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Anis Hamadeh

Blicke nach vorn

02. November 2004


Eine interessante Idee, dieser Politik-Poker. Engagierte Leute aus den unterschiedlichsten Bereichen des Lebens in Deutschland geben ihren Senf zur Lage der Nation. Ungefähr fünfzig Beiträge gibt es heute, Ende Oktober 2004. Gerade habe ich sie gelesen, mir schwirrt noch der Kopf. Auf Schriftgröße 12 in Times-Schrift sind es zusammen mehr als 100 Seiten Text. Manche haben eine Seite geschrieben, andere fünf. Darunter sind viele Beiträge, in denen es darum geht, was man insgesamt besser machen muss, müsste, sollte, könnte. Politische Analysen sind dabei, Vorschläge, Mahnungen, Anmahnungen, Wünsche, Prognosen, die ganze Palette.

Vor einigen Wochen bekam ich eine Mail von Christian, der mich fragte, ob ich teilnehmen möchte. Ich sah mir die Site www.politik-poker.de an und fand, dass es ein unterstützenswertes Projekt ist. Also sagte ich zu. Ich erzähle das, weil ich ein Erzähler bin. Anders gesagt: Wenn man nach vorn blickt, dann sieht man dort etwas, über das man berichten kann. Man kann es auch analysieren, aber das ist etwas anderes. Hier ist ein Beispiel, um den Unterschied zu illustrieren: (1) 50 Leute werden eingeladen, sich zum Thema "Politik von Morgen" zu äußern. Die Beiträge werden gesammelt in einem Buch und alle 50 lesen dieses Buch und kucken, was die Anderen zu diesem Thema geschrieben haben. (2) Dieselben Leute verbringen ein Wochenende miteinander und lernen sich kennen, dieses Mal persönlich.

Die Wahrnehmung und Einschätzung des jeweils Anderen wäre in (1) und (2) voraussagbar unterschiedlich. Das sind wir selbst. Wir machen das selbst. Zu den positiven Stereotypen in Bezug auf Deutsche gibt es beides: Deutsche als Analytiker und Deutsche als Erzähler. Es sind gewissermaßen zwei Seiten einer Medaille, da, wo die Kommunikation funktioniert. Unsere Kommunikation funktioniert aber auf gesellschaftlicher Ebene nicht, daher bevorzuge ich das Erzählen, um zu versuchen, zurückzufinden. Aber halt! Ging es nicht um Blicke nach vorn? Wieso gehe ich immer rückwärts? Es muss Probleme gegeben haben in der Vergangenheit. Wir haben uns verloren. Ich glaube, wenn wir nach vorn blicken wollen, müssen wir uns wiederfinden.

Wir. Oh Gott, wie soll ich denn jetzt weiterschreiben? Ich habe gerade ein "Wir" produziert. Das gibt nur wieder Ärger, von außen und innen. Naja, ist doch bekannt: je mehr Leute, desto mehr Probleme. Sie kennen das doch auch: Man kommt in den Pferch und muss sich auseinandersetzen. Man muss seine Position wahren, sein Ding versuchen einzubringen, auch zuhören, ja ja, natürlich. In diesem "Wir" sind dann wieder diese Leute, die alles bestimmen wollen, und diese Psychopathen, die Träumer und all diese Egos Egos Egos, und am Ende geht es wieder schief, so wie immer. Das ist ja der Mist: Eigentlich wollen die Meisten dasselbe wie ich, aber es geht trotzdem immer wieder schief.

Klar, gesellschaftliche Veränderungen können nur von einem "Wir" getragen werden, aber wir wissen ja, wohin das führen kann. Dieses Dilemma. Und was wir alles glauben! Wir glauben, dass Gruppen nun mal so sind (bzw. dass es so etwas wie Gruppen gar nicht gibt), wir glauben, dass man gegen Gewalt letztlich machtlos ist. Wir glauben, dass wir nichts damit zu tun haben. Nein! ich will das nicht. Lasst mich los!! Ich tue es nicht! Wieder Nein, nicht ihr seid das, ich bin das! Ich muss euch loslassen. Der Blick nach vorn. das sind die Veränderungen, durch die ich gehen werde. Mehr weiß ich nicht.


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