für die sich die Menschen engagieren?

Die Menschen in den Industriegesellschaften des Nordens, die für nahezu alle anderen Länder und Regionen der Welt – nicht zuletzt aufgrund der Massenmedien sowie der Globalisierung – prägend wirken, müssen sich die Frage gefallen lassen, wie sie angesichts der erdrückenden Probleme Fortschritt definieren. Genau genommen müssen die folgenden zwei Fragen für zwei Fortschrittsdefinitionen gestellt werden.

Die erste betrifft die Fortschrittsdefinition für den materiellen Bereich:

Wie kann Fortschritt, in Form der prinzipiell unausweichlich notwendigen Ausrichtung der Lebensstile der Menschen auf das Ziel zukunftsfähiger Gesellschaften (nachhaltige Entwicklung) bei erheblicher Verbesserung der Lebensbedingungen eines großen Teils der Weltbevölkerung in den armen Ländern des Südens und Ostens erzielt werden, der die materielle und biologische Begrenztheit unserer Erde anerkennt und dementsprechend alle wirtschaftlichen und individuellen Aktivitäten diesem Ziel unterordnet? Die Frage vereinfacht formuliert: Wie können alle Menschen ein materiell angemessenes Leben führen, ohne die Biosphäre der Erde zu zerstören?

Die zweite betrifft die Fortschrittsdefinition für die geistig-kulturellen Ebenen:

Wie kann Fortschritt zum Erhalt und zur Anreicherung der kulturellen Vielfalt erzielt werden und wie können die Ziele der Aufklärung und die des Humanismus weiterentwickelt werden?

Im Gegensatz zur materiellen und biologischen Begrenztheit unserer Erde unterliegen der kulturellen Vielfalt der Menschheit keine Grenzen, aber sie wird durch mannigfaltige Eingriffe des Menschen gefährdet und auch zerstört.

Für die Antworten dieser zwei Fragenkomplexe ist jeder Mensch verantwortlich. Seine Verantwortung steigt mit seinen Kenntnissen und seinem Einfluss auf die gesellschaftlichen Strukturen.

Kann die Beantwortung all dieser Fragen nicht auch zum Teil zur Lösung der Frage nach dem Lebenssinn beitragen? Liegt nicht auch ein Teil unseres Lebenssinns darin, individuell ein wenig zu einer besseren Welt beizutragen? Dazu einige Denkanstöße.

II.

Um den komplexen Herausforderungen unserer Zeit erfolgreich zu begegnen sollte gesellschaftlicher Fortschritt zum Prinzip, zur Ziel- und Richtschnur individuellen und gesellschaftlichen Handelns werden. Der einzelne Mensch und die Gesellschaften müssen viel mehr in einen an Humanismus und Zukunftsfähigkeit ausgerichteten Fortschritt investieren. Ein in diesem Sinne verstandenes Prinzip Fortschritt sollte der Inbegriff unserer Wert- und Handlungsmuster werden. Als das Prinzip Fortschritt bezeichne ich eine Denkweise, die erforderlich ist, um die besten Lösungen für eine Vielzahl schwieriger gesellschaftlicher Herausforderungen und Krisen zu finden. Sie orientiert sich an der Verantwortung des Einzelnen für die Verbesserung der Lebens- und Überlebensmöglichkeiten der menschlichen Zivilisation. Dafür müssten viele Wert- und Handlungsmuster geändert werden. Menschen dürfen nicht mehr auf ihren ökonomischen Nutzen reduziert werden, sondern sie müssen an der Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft teilhaben. Ein veränderter Fortschrittsbegriff, der eine gelingende Zukunft im Fokus hat, würde den meisten Menschen auch mehr Sinn vermitteln als unter der bestehenden Ausrichtung des Fortschritts, die den dringend notwendigen Ansprüchen der nachhaltigen Entwicklung nicht gerecht wird. Um dies zu erreichen, müssen viel mehr Menschen Verantwortung für die Gestaltung eines nachhaltigen Fortschrittsmusters übernehmen.

III.

Heinrich Heine schrieb: "Ich glaube an den Fortschritt. Ich glaube, die Menschheit ist zur Glückseligkeit bestimmt." Es darf bezweifelt werden, ob er diesen Optimismus hätte, würde er heute leben. Aber Heinrich Heine hat auf seine Weise das Ziel beschrieben, das wir mit dem Begriff Fortschritt verbinden: die Schaffung einer Welt mit besseren Lebensbedingungen für möglichst viele Menschen und mit wenigen oder gar keinen Sorgen um die Zukunft. Er war ein Kind seiner Zeit und von der Aufklärung und dem Fortschrittsgedanken fasziniert. In seinem Rückblick auf das Zeitalter der Aufklärung unterstrich der Philosoph Neil Postman diesen Optimismus: "Das achtzehnte Jahrhundert hat ihn [den Fortschrittsgedanken] erfunden, ihn weiterentwickelt und sich zu seinem Fürsprecher gemacht und damit gewaltige Ressourcen an Vitalität, Vertrauen und Hoffnung freigelegt" (1999, S. 45 – 46).

Seit dem Beginn der Aufklärung hat in der säkularisierten Welt des Westens kaum ein anderer Begriff als der des Fortschritts, mehr Hoffnungen auf eine bessere Zukunft, zugleich aber auch mehr Befürchtungen und Enttäuschungen hervorgerufen.

IV.

Weil gesellschaftlicher Fortschritt kontinuierlich Veränderungen erzeugt und mit ihm unzählige Erwartungshaltungen verbunden sind, ist er für uns ein nie endendes Thema. Bedingt durch die drastischen politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Umwälzungen seit den frühen 1990er-Jahren, die eng mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes und der rasant beschleunigten Globalisierung verbunden sind, drängt sich heute die Frage nach der Richtung des Fortschritts vehement auf. Das hat gute Gründe, denn sie ist seit vielen Jahren völlig unscharf, widersprüchlich und für viele Menschen gar nicht feststellbar. Dadurch werden uns die Perspektiven auf kommende Entwicklungen erschwert, zumal sich die Dynamik der weltweiten Veränderungen mit großer Wahrscheinlichkeit noch viele Jahre fortsetzen wird. Diese Umstände tragen wesentlich dazu bei, dass sich die Industriegesellschaften des Nordens mittlerweile in einer Orientierungskrise befinden. Der Soziologe Zygmunt Bauman zieht auf der Grundlage umfangreicher Untersuchungen über moderne Gesellschaften sogar das ernüchternde Fazit: "Wir treiben ohne Ziel dahin, suchen weder nach der guten Gesellschaft, noch wissen wir, was uns umtreibt" (2003, S. 158). Durch die Erfahrungen, die wir im täglichen Leben machen und bei nur oberflächlicher Auswertung der Informationen, die in unserer medienbestimmten Gesellschaft auf uns einwirken, muss es uns heute schwer fallen, diesen Thesen zu widersprechen.

Die Fortschrittsgläubigkeit, die lange Zeit die Denkweise der Menschen in den westlichen Industriegesellschaften beeinflusste, ist spätestens in den 1990er-Jahren in Ernüchterung, Skepsis und Verunsicherung gegenüber den allgemeinen Entwicklungstrends umgeschlagen. Sie gründete sich überwiegend auf die Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen durch das dominierende Fortschrittsmuster. Dieses basiert seit der ersten industriellen Revolution im Wesentlichen auf fortwährendes Wirtschaftswachstum und den Errungenschaften aus Wissenschaft und Technik. Dafür benötigt es kapitalistische Strukturen, den freien Wettbewerb, das Konkurrenzprinzip und Regierungen, die dafür die erforderlichen Rahmenbedingungen und gesetzlichen Regelungen aufrecht halten und sie im Sinne der Wirtschaft und Wissenschaft unterstützen. Dabei sollen Wissenschaft und Technik nicht nur alle möglichen auftretenden Probleme innerhalb dieses Fortschrittsmusters lösen, die beispielsweise für Mensch und Umwelt entstehen, sie sollen zudem kontinuierlich zur Steigerung des Wirtschaftswachstums durch die von ihr produzierten Innovationen beitragen. In diesem Sinne hören wir seit vielen Jahrzehnten immer wieder die gleiche Floskel von führenden Politikern und Wirtschaftsexperten, die vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Probleme etwa sagen: Wenn möglichst viel auf der Grundlage stetigen Wirtschaftswachstums erwirtschaftet wird, kann auch mehr verteilt, die Arbeitslosenquote gesenkt, das Bildungs- und Gesundheitswesen verbessert und insgesamt der gesellschaftliche Fortschritt vorangetrieben werden.

Den Menschen wurde den letzten Jahren immer bewusster, dass dieses durch Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zum Maß aller Dinge hochstilisierte Fortschrittsmuster schon sehr lange seine Versprechen nicht mehr einlöst. Obwohl die Fortschrittsgläubigkeit vergangener Zeiten nicht mehr vorhanden ist, hält dennoch der größte Teil der Menschen an der Hoffnung und dem Glauben fest, dass die Welt überwiegend nur durch das bestehende Fortschrittsmuster verbessert werden könne. Nur mit ihm sind wir in der Lage, so die noch immer allgemein verbreitete Überzeugung, dass möglichst vielen Menschen ein Leben mit besserer Qualität ermöglicht werden könne und sich mehr Wohlstand rund um den Erdball gerechter verteilen ließe. Weil wir es zu sehr in den Mittelpunkt unserer Aktivitäten stellen, hat es zugleich die Initiativen zur Förderung der großen Fortschrittsideen der Aufklärung und des Humanismus, die bislang unzureichend realisiert wurden, in den Hintergrund gedrängt. Ebenso wird durch die einseitige Fokussierung der Gesellschaft auf dieses Fortschrittsmuster die vielstimmige und berechtigte Kritik an ihm bis heute nicht angemessen gesellschaftlich und politisch gewürdigt.

Die Überzeugung, dass fast nur Wirtschaftswachstum im Zusammenspiel mit der Produktion wissenschaftlich-technischer Innovationen den gesellschaftlichen Fortschritt garantiert, hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts regelrecht zu einem Mythos entwickelt. Zunächst in den westlichen Industriegesellschaften und seit den späten 1950er-Jahren hat er nach und nach fast alle Länder und Kulturen der Welt erfasst. Dieser Mythos ist so stark, dass er in den meisten Ländern viel stärkeren Einfluss auf die Menschen ausübt als etwa traditionelle Religionen. Dass trotz aller Enttäuschungen an ihm festgehalten wird, ist hochgradig ambivalent und hat auch damit etwas zu tun, dass wir gemeinhin die Meinung vertreten, zum bestehenden Fortschrittsmuster gäbe es keine wirklichen Alternativen. Dieses Festhalten muss aufgegeben werden – das Prinzip Fortschritt, das der Gestaltung eines nachhaltigen Fortschrittsmuster dient, muss unsere Interessen leiten.

V.

Müssen wir uns nicht vor dem Hintergrund der großen Herausforderungen fragen, was wir als einzelne Individuen für den Fortschritt, also für eine Verbesserung der allgemeinen Lebens- und Überlebensbedingungen beitragen können? Vor den mehr oder weniger wahrgenommenen Grenzen des materiellen Wachstums, der großen Gefährdungen der menschlichen Zivilisation durch die globale Erderwärmung (Klimawandel), der fortschreitenden Zerstörung der ökologischen Lebensgrundlagen durch den Menschen und der zu lange von den Gesellschaften des Nordens vernachlässigten Ernährungskrise in vielen Ländern des Südens und Ostens, um nur einige markante Bereiche mit eklatanten Fortschrittsdefiziten anzuführen, sollte sich jeder diese Frage stellen. Aber dafür müsste ein neues Fortschrittsverständnis entwickelt werden, dass sich dem Ziel des Aufbaus eines nachhaltigen Fortschrittsmusters verpflichtet fühlt. Dieses nachhaltige Fortschrittsmuster sollte weitestgehend im Sinne des Begriffes "sustainable development" (Leitbild der nachhaltigen Entwicklung) und des Grundsatzes 3 der Rio-Deklaration realisiert werden. Darin steht: "Das Recht auf Entwicklung muss so erfüllt werden, dass den Entwicklungs- und Umweltbedürfnissen heutiger und künftiger Generationen in gerechter Weise entsprochen wird." (UNCED 1992). Jeder Einzelne und die Gesellschaften sollten erkennen, dass zur Bewahrung der Lebens- und Überlebensfähigkeit ein völlig anderes Verständnis für die gesellschaftlichen Zielvorstellungen notwendig ist. Notwendigerweise werden dadurch auch die persönlichen Zielvorstellungen betroffen sein. Ein neues Fortschrittsverständnis, das dem Prinzip Fortschritt die höchste Priorität zuordnet, muss so gestaltet werden, dass es auf breitester Basis konsensfähig ist. Dafür ist grundlegendes Wissen über das, was den Fortschritt prägt, wie er sein könnte und welche Prioritäten für ihn gesetzt werden müssen, unabdingbar.

VI.

Ich glaube, dass wir – um mit Theodor W. Adorno zu sprechen – im Idealfall aus dem Bann des bestehenden Fortschritts heraustreten müssen. Wir müssen uns aus ihm durch ein neuartiges, nachhaltiges und lebensfreundliches Fortschrittsmuster befreien. Es muss Wert- und Handlungsmuster für sämtliche gesellschaftlichen Institutionen und für jeden einzelnen Menschen beinhalten, die dazu beitragen, die großen Herausforderungen unserer Epoche so anzugehen, dass sie zur Reduzierung von Krisen und Katastrophen der globalen Zivilisation beitragen. Sie sollen darüber hinaus zukunftsfähige Lebensstile fördern helfen. Bestehende zivilisatorische Errungenschaften aus Wissenschaft und Technik (insbesondere Infrastrukturen, Medizin, Kommunikation) sollten unter vollständiger Berücksichtigung kultureller und religiöser Unterschiedlichkeiten auch denen zugutekommen, die sie zum Leben und Überleben dringend benötigen. Der Schutz, die gesellschaftliche Akzeptanz und Integration von Minderheiten und die Vielfältigkeit von Menschen (Homosexuelle, Behinderte, Menschen unterschiedlicher Ethnien und Hautfarbe u. v. a. m.) und damit die Sicherstellung und Förderung der Vielfalt des Menschlichen sollte als Fortschrittsziel einen ganz hohen Stellenwert bekommen (vgl. auch Rorty 2003). Dementsprechend sollte auch der Multikulturalismus in den Ländern des Nordens verbessert und als Fortschrittsziel viel mehr Beachtung finden (vgl. auch Kymlicka 2000).

Nachhaltig im Kontext eines Fortschrittsmusters bedeutet zudem, Fortschritt dauerhaft zu ermöglichen. Das heißt, dass erzielte Fortschritte, die beispielsweise durch Effizienzsteigerungen oder allgemeine Verhaltensänderungen auf einer anderen Seite nicht wieder egalisiert werden. Dabei steht der Wert einer gelingenden Zukunft im Fokus, der nicht durch kurzfristige partikulare Interessen gefährdet werden darf.

Die Verbesserung der Lebensqualität und des Glücks der Menschen wird seit dem frühen 20. Jahrhundert weitgehend mit der Steigerung des materiellen Lebensstandards verbunden. Immer größer, weiter, schneller, höher und mehr gilt in der Massenkultur der Länder des Nordens als erfolgreich, erstrebenswert und auch als sexy, während die Ethik des "Small is Beautiful" (Ernst Friedrich Schumacher 1973) in den allgemeinen Wert- und Handlungsmustern der Menschen einen viel geringeren Stellenwert einnimmt. Wir benötigen dringend und zeitnah eine Abkehr von diesem Steigerungsdenken – Selbstbegrenzung und die individuelle Förderung nachhaltiger Lebensstile sind für eine gelingende Zukunft unabdingbar. Allen Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen, ohne die Biosphäre zu zerstören und die begrenzten natürlichen Ressourcen zu plündern und ohne Menschenmassen auszubeuten muss angestrebt werden. Unsere "kollektive Intelligenz" ist herausgefordert, um dieses Ziel zu erreichen. Sie kann sich nur entfalten, wenn sich eine entsprechende Zukunftsethik entwickelt, die das eigene und gesellschaftliche Handeln nicht auf die Gegenwart beschränkt, sondern auf die Zukunft ausweitet und die Schwachen, Leidenden und am Rande der Gesellschaften lebenden Menschen einbezieht.

Viele Antworten, wie dies zu realisieren ist, sind vorhanden, aber werden zu zaghaft umgesetzt, letztendlich weil wir in Wert- und Handlungsmuster verharren, die das dominierende Fortschrittsmuster nicht grundsätzlich ändern. Das sind einige Aspekte für das Prinzip Fortschritt. Es kann sich auf der gesellschaftlichen Ebene am besten realisieren, wenn sich möglichst viele Menschen daran beteiligen.

Die dafür notwendigen Korrekturen in den Wert- und Handlungsmustern können aber auch individuell, also auf der Mikroebene jedes einzelnen Menschen als neuer Lebensstil verwirklicht werden. Niemand sollte darauf warten oder kann sich darauf verlassen, dass sich ein nachhaltiges Fortschrittsmuster von selbst einstellt oder durch gesellschaftliche Institutionen quasi ausgerufen wird. Für dieses Fortschrittsmuster, für das es keine Alternativen gibt, wurde von mir das Adjektiv nachhaltig ganz bewusst gewählt, weil Nachhaltigkeit das Paradigma bildet, um insbesondere die Ziele, die durch den Begriff nachhaltige Entwicklung bekannt wurden, die aber nur sehr langsam vorankommen, voranzutreiben. Sie sind von außerordentlicher Bedeutung, um die negativen Trends und katastrophalen Entwicklungen, von denen rund drei Viertel aller Menschen der Welt betroffen sind, in eine zukunftsfähige Richtung umzulenken. Fortschritt kann nämlich nur stattfinden, wenn möglichst alle Menschen über ein Lebensniveau mit zufriedenstellenden Gestaltungsspielräumen und Zukunftsperspektiven verfügen.

VII.

Menschen, die nach dem Prinzip Fortschritt werten und handeln, reichern ihr Leben mit Sinn an – sie verbinden es bestmöglich mit der Einheit des Lebens. Damit stellen sie ihr Leben ganz persönlich in einen größeren Kontext, der in sich sinnvoll und nicht vom Denken und Handeln anderer abhängig ist. Sie erliegen nicht dem "Totschlagsargument", dass sich erst andere oder gar die Gesellschaft ändern müssen, bevor sie nach dem Prinzip Fortschritt handeln, dass sie zumindest an die Einheit des Lebens annähert oder sie bestenfalls mit ihr verbindet. Sie wissen, dass gesellschaftlicher Fortschritt nicht mehr die Attribute beinhalten darf, die zur globalen Krise führten. Sie wissen auch, dass sie, weil sie im noch dominierenden Fortschrittsmuster eingebunden sind, vieles überhaupt nicht leisten können und sehr viel nach wie vor falsch machen, was für ein nachhaltiges Fortschrittsmuster notwendig wäre. Aber sie haben erkannt, dass für eine Zukunft, die gelingen soll, nicht Expansion, sondern Begrenzung, nicht Nationalismus, sondern Weltbürgertum, nicht Patriotismus, sondern Weltbewusstsein, nicht Dogmatismus, sondern Freiheit im Denken, nicht Trennendes, sondern Verbindendes, nicht Quantität, sondern Qualität erforderlich sind. Schließlich lehnen sie die Mythen ab, die das dominierende Fortschrittsmuster erzeugte und pflegt. Sie wissen, dass sie selbst zu einem Teil der Lösung der bestehenden globalen Krise werden müssen.

VIII.

Diesem wichtigen Thema widmet sich mein soeben erschienenes Buch "Das Prinzip Fortschritt. Ein neues Verständnis für die Herausforderungen unserer Zeit" (Verlagsgruppe Peter Lang, Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2008, 201 Seiten, ISBN: 978-3-631-57527-7, broschiert, € 19.80). Es stellt sich den in diesem Essay aufgeworfenen Fragen und beinhaltet folgende Thesen: Die modernen Gesellschaften des Nordens müssen dringend ein neues Fortschrittsmuster aufbauen. Das Bestehende wird uns in absehbarer Zeit in große Krisen stürzen. Dafür aktualisiere ich die Forderung von Hans Jonas nach einem erweiterten kategorischen Imperativ, der die Maxime des eigenen Handelns nicht auf das Hier und Jetzt beschränkt, sondern auf die Zukunft ausweitet. Im Vordergrund steht die Betrachtung des sozialen, gesellschaftlichen Fortschritts und die daraus resultierenden Probleme. Für den Aufbau eines nachhaltigen Fortschrittsmusters werden politische, soziale, wirtschaftliche und philosophische Möglichkeiten und Innovationen angeführt. Darüber hinaus werden zahlreiche Wert- und Handlungsmuster beschrieben, die dazu beitragen, das Prinzip Fortschritt zu verwirklichen. Die wichtigste These des Buches ist der Ruf nach einer zweiten Aufklärung. Das Sapere aude! wird vor dem Hintergrund einer "kollektiven Unmündigkeit", die aus der Abhängigkeit unseres Gesellschaftssystems von wenigen Personen und Institutionen resultiert, neu interpretiert.

Dabei werden sorgfältig recherchierte Daten, Fakten und Trends anschaulich miteinander verwoben und zu einem unsere Zeit wiedergebenden Bild entfaltet.

Literaturachweise

Bauman, Zygmunt (2003): Flüchtige Moderne. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Kymlicka, Will (2000): Multikulturalismus und Demokratie. Über Minderheiten in Staaten und Nationen. Frankfurt/Main: Edition Büchergilde.

Postman, Neil (1999): Die zweite Aufklärung. Vom 18. ins 21. Jahrhundert. Frankfurt/Main und Wien: Büchergilde Gutenberg.

Rorty, Richard (2003): Wahrheit und Fortschritt. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Schumacher, Ernst Friedrich (1973): Small is Beautiful. London: Blond & Briggs.

UNCED United Nations Conference on Environment and Development (1992): Rio-Declaration – Agenda 21, Rio de Janeiro.

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