Unredlichkeit in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wird gesellschaftsfähig. Unethisches Verhalten scheint nicht nur nicht länger Grund für ein schlechtes Gewissen zu sein, nein, schlimmer noch: ein Massstab, was redlich und was unredlich ist, ist uns verloren gegangen. Erste Anzeichen einer Trendwende sind jedoch in Sicht.
05.09.2006 | Gesellschaftspolitik
Von Ulf D. Posé
Unredlichkeit in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wird gesellschaftsfähig. Unethisches Verhalten scheint nicht nur nicht länger Grund für ein schlechtes Gewissen zu sein, nein, schlimmer noch: ein Massstab, was redlich und was unredlich ist, ist uns verloren gegangen. Erste Anzeichen einer Trendwende sind jedoch in Sicht: Es gibt erste Anzeichen einer neuen Redlichkeit.
Spätestens seit der Spruch: «Jeder denkt nur an sich, damit ist ja an alle gedacht» seine erfolgreiche Runde macht, ist es in unserer Kultur mit der Redlichkeit vorbei. Erziehung fi ndet oft nicht mehr in Familien, eher vor dem Fernseher statt. Die Delegation an die Kindergärten oder an die Lehrer in Schulen funktioniert nicht, da hier Erziehung eher verweigert wird. So bleiben die Unternehmen als Kaderschmieden übrig. Und was lernen wir da? Sei opportunistisch, wenn du Karriere machen willst, schau auf den berühmten Shareholder Value.
Kapitalmehrung scheint das einzig Wichtige zu sein. Die Globalisierung fordert von uns, nur noch zu schauen, wo die besten Produktionsbedingungen herrschen, wo die besten rahmenpolitischen Voraussetzungen sind und wo wir über die Umwelt besonders billig verfügen können. Die Geburtenrate ist in diesem Jahr zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik geringer als 1946. Kinder sind zum teuren Kostenfaktor geworden.
Was ist los? Wir reden von gesellschaftlicher, unternehmerischer Verantwortung, und es ist keiner da, der bereit ist, sie persönlich wahrzunehmen. Wir wundern uns, dass es möglich ist, mit einem Vollzeitjob weniger zu verdienen, als jemand, der nicht arbeitet.
Eine neue Unredlichkeit macht sich breit. Früher wussten Menschen noch, dass sie unredlich waren, wenn sie sich unredlich benahmen, sie hatten zumindest ein schlechtes Gewissen. Heute erleben wir eine neue Form der Unredlichkeit, in der Menschen sich völlig daneben benehmen mit dem Gefühl, redlich zu sein.
Das Wesen der neuen Unredlichkeit ist es also, unredlich zu sein, ohne es zu bemerken. Dagegen sollten wir, müssen wir etwas tun. Wir müssen wieder Bewusstsein entwickeln für das, was unredlich ist und wir benötigen ein Bewusstsein dafür, was zukünftig redlich ist.
Was ist passiert? Spätestens seit 1903 George Edward Moore seinen Emotivismus in der Ethik entwickelte, haben wir eine Ethik der Neigungen. Es ist seitdem ethisch gut, wenn wir uns bei dem, was wir tun, gut fühlen. Dieser emotionale Brei trägt einen Grossteil der Verantwortung für die neue Unredlichkeit.
Der zweite Aspekt ist der Hang zu einer Gesinnungsethik. Wenn meine Gesinnung eine redliche ist, dann fragen sich viele Menschen nicht mehr, ob sie diese Gesinnung auch an eine entsprechende Handlungskompetenz koppeln. So kommt es zu einer unsäglichen Paarung von gutem Gewissen und Inkompetenz. Ich richte den grössten Mist an und fühle mich auch noch gut dabei.
Dann haben wir drittens eine das Gewissen beruhigende Betroffenheitskultur entwickelt. Bei Lichterketten mitzumachen erscheint uns sinnvoller, als etwas konkret zu unternehmen. Manche Menschen rührt das Elend in Afrika mehr, als das Elend nebenan. So leiden wir unter Fernstenliebe; die Nächstenliebe ist auf der Strecke geblieben.
Das scheinen mir die grundsätzlichen, generellen Merkmale der neuen Unredlichkeit zu sein. Daneben haben wir europäische Formen des Cargokults entwickelt. Cargo war ein Kult aus Melanesien. Dort landeten Militärflugzeuge der Amerikaner. Sie enthielten alle wunderbaren Güter dieser Welt und schienen Geschenke des Himmels, der Ahnen zu sein. Auf den Flugzeugen stand «Cargo» (Fracht). Die Melanesier glaubten nun, wenn sie solch ein Flugzeug anbeteten oder die Rituale der Amerikaner nachahmten, würden ihre Ahnen auch ihnen solche Flugzeuge mit diesen Gütern schicken. So bastelten sie kleine Flugzeuge aus Holz, schrieben Cargo auf den Rumpf, stellten sie in ihre Tempel und beteten sie an.
So benehmen wir uns heute auch. Wenn Unredlichkeit mein Cargo mehrt und ich von niemandem bestraft werde, dann bin ich halt unredlich. Was soll’s, macht doch jeder so!
So bestimmen heute Cargo-Kulte unsere Welt. Der Strom kommt aus der Steckdose, der neue Markt hat eine Zeitlang auf tolle Art und Weise unser Vermögen vermehrt, Geld benötige ich sowieso nicht, ich habe doch eine Kreditkarte. Typisches Cargo ist das Nachäffen. Ich trage die Frisur von David Beckham und fühle wie er, ich trage die gleiche Uhr wie mein Chef, dann bin auch ich bald so erfolgreich wie er, wir werden abhängig von unserer Wohnungsausstattung, damit sie unser Prestige mehren hilft, unser Abendessen schmeckt uns nur noch, wenn wir es bei «unserem» Italiener einnehmen. Wer die Statussymbole nicht trägt, gehört nicht dazu. Das ist Cargo.
Sollte uns die wichtigste unserer Ressourcen, unsere Lebenskultur, wichtig sein, dann ist eine neue Redlichkeit gefordert. Jeder von uns könnte eine Erneuerungsquelle unserer Gesellschaft sein, wenn jeder von uns sich dazu entschliesst, eine neue Redlichkeit in den Mittelpunkt seines Handelns zu stellen.
Es gibt erste Anzeichen einer neuen Redlichkeit. Solche Anzeichen sind derzeit die kollektive Ablehnung von Kriegen, der immer bewusster werdende Umgang mit der Umwelt und der Versuch, eine neue soziale Gerechtigkeit zu finden und zu formulieren.
Redlichkeit ist für mich der Anspruch eines Menschen, sich unabhängig von sozialen Systemen und deren Vorgaben sozial verträglich zu verhalten. Das muss die Messlatte sein. Damit dies gelingt, bedarf es der Erfüllung einiger Bedingungen, die eine neue Redlichkeit ausmachen werden.
Solche Bedingungen sind für mich:
Das scheinen mir gute Grundlagen für das Entstehen einer neuen Redlichkeit zu sein. So stellt sich, wenn wir Unredlichkeit nicht wollen, die Frage nach einer neuen Redlichkeit. Wenn wir ein Interesse an Eigenverantwortung, Selbständigkeit, Glaubwürdigkeit und einer sozial verantwortlichen Gesellschaft haben, dann können wir nicht mehr andere auffordern, dann werden wir wohl selbst Vorbild sein müssen. Es kann sein, dass wir damit scheitern, aber wir sollten doch wenigstens für eine gute Sache gekämpft haben. Genau dort sind wir persönlich gefordert, denn wenn wir auf andere warten, warten wir vielleicht auf Godot, und der kam bekanntlich nie.
Erschienen auch auf Perspektive Blau.
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