Regionalgeld ist angewandte Kapitalismuskritik. "Kapitalismuskritik", weil die Betrachtung der Wirtschaftswelt aus Sicht des Geldes Kritikpunkte an unserer Art des Wirtschaftens offenbart, "angewandt", weil Regionalgeld als umsetzbares und in verschiedenen Regionen umgesetztes Werkzeug die Kritik nicht nur im Reden sondern im Tun real werden läßt. Unser Wirtschaftssystem ist nicht perfekt. Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrisen, eine zunehmende Schere zwischen Arm und Reich sowie die Umweltzerstörung sind Aspekte, die deutlich machen: Es gibt sehr viel Raum für Verbesserungen. Ein Beispiel: Geldvermögen wachsen durch Zins und Zinseszins exponentiell. Geld stellt jedoch einen Anspruch ans Bruttoinlandsprodukt (BIP) dar, also quasi ein Anteilsschein auf die Menge aller produzierten Produkte und Leistungen einer Volkswirtschaft. Wachsen die Geldvermögen immer weiter, so bedeutet dies, daß immer mehr Ansprüche auf ein Stück des BIP-Kuchens existieren – entsprechend müßte das BIP mindestens mit derselben Wachstumsrate wachsen, wie die Ansprüche darauf. In der Realität passiert dies nicht, dort wachsen die Geldvermögen (=Ansprüche) derzeit mit ca. 5% pro Jahr während das BIP "nur" auf ca. 2% kommt. Aus den wachsenden Ansprüchen des Kapitals (Kapitaleinkommen) läßt sich ableiten, daß die Ansprüche der Arbeit (Arbeitseinkommen) tendenziell sinken müssen:

Abbildung 1: Arbeitseinkommen = BIP - Kapitaleinkommen
Ist vor dem Hinblick solch einer Entwicklung schrumpfende Löhne bei steigenden Preise verwunderlich?
Doch es gibt weitere Entwicklungen, die uns darüber nachdenken lassen sollten, wie wir künftig wirtschaften wollen. Eine dieser Entwicklung wird mit dem Schlagwort "Peak Oil" umschrieben. Es kennzeichnet die Situation, daß die Nachfrage nach Öl weiter steigt, während die Fördermenge auf ihren Höhepunkt zustrebt. Es befinden sich zwar noch sehr große Mengen Öl im Erdboden, allerdings wird es zunehmend schwerer, die Fördergeschwindigkeit mit der Verbrauchsgeschwindigkeit in Einklang zu halten. Steigende Öl-Preise sind erst der Beginn, knapper werdendes Öl destabilisiert jedoch die eingefahrenen Wirtschafts-Wege, denn Öl ist Grundlage jedes Transports, bei der Produktion von chemischen Verbindungen (z.B. Plastik), in der Landwirtschaft (Öl als Grundlage für Düngemittel) usw.

Abbildung 2: Das Peak Oil-Problem auf Basis eines 2004er Szenarios
Dazu Lester Brown, Präsident des Earth Policy Institut in der ARTE-Doku "Die demografische Zeitbombe - 2030" (Sendedatum 27.03.2007):
"Wenn in China im Jahr 2030 auf 3 Menschen 4 Autos kämen wie heute bei uns, wären das 1,1 Milliarden Autos. Die gesamte Weltflotte liegt derzeit bei 800 Millionen. China würde dann täglich 99 Millionen Barrel Öl verbrauchen. Heute liegt die Weltproduktion bei 84 Millionen täglich. Und das lässt sich nicht wesentlich steigern.
China zeigt uns eines ganz deutlich: Das westliche Modell einer ölabhängigen, autozentrierten Wegwerfgesellschaft funktioniert dort nicht. Und es funktioniert nicht für Indien, wo bald vielleicht sogar noch mehr Menschen leben und nicht für die 3 Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern, die ebenfalls den amerikanischen Traum träumen."
Ergänzend möchte ich fragen: Wie kann dieses Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell dann langfristig in der westlichen Hemisphäre funktionieren?
Globalisierung ist toll!
Wir können
global reisen
global kommunizieren
global arbeitsteilen
und es entsteht ein globales Bewusstsein! (Stichwort: Klimaschutz)
Aber unsere Art der Globalisierung birgt Probleme:
Überregionale Probleme wie
Peak Oil-Problem
Kreditkrise ausgehend vom US-Immobilienmarkt
globale Arbeitslosigkeit
globale Umweltzerstörung
Preisanstieg bei Rohstoffen
sinkende Löhne
sowie regionale Probleme wie
Kaufkraftabfluss
Abwanderung
Strukturschwäche
Regionalgeld bzw. Regionalwährungen können Werkzeuge sein, um diese Probleme anzugehen. Sie stellen zugleich ein fachübergreifendes "Spielfeld" dar:

Abbildung 3: Regionalgeld als fachübergreifendes Instrument
Ein Grundprinzip der (produzierenden) Ökonomie lautet: Jedem Geld-Fluß steht ein Leistungs-Fluß in entgegengesetzter Richtung gegenüber. Oder anders: Immer wenn jemand Geld ausgibt, um damit eine Leistung zu kaufen, fließt diese Leistung in Gegenrichtung des Geld-Flusses. (Abb. 4)

Abbildung 4: Leistungsfluss <--> Geldfluss
Dieses Grundprinzip kann nun in einen geografischen Kontext gesetzt werden (Abb. 5)

Abbildung 5: Geld in einem geografischen Kontext
und macht dabei deutlich: Geld fließt aus jenen Regionen ab, die besonders viele Waren und Leistungen importieren und es fließt zu jenen Regionen, in denen diese Leistungen produziert werden. Da Menschen jedoch nur dort ihre Leistung verkaufen können, wo das Geld zum Kauf dieser Leistung vorhanden ist, fließen die Menschen dem Geld hinterher. Abwanderung folgt in riesigen Währungsräumen, in denen keine Puffer mehr zwischen wirtschaftsstarken und strukturschwachen Regionen vorhanden sind.
Regionalgeld funktioniert nach denselben Prinzipien: Jedem Geldfluss steht ein Leistungsfluss gegenüber (Abb. 6).

Abbildung 6: Regionalgeld funktioniert nach denselben Gesetzen, nur kleinräumiger
Allerdings können Erlöse in Regionalgeld nicht außerhalb der Region ausgegeben werden und fließen deshalb immer wieder in die Region zurück, in der sie erzielt wurden (Abb. 7).

Abbildung 7: Wirkung: Kaufkraft bleibt regional gebunden und vermittelt regional Aufträge
Die im Regionalgeld gebundene Kaufkraft zirkuliert regional, setzt regionale Produkte und Leistungen um, fördert lokale Unternehmen (vor allem KMU) und damit auch den Arbeitsmarkt.
Zusammenfassung Regionalgeld:
Regio ergänzt Euro, Freiwilligkeit der Nutzung
Kaufkraftbindung
regionale Wirtschaftskreisläufe
regionale Wertschöpfungsketten
Versorgungssouveränität
Produktion rückt näher zum Konsum
Transportwege verkürzen sich
Vision: Europa der Regionen (Abb. 8)

Abbildung 8: Europa der Regionen - geformt durch regionale Wirtschaftskreisläufe, ergänzt durch kontinentalen Leistungsaustausch
Global gesehen läßt sich daraus die Entwicklung eines mehrdimensionalen Währungssystems ableiten: Kleinräumigere Währungssysteme ergänzen die bereits existierenden National- oder Kontinentalwährungen, die ihrerseits um eine globale, supranationale Währung ergänzt werden.

Abbildung 9: Mehrdimensionales Währungssystem
Regionalgeld ist ein Werkzeug, welches sich durch seine Nähe zum Menschen auszeichnet:
Regionalgeld
liegt im Einflußbereich
erweitert den Einflußbereich
wirkt auf Wirtschaftsstrukturen
konkrete Globalisierungs-Ergänzung
Dafür statt Dagegen
schafft Handlungsspielraum
bildet Bewußtsein
Dadurch unterscheidet es sich von vielen anderen Instrumenten und Strategien, die oft darauf abzielen, globale Entwicklungen zu beeinflussen oder anzustoßen und dabei übersehen, daß sich das Globale ebenfalls aus dem Lokalen zusammensetzt und deshalb dort der erste Ansatz zu suchen sein sollte.

Abbildung 10: Netzbewusstsein
Regionalgeld hilft, die Auswirkungen des eigenen ökonomischen Handelns vor Augen zu führen. Vernetztes Denken tritt verstärkt zu Tage.
Investieren | Kaufen |
bewusst | bewusstlos |
zielgerichtet | ziellos |
langfristig orientiert | kurzfristig orientiert |
Auswirkungen einbeziehend | Auswirkungen ausblendend |
Regionalgeld gibt uns als Geldbenutzer ein Werkzeug in die Hand, mit dem wir mitbestimmen können, wie gewirtschaftet wird. Dies ergibt sich aus dem Phänomen, daß Menschen die Regionalgeld einnehmen, dies immer wieder regional ausgeben müssen und sich dadurch ihre Lieferantenstruktur ändert – hin zu einer regionalen Orientierung.
Doch Regionalgeld berührt noch tieferliegende Fragen unserer Ökonomie. Es stellt nämlich auch die Frage in den Raum:
Wem gebührt in einer demokratischen Gesellschaft das Recht auf Geldschöpfung?
(Zusammenfassung eines Vortrages im Rahmen der Umweltringvorlesung "Politik machen mit dem Einkaufskorb" an der TU Dresden am 6. Dezember 2007)
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Dipl. Wirt. Inf., verbreitet seine Sicht auf die WeltPolitik zum Beispiel im feldblog (www.feldpolitik.de) und spielt mit Regionalen Währungen (www.regionales-wirtschaften.de)
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