Ideen haben die Eigenschaft, sich glaubwürdiger zu verbreiten, wenn sie von verschiedenen Seiten kommen.
23.12.2009 | Gesellschaftspolitik
Von Norbert Rost
Politik von morgen? Ist irgendwie konspirativ. Genau wie heute. Und doch anders. Peter Marwitz von konsumpf.de verwies in seinem Blog auf einige kritische Artikel zur Wirtschaftswissenschaft und schrieb mir:
Schön wäre es, wenn auch mal ein paar Politiker solche Gedanken in ihr Hirn und ihr tägliches Handeln lassen würden, aber danach sieht es momentan ja nicht aus - da wird immer nach dem Motto gehandelt "Erst mal weiterwurschteln, irgendwie wird es dann schon eine Lösung geben (und bis dahin bin ich sowieso nicht mehr im Amt)"
Aber wie kommt es eigentlich, daß bestimmte Gedanken ihren Weg zu den Politikern nicht finden? Es liegt nicht nur an den Berufspolitikern selbst! Es liegt auch daran, wie die Träger neuer Meme diese verbreiten. Es reicht nicht, seine Gedanken nur übers Internet in die Welt hinauszuschreien und zu hoffen, daß sie dadurch ihren Weg in die Institutionen und die dortigen Hirne von alleine finden. Nein - man muss sie hinbringen!
Politik von morgen heißt, die Methoden der Berufspolitik zu demokratisieren. Das heißt auch:
Konspiration für alle.
Populismus für alle.
Politik für alle.
Das Wort "Politik" bezieht sich auf die Polis, den Stadtstaat der Griechen. Hören die Hinterbänkler "Politik" denken sie zuerst an den Bundestag und übersehen zu leicht, daß man viele Einflussbereiche ausblendet, wenn man sich auf die 622 Abgeordneten konzentriert:
Das Image politischer Parteien in Deutschland hat grundlegend gelitten. Gehörten Mitte der 90er noch 6% der Bevölkerung einer Partei an, werden es Anfang 2010 nur noch 2% sein. Manche Ortsgruppen haben Mühe, überhaupt noch aktives Personal zu finden und sind froh über jeden, der sich und seine Ideen aktiv einbringt, selbst wenn das bedeutet, daß er den Laden übernimmt. So ist es eben: Wirksamkeit ist das Maß der Wahrheit. Auch der politischen...
Jede Fraktion ist eine Konspiration - "Verschwörungen" und Absprachen sind in der Politik nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Ideen haben die Eigenschaft, sich glaubwürdiger zu verbreiten, wenn sie von verschiedenen Seiten kommen. Ich nenne das die 3-Kontakt-Regel: Beim ersten Mal erscheint einem Neuling eine Idee noch seltsam und belächelbar, beim zweiten Mal wundert er sich, daß es tatsächlich 2 Leute auf dem Planeten gibt, die solche Gedanken mit sich herumtragen, beim dritten Male beginnt das (nicht völlig ausgeschaltete) Hirn sich zu fragen, ob an der gehörten Meinung nicht doch etwas dran sein könnte, wenn sie aus so vielen verschiedenen Richtungen kommt. Wer nicht gleich im Dreierpack in einer politischen Truppe auftaucht, muss sich eben Verbündete suchen - auch das ist normaler Politikbetrieb.
Doch ist es nicht nur die Anzahl an Sendern, die über den Erfolg eines Mindhacking entscheidet, sondern natürlich auch die Aufbereitung der Idee. Das Mem, in das eine Idee verpackt ist, kann unterschiedlich variiert werden. Beim einen Menschen bleibt dieser Aspekt kleben, den anderen überzeugt jene Darstellungsweise mehr. Wer glaubt, daß Texte vor allem dann überzeugend wirken, wenn sie vor allem lang sind, der unterschätzt die Lesefaulheit und überschätzt das Zeitbudget wichtiger Leute. Populismus auf Politiker anzuwenden - warum ist darauf eigentlich noch keiner gekommen?
Eines der großen gesellschaftlichen Probleme ist die Trennung zwischen "uns" und "den Politikern". Es lästert sich leicht von "draußen", wenn innerhalb des Machtbetriebes mal wieder Entscheidungen getroffen werden, die man mit gutem Grund als widersprüchlich erlebt. Doch ist es kein Wunder, wenn die Entscheider überwiegend aus einer bestimmten Art von Leuten bestehen - wenn sich Leute anderer Art konsequent von Politik fernhalten. Doch aus der Ferne entsteht keine Nähe, entsteht kein Vertrauen, finden sich keine Zugänge zu den Gehirnen. Wer will, daß sich Ideen verbreiten, sollte sich von der Tribüne auf das Spielfeld wagen!
Möge die Macht mit uns sein.
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