Es geht nicht um eine weitere fachliche Fortbildung, sondern darum, für die pädagogische Neudurchdringung der schulischen Praxis einen unschätzbaren Impuls zu setzen.
12.10.2010 | Bildungspolitik
Von Helga Müller
Ein aktuelles Problem der westlichen Kultur ist die Ausdifferenzierung des Wissens in Expertenwissen und die fehlende Kraft und Kompetenz zu seiner Reintegration und Synthese und damit zu einer integrierten Nutzung und Anwendung. Einiges deutet darauf hin, dass auch die jetzigen Schüler und Studenten, also die zukünftigen Experten, dafür in den derzeitigen Bildungsinstitutionen und -prozessen nicht oder nur unzureichend Kompetenzen entwickeln können.
Es ist daher zu befürchten, dass sich unsere Praxis – nicht nur in der Wirtschaft und Politik, sondern auch in der Bildung und in der Wissenschaft – immer mehr technokratisch verkürzt und für synthetisches Denken und kommunikative Verständigung über große Zusammenhänge zunehmend „undurchlässig“ wird.
In der Zukunftswerkstatt MARIPOSA sollen einflussreiche Menschen aus Wirtschaft und Politik zusammentreffen mit Wissenschaftlern, Querdenkern und Künstlern, um für eine begrenzte Zeit zu diskutieren, zu forschen, zu arbeiten und Kontakte zu pflegen, damit die Ergebnisse dieser Begegnungen anschließend auch an den jeweiligen institutionellen Wirkungsstätten positiv umgesetzt werden können. MARIPOSA geht auf Impulse der bildenden Kunst zurück und ist daher rein optisch sofort als Stätte ästhetischer Zielsetzungen erkennbar. Die Schönheit eines von Künstlern gestalteten Ortes beflügelt nicht nur die Empfindungen, sondern auch das Denken.
Der Erfolg der bisherigen Jugend-Mariposien, die Resonanz und Aufgeschlossenheit, das Verständnis und die eigenständige Verarbeitung, die die komplexe Thematik bei den Schülern gefunden hat, zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Deshalb scheint es sinnvoll und vielversprechend, nach Möglichkeiten und Wegen der Verallgemeinerung und Vervielfältigung unseres Ansatzes zu suchen und gemeinsam mit Lehrern verschiedener Schulen eine „Didaktik des Zusammenhangsdenkens und -wissens“ zu erarbeiten. Da unser Ansatz Philosophie und Anthropologie, natur- und geisteswissenschaftliche Theorien verbindet, sollten auch die teilnehmenden Lehrer und Lehrerinnen in diesen verschiedenen Bereichen unterrichten.
Die Didaktik eines solchen Seminars lässt sich nicht unabhängig von Inhalten entwickeln, „springt“ aber andererseits auch nicht einfach „aus diesen heraus“. Ausgewählte Lerneinheiten des Jugend-Mariposions - z.B. „Was ist Leben?“ - „Was ist Kognition?“ - „Was ist Kultur?“ - „Was ist westliche Kultur?“ werden vorgestellt und diskutiert. Dies mit dem Ziel, zu einer positiven Wende in der Didaktik an deutschen Schulen beizutragen und auf lange Sicht, die gewonnenen Erkenntnisse ins Curriculum der Lehrerausbildung einfließen zu lassen.
Lehrer-Mariposien sollen als ein neuer Typ von pädagogischer Fortbildung und Zukunftswerkstatt etabliert werden, - so wie ein Jugend-Mariposion eine völlig neue Art von Fördermaßnahme oder pädagogischem Projekt darstellt. Dabei geht es nicht um eine weitere fachliche Fortbildung, sondern hier wird für die pädagogische Neudurchdringung der schulischen Praxis ein unschätzbarer Impuls gesetzt, den vor den Lehrern bereits viele Schüler erfahren und damit die Bereicherung der schulischen Praxis aus ihrer persönlichen Sicht bewiesen haben. Während des Seminars:
Das Pilotprojekt wurde gefördert von der Robert-Bosch-Stiftung Stuttgart und fand vom 23. August bis zum 6. September 2010 auf MARIPOSA statt. Das Regierungspräsidium wird in einem Schreiben an alle Gymnasien und Beruflichen Gymnasien im Regierungsbezirk das Kulturprojekt MARIPOSA und die „Bildungsoffensive MARIPOSA“ vorstellen, auf die Erfahrungen des Geschwister-Scholl-Gymnasiums verweisen und die Möglichkeit für andere Gymnasien, sich an diesem Prozess zu beteiligen, darstellen.
Richard von Weizsäcker schrieb ins MARIPOSA-Gästebuch
„Von Ruhe umgeben und angeleitet von der Kunst können wir frisches und schöpferisches Denken lernen und gemeinsame Maßstäbe für unser Handeln gewinnen. Wir brauchen diese politische Kraft menschlicher Kultur.“
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