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Ute Hélène von Reibnitz

Mut zu einer neuen Politik

09. September 2005


Politik wird immer langweiliger und verschwommener, seit alle Parteien die politische Mitte als das grösste und damit begehrenswerteste Wählerpotential entdeckt haben. Der unangenehme Nebeneffekt des Suchens nach der Mehrheit sind indifferente Aussagen, die nur ab und an von frechen, Medien aufweckenden Sprüchen durchbrochen werden, damit die Partei mal wieder ins Rampenlicht kommt, statt mit ihren Aussagen permanent in der grauen Bedeutungslosigkeit zu versinken.

Wen wundert da Politikverdrossenheit und Resignation, nicht nur bei den Kunden des Unterschichtenfernsehens, sondern auch bei intelligenten und politisch gebildeten Menschen.

Wo ist der Politiker oder die Partei, die Klartext reden und den Menschen nichts vormachen, sondern ihnen die Wahrheit sagen, sie aufklären über die tatsächliche Situation und ihnen in einer flammenden Philippika Opfer abverlangen. Das Wort Philippika ist kein Zufall: es geht zurück auf die Rede des Demosthenes gegen König Philipp von Mazedonien; das war motivierend und hat Kräfte mobilisiert. Wo aber sind die Politiker, die, statt auf Popularitätskurven zu schielen, sagen, was in schwierigen Zeiten gesagt und mehr noch getan werden muss?

Jeder Politiker wird natürlich jetzt antworten, dass es unmöglich sei, den Menschen draussen im Lande unangenehme Wahrheiten zu kommunizieren. Da bin ich überzeugt, dass sie die Menschen unterschätzen; die wissen doch eh schon, dass die Krise schlimmer ist, als sie von Politikern schöngefärbt wird.

Wie kann man Politik in allen Facetten richtig und wirkungsvoll kommunizieren? Dafür gibt es ein paar einfache Regeln:

Warum regt sich der normale Bürger über die Politik auf? Weil er den Eindruck hat, dass Politiker Wasser predigen, aber selbst Wein trinken.

Geh mit gutem Beispiel voran hiesse, dass Politiker Diätenreduzierung akzeptieren, um dem Sparappell, den sie an die Bürger richten, Nachdruck zu verleihen. Wir wissen alle, dass dies in der Masse keine grosse Wirkung bringt, aber hier geht es nicht um ökonomische Fakten, sondern um Psychologie, und die gehorcht anderen Gesetzen.

Nehmen wir einmal an, der nächste Bundeskanzler - wie immer er/sie auch heissen mag - richtet einen Sparappell an die Bürger und verkündet gleichzeitig, dass alle Minister und der Bundestag auf 20% ihrer Diäten verzichten werden. Das wäre doch ein neues Signal statt der immer gleichen, den Bürger verärgernden Aussage, dass der Bundestag als erstes seine Diäten erhöht hat - und das mit Zustimmung aller Parteien. Das ist dann in jeder Legislaturperiode der einzige Akt, wo der deutsche Bundestag über alle Parteigrenzen und -differenzen hinweg sich ausnahmslos mal einig war. Ein wirklich heroisch-patriotischer Akt, der die Bürger immer wieder begeistert!

Hieraus kann man ein einfaches Führungsprinzip ableiten: "verlange nie mehr von anderen, als du selbst bereit bist zu geben". Würde man dieses einfache, aber wirkungsvolle Prinzip anwenden, dann wären mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Die Politiker würden an Glaubwürdigkeit gewinnen, weil sie nicht nur reden, sondern das, was sie sagen, auch tun. Auf der anderen Seite ist ein gutes Vorbild immer noch das beste Führungsmodell. Das hat man schon bei charismatischen Persönlichkeiten gesehen wie Gandhi, Nelson Mandela und anderen. In der Wirtschaft ist "Führen durch Vorbild" auch bestens bekannt, wird aber nicht immer konsequent angewandt.

Ein weiteres Prinzip, das die Bürger andocken lässt, ist das Prinzip der Partizipation:
Liebe Politiker, schon mal davon gehört??

Partizipation oder Mitbestimmung hat in deutschen Unternehmen eine lange Tradition. Jüngste Beispiele zeigen, dass natürlich auch Mitbestimmungsmodelle missbraucht werden können, aber wenn man auf den Ursprung der Idee zurückgeht, dann ist das revolutionär gut. Was die Grundidee der Mitbestimmung oder moderner Partizipation genannt, angeht, so bedeutet dies, die Betroffenen zu Beteiligten zu machen und heute heisst das, Betroffene zu Gestaltern machen.

Warum sollte das, was in Unternehmen funktioniert, nicht auch in der Politik funktionieren??

Also liebe Politiker aufgepasst: es ist eigentlich ganz einfach und damit kann man sogar Wahlen gewinnen. Folgende Prinzipien sind zu beherzigen:

Als jemand, der sich professionell mit Zukünften und deren Alternativen auseinandersetzt, bin ich sicher, dass noch ein weiterer, ganz spannender Aspekt hinzukommt. Wie lange glauben Sie, liebe Politiker, dass die alten Paradigmen und Mechanismen des politischen Lebens noch halten werden?? Ich mache selten Prognosen, aber hier bekommen Sie eine: das alte System wird sich schneller verabschieden, als Sie sich das in ihren kühnsten Träumen ausdenken können.

Was heisst das konkret? Dass die Bürger via on-line-Demokratie direkt ins politische Geschehen eingreifen, gestalten und bestimmen werden. Dabei wird nicht jeder zu jedem Thema mitreden wollen, sondern jeder nur dort, wo er interessiert ist und sich offensichtlich auch Kompetenz erworben hat. Damit regelt sich das Problem der Überflutung und der Nicht- Machbarkeit von selbst auf natürliche Weise.

Wie wär's mit Vertrauen in die Kompetenz und politische Intelligenz des Bürgers? Das hervorragende Funktionieren von NGO's und sonstigen privaten Initiativen und Netzwerken beweist, dass die Bürger politisch und demokratisch intelligenter sind, als die Politik es ihnen zutraut. Und Sie, liebe Politiker, können davon nur profitieren: Die Bürger werden ihnen Lösungen, um die sie sonst furchtbar ringen und kämpfen müssen, auf dem Silbertablett präsentieren, die Sie dann nur noch im Parlament abzustimmen und in die gesetzliche Praxis zu überführen haben.

Also mehr Mut und Entrepreneurship auf dem politischen Parkett - es geht schliesslich um die Zukunft Deutschlands - und damit auch um Ihre eigene.


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Ute Hélène von Reibnitz

Ute Hélène von Reibnitz


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