Wurden früher weiche Kontrollen von der Großfamilie oder der Dorfgemeinschaft wahrgenommen, treten Netzwerke heute an, diese Lücke neben Rückwärts-Auktionen und Verdingungsleistungen zu schließen.
15.10.2007 | Gesellschaftspolitik
Von Jürgen Henke
„Unerkannte Mittler“ wurden sie in einem linken, friedensbewegten Webportal(1) genannt. Eine „wichtige Scharnierfunktion“(2) wird ihnen von Dr. Lutz Bertling zugeschrieben. Auf jeden Fall verbindet sie eines: Das Studium an einer der Universitäten der Bundeswehr. Hier ist die Rede von den Alumni der Bundeswehruniversitäten in Hamburg und München.
Mehr als 30.000 Männer und seit einigen Jahren auch Frauen haben das Studium an einer der Universitäten der Bundeswehr absolviert. Sie alle haben sich für mindestens 12 Jahre verpflichtet und sie alle durchlaufen eine strenge militärische und Führungsausbildung. 1973 wurden die Universitäten der Bundeswehr vom damaligen Verteidigungsminister Helmut Schmidt aus der Taufe gehoben. Schmidt erkannte diese Maßnahme aus zwei Gründen als außerordentlich wichtig:
Das dieses Konzept aufgegangen ist, beweisen die Karrieren der Absolventen und ihr Netzwerk, das mittlerweile mehr als 4.000 Mitglieder verzeichnet. Es basiert auf 14 regionalen und Fachnetzwerken(3). Im Netzwerk finden sich Studenten, Absolventen, die kurz vor ihrem Ausscheiden aus den Streitkräften stehen bis hin zu Vorständen, Geschäftsführern und Führungskräften aller Ebenen aus fast allen deutschen und internationalen Unternehmen(4).
Prominente Gäste aus Politik, Wirtschaft und Bundeswehr, unter ihnen Innenminister Günther Beckstein, Dr. Lutz Bertling und Vizeadmiral Wolfram Kühn sprachen auf dem letzten Alumnikongreß Mitte September 2007 in München.
Aber was treiben diese Alumni denn nun auf der Schnittstelle zwischen Universitäten, Bundeswehr, Wirtschaft und öffentlichem Dienst? Ein regelmäßiges Klassentreffen abhalten? Wohl zu kurz gesprungen, denn die wenigsten kennen sich tatsächlich aus ihrer aktiven Zeit. Die Wirtschaft und die Politik unterwandern? Wohl kaum, unter anderem weil die Strukturen hierarchiefrei sind. Nicht einmal ein Verein wird von den Mitgliedern gewollt(5).
Richtig ist: Sie alle sind durch eine gemeinsame „Schule“ gegangen, die mit der Entscheidung für eine 12-jährige Laufbahn beginnt und sich über die Auswahl an Deutschlands größtem Assessment-Center, der Offizierbewerberprüfzentrale (OPZ) in Köln, verschiedenste Laufbahnlehrgänge und eben das Studium in München oder Hamburg zieht. Sie alle verfügen über einen gemeinsamen Zeichensatz, den sie in der Bundeswehr gelernt und geübt haben. Vor allem aber verbindet sie bis heute ein Kanon von Tugenden, die in anderen Unternehmen vielleicht zur „Corporate Identity“ gehören, aber das Gleiche beinhalten:
Dieses „Untereinander ähnlich sein“ erklärt wohl den Erfolg der Alumni-Bewegung mit durchschnittlich mehr als 100 Neuzugängen pro Monat. Ihr Benefit ist der gleiche, wie der für jeden anderen in einem Netzwerk:
Diese Hintergründe und Motive zusammen vermögen wohl das ehrenamtliche Engagement zu erklären, das die Organisatoren des Netzwerkes und der Kongresse investieren. Sie alle haben gelernt und bewiesen, daß jeder in diesem Netzwerk sich ganz besonders ins Zeug legt, wenn ein anderes Mitglied ihm eine Chance gibt, sich zu beweisen.
Solche Netzwerke fungieren damit als zusätzliches Kontrollsystem in einer modernen Gesellschaft. Gegenüber anderen Netzwerkmitgliedern leistet sich keiner eine Blamage, denn er verliert damit sein Gesicht vor allen im Netzwerk und nicht nur vor seinem Auftrag- oder Arbeitgeber. Wurden früher solche „weichen“ Kontrollen von der Großfamilie oder der Dorfgemeinschaft wahrgenommen treten Netzwerke heute an, diese Lücke neben Rückwärts-Auktionen und Verdingungsleistungen zu schließen.
Alumni-Netzwerke haben in Großbritannien und den USA eine lange Tradition. Vielleicht sind die Alumni beider Universitäten der Bundeswehr hier in einer Vorreiterrolle?
(1) http://www.german-foreign-policy.com vom 26. September 2007
(2) Rede von Dr. Lutz Bertling, CEO von Eurocopter auf dem Münchener Kongress
(3) Regionale und Fachgruppen auf Google Maps
(5) Befragung der Teilnehmer des Münchener Kongresses
(6) Nach „XING – Das Buch“ von Stephan Lamprecht, Hannover 2007
Diesen Artikel:
drucken | per E-Mail weiterempfehlen
Politik-Poker folgen:
Newsletter abonnieren
RSS-Feed abonnieren
auf Twitter folgen
gefällt-mir-in-Facebook
Artikel zu den Stichworten
Artikel aus der Kategorie: Gesellschaftspolitik
Neue Artikel