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Jochen Klein

Bildung ist Hoffnung

02. Mai 2006


Geschichten von rechtlosen chinesischen Arbeitern, die für eine warme Mahlzeit bis zum Umfallen arbeiten, sind nicht selten in Deutschland. Oft sollen sie zeigen, wie schlecht es den Menschen allgemein in China geht (und nicht selten, werden sie benutzt, um zu untermauern, dass die Deutschen Arbeitnehmer im Vergleich zum Arbeiter im "Billiglohnland China" zu anspruchsvoll sind).

Und es stimmt: Es gibt in China viele Menschen, die um ihr pures Überleben kämpfen. In ihrer Verallgemeinerung sind diese Storys allerdings so wahr, wie die Behauptung der Chinesen, alle Deutschen seien bienenfleißig und produktiv. (Wer einmal einen Tag in einem beliebigen deutschen Unternehmen verbracht hat, weiß, wie viele Menschen in Deutschland die meiste Zeit des Arbeitstages mit "Arbeitsvermeidungsstrategien" beschäftigt sind.)

Die Einkommensunterschiede sind in China riesig - nicht nur über die verschiedenen Bildungsschichten hinweg, sondern auch regional. So könnte ein einfacher Ingenieur, der in Shanghai mit vielleicht knapp 1000 Euro im Monat nach Hause geht, in Beijing für die gleiche Arbeit mit 1500 Euro rechnen, während er in der Provinz nur 500 Euro verdienen würde. Aber auch die Lebenshaltungskosten sind in der jeweiligen Region entsprechend.

Und während der Ingenieur in Shanghai mit seinem Gehalt deutlich über dem verfügbaren Pro-Kopf-Einkommen von rund 1700 Euro jährlich liegt, sind beispielsweise Fahrer schon für etwa 100 bis 150 Euro und Haushaltshilfen ab 50 bis 60 Euro im Monat zu haben.

Tatsächlich gibt es Millionen Menschen ohne Ausbildung, die sich als Wanderabeiter oder mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Für diese bildungsfernen Schichten, ist das Leben schwierig - auch in Shanghai. Und in einigen Provinzen gibt es in den lokalen Regierungsstellen Beamte, die die Vorgaben der Zentralregierung, was Mindeststandards etwa bei Beschäftigung und Sicherheit angeht, aushebeln und beispielsweise Betreibern privater Kohlebergwerke nach Absprache erlauben, die Bergwerke ohne Sicherheitsvorkehrungen zu betreiben und die Arbeiter zu "entrechten".

Im Fall der Kohlebergwerke hat die Zentralregierung auf die Probleme reagiert - 7000 werden geschlossen oder sind es bereits. Und auch die allgemeinen Arbeitnehmerrechte werden mit einem neuen Gesetz gestärkt, dass etwa vorsieht, dass ein Arbeitnehmer, mit dem kein Arbeitsvertrag abgeschlossen wird, automatisch einen Arbeitsvertrag erhält, der Mindeststandards vorsieht. Auch die Möglichkeit zur Durchsetzung der Arbeitnehmerrechte soll verbessert werden - wobei Chinas Gerichte bereits als arbeitnehmerfreundlich gelten.

Den vielen Chinesen, die froh sind, wenn sie überhaupt Arbeit haben, hilft das kurzfristig trotzdem nur wenig. Zumal sie noch mit vielen anderen Problemen und Fallstricken der Bürokratie zu kämpfen haben. Wie etwa Yuansheng. Der 38-jährige lebt in der Provinz Sichuan, hat zwei Söhne im Alter von 11 und 7 Jahren und lebt in "wilder Ehe" mit der Mutter der beiden Kinder. Seine Schulbildung ist äußerst bescheiden, sein Leben von täglichen Problemen geprägt. Er verdient etwa 3 Euro am Tag, davon kann er einigermaßen leben und in der Provinz seine Familie ernähren. Wenn er denn Arbeit hat und nicht zusätzlich andere Schwierigkeiten bewältigen muss.

So ist etwa der zweite Sohn nicht im Krankenhaus geboren, weshalb es keine offizielle Bescheinigung seiner Geburt gibt - der Nachwuchs ist nicht registriert. Jetzt steckt Yuansheng in den Mühlen der Bürokratie. Denn ohne Registrierung muss er für seinen Sohn ein höheres Schulgeld bezahlen, dabei fällt es ihm je nach Beschäftigungslage schon jetzt manchmal nicht leicht, das in seiner Stadt normale Schulgeld in Höhe von rund 25 Euro pro Kind im Jahr aufzubringen.

Eine Registrierung sei grundsätzlich kein Problem, sagen ihm die lokalen Behörden, er müsse allerdings ein Bußgeld von mehr 2000 Euro für das zweite Kind bezahlen. Wie er das finanzieren soll, bleibt natürlich ein Rätsel.

Die Zentralregierung führt zwar gerade schrittweise die Befreiung von Schulgeld ein, aber für seinen nicht registrierten Sohn müsste Yuansheng trotzdem zahlen. Außerdem hat der heute 7-jährige Sohn ohne Registrierung später erheblich größere Schwierigkeiten zu erwarten. Aus dieser Zwickmühle gibt es für den Familienvater kein Entkommen, seine einzige Hoffnung ist die Zentralregierung - und an die hat er jetzt mit Hilfe seiner Schwester geschrieben.

Trotz aller Widrigkeiten beklagt sich Yuansheng nicht über seine Lebensumstände. Er habe eben nichts gelernt, sagt er, da müsse er eben annehmen, was sich biete. Aber seinen Kindern will er möglichst bessere Startvoraussetzungen mitgeben. Sie sollen zumindest eine normale Schulbildung erhalten.

Eine gute Ausbildung ist für viele Millionen Chinesen die einzige Chance, zukünftig zu etwas mehr Wohlstand zu kommen. Das ist der Grund, warum viele Familien jeden verfügbaren Yuan in die Ausbildung ihres Nachwuchses stecken. Auch der arbeitet dann oft bis zum Umfallen, um etwa gegen die harte Konkurrenz anderer Auszubildender und Studenten bestehen zu können und in die Mittelschicht aufzusteigen. Bildung ist Hoffnung - nicht nur in China.


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